Einzelhandel in der Krise: „So verkommen Innenstädte zu Museen“
Deutsche Innenstädte verzeichnen trotz kurzzeitigem EM-Anstieg einen Besucherrückgang, was besorgniserregend für den Einzelhandel ist.

Insgesamt verzeichnen deutsche Innenstädte einen Rückgang der Besucher. © Wikimedia
Im Einzelhandel beobachten Händler einen deutlichen Rückgang der Kunden: Trotz der Fußball-Europameisterschaft, die mehr Menschen in die Städte lockte, bleibt die Situation für deutsche Innenstädte angespannt. Der Handelsverband Deutschland (HDE) nennt mehrere Gründe für diese Entwicklung.
Fußballfans belebten die Innenstädte vorübergehend. Der Dienstleister Hystreet, der die Entwicklung der Passantenzahlen beobachtet, meldet, dass die Königsstraße in Stuttgart im Juni 2024 fast 37 Prozent mehr Besucher verzeichnete. In München, Gelsenkirchen und Dortmund stiegen die Zahlen ebenfalls deutlich an. Dieser Sondereffekt beeinflusste die Halbjahreszahlen positiv. Hystreet berichtet von einem Plus von 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Händler sorgen sich um Kundenrückgang
In einer Umfrage des HDE gaben zwei Drittel der 800 befragten Händler an, weniger Kunden an ihren stationären Standorten zu sehen. „Diese Umfrageergebnisse machen uns Sorgen“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Er betont jedoch, dass die verbliebenen Kunden klare Kaufabsichten hätten, was die Umsatzentwicklung stabilisiere. Von Januar 2024 bis April 2024 stiegen die Erlöse im Einzelhandel nominal um 2,3 Prozent, nach Abzug der Preissteigerungen stagnieren die Zahlen jedoch.
Der HDE hält an seiner Jahresprognose fest, die ein nominales Wachstum von 3,5 Prozent und ein reales Plus von 1,5 Prozent vorhersagt. Genth zeigt sich optimistisch für das zweite Halbjahr, besonders wegen des Weihnachtsgeschäfts. Trotz Reallohnsteigerungen für 70 bis 80 Prozent der Arbeitnehmer bleibt die Sparquote hoch. Genth spricht von einer „Konsumverweigerungsquote“.
Schlechte Erreichbarkeit und hohe Mieten
Alexander von Preen, Präsident des HDE, kritisiert laut WELT die schlechte Erreichbarkeit der Innenstädte. „Wenn man den Individualverkehr in einer Stadt begrenzen will, muss der öffentliche Nahverkehr engmaschig und zuverlässig sein“, sagt er. Von Preen warnt davor, wichtige Straßen für den Verkehr zu sperren, ohne Alternativen anzubieten. „So verkommen die Innenstädte zu Museen“, fügt er hinzu.
Ein Drittel der befragten Händler plant keine Investitionen für 2024. Fehlende Einnahmen und steigende Kosten zwingen viele, ihre Investitionen zu reduzieren. Besonders hoch ist der Bedarf in den Bereichen Digitalisierung, Werbung, Kommunikation, Personalgewinnung sowie bei der Weiterentwicklung von Sortimenten und Produkten.
HDE fordert politische Unterstützung
Um die Innenstädte zu revitalisieren, fordert von Preen politische Unterstützung, etwa durch verbesserte Abschreibungsbedingungen für Investitionen. Solche Maßnahmen könnten multifunktionale Innenstädte erhalten und Arbeitsplätze sichern. Der HDE berichtet, dass zwischen 2018 und 2023 rund 46.000 Geschäfte in Deutschland schlossen. Für dieses Jahr erwartet der Verband weitere 5.000 Schließungen.
Hohe Mieten stellen ein großes Problem dar. Von Preen fordert umsatzbezogene Mieten, da Leerstände schwer zu beseitigen sind. Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IfH Köln), warnt, dass langfristig immer weniger Einzelhändler die hohen Mieten zahlen können. „Die Politik muss hier dringend die Rahmenbedingungen verändern“, sagt von Preen.
Events beleben Innenstädte
Julian Aengenvoort, Geschäftsführer von Hystreet, sieht in Events einen Schlüssel für belebte Innenstädte. Großveranstaltungen wie die Fußball-EM sowie Stadtfeste und City-Events könnten die Passantenzahlen erhöhen. Ob die Fußballfans langfristig eine Belebung bringen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen, wenn die endgültigen Zahlen vorliegen.
Was du dir merken solltest:
- Trotz eines kurzzeitigen Anstiegs der Passantenzahlen während der Fußball-Europameisterschaft verzeichnen deutsche Innenstädte insgesamt einen Rückgang der Besucher, was den Einzelhandel besorgt.
- Händler berichten von stabilen Umsätzen durch kaufwillige Kunden, dennoch sind fehlende Investitionen und hohe Kosten eine Herausforderung, wobei schlechte Erreichbarkeit und hohe Mieten als zentrale Probleme genannt werden.
- Der Handelsverband Deutschland fordert politische Unterstützung, um die Innenstädte zu revitalisieren, und hebt die Bedeutung von Events zur Belebung der städtischen Zentren hervor.