Bill Gates will Kondensstreifen verhindern – das könnte bis zu 2 Prozent der Erderwärmung vermeiden
Bill Gates will mit geänderten Flugrouten Kondensstreifen vermeiden. Laut seiner Schätzung könnte das die Erderwärmung um bis zu 2 Prozent senken.
Kondensstreifen entstehen, wenn Wasserdampf aus Flugzeugabgasen in kalter Höhenluft zu Eiskristallen gefriert. Laut Bill Gates könnten schon kleine Änderungen der Flugrouten ihre Klimawirkung erheblich verringern. © Pexels
Die weißen Streifen am Himmel sehen harmlos aus, tragen aber mitunter erheblich zur Erderwärmung bei. Manche verschwinden nach wenigen Minuten, andere halten sich stundenlang und verhindern, dass Wärme ins Weltall entweicht. Dabei verursachen nur zwei Prozent aller Flüge rund 80 Prozent der erwärmenden Kondensstreifenwirkung. Microsoft-Gründer Bill Gates sieht darin eine ungewöhnlich günstige Möglichkeit, die Erderwärmung zu bremsen.
Nach seiner Einschätzung müssten lediglich fünf Prozent aller Flüge ihre Route geringfügig ändern. Damit ließen sich möglicherweise bis zu zwei Prozent der gesamten globalen Erwärmung vermeiden. Auf seinem Blog Gates Notes beziffert Gates die Kosten auf nur ein bis zwei US-Dollar je Tonne vermiedener CO₂-äquivalenter Klimawirkung. Neue Flugzeuge oder Triebwerke wären dafür nicht erforderlich. Erste Flugversuche liefern bereits vielversprechende Ergebnisse. Wie groß der weltweite Klimaeffekt tatsächlich ausfallen könnte, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.
Bill Gates will Kondensstreifen gezielt verhindern
Kondensstreifen entstehen in großer Höhe, wenn Wasserdampf aus den Triebwerksabgasen auf kalte Luft trifft. An winzigen Rußpartikeln bilden sich Wassertröpfchen, die rasch zu Eiskristallen gefrieren. Bei ausreichend hoher Luftfeuchtigkeit wachsen die Kristalle weiter. Aus schmalen Streifen können ausgedehnte Schleierwolken entstehen, die große Teile des Himmels bedecken.
Diese künstlichen Wolken beeinflussen den Wärmehaushalt der Erde auf zwei unterschiedliche Arten. Tagsüber werfen sie einen Teil des Sonnenlichts zurück ins Weltall. Gleichzeitig halten sie Wärmestrahlung zurück, die von der Erdoberfläche aufsteigt. Nachts fällt die reflektierende Wirkung weg. Die Wärmestrahlung kann jedoch weiterhin schlechter entweichen. Über den gesamten Tag betrachtet überwiegt bei langlebigen Kondensstreifen meist der erwärmende Effekt.
Besonders kalte Luftschichten lassen sich gezielt meiden
Ob ein Flugzeug langlebige Kondensstreifen erzeugt, hängt vor allem von Temperatur und Luftfeuchtigkeit in seiner Flughöhe ab. Besonders häufig entstehen sie in eisübersättigten Luftschichten. Dort können die Eiskristalle weiterwachsen, statt sich rasch aufzulösen. Solche Regionen sind oft nur wenige Hundert Meter mächtig.
Fluggesellschaften könnten diese Bereiche mithilfe präziser Wettervorhersagen umgehen. Meist wäre es sinnvoller, die Flughöhe leicht zu verändern, statt einen größeren Umweg zu fliegen. Bei der Flugplanung berücksichtigen Airlines bereits Turbulenzen, Wind und Gewitter. Die Vorhersage besonders feuchter Luftschichten ließe sich in diesen Prozess integrieren.
Schon kleine Kursänderungen könnten viel bewirken
Für eine solche Strategie sprechen vor allem drei Eigenschaften der Kondensstreifen:
- Ungleiche Verteilung: Ein kleiner Anteil aller Flüge verursacht den größten Teil ihrer erwärmenden Klimawirkung.
- Begrenzte Luftschichten: Häufig reichen Änderungen der Flughöhe, um besonders problematische Regionen zu meiden.
- Geringer Mehrverbrauch: Bill Gates erwartet bei einer weltweiten Anwendung durchschnittlich etwa 0,1 Prozent zusätzlichen Treibstoffverbrauch.
Entscheidend bleibt allerdings, ob die Vorhersagen zuverlässig genug sind. Temperatur und Luftfeuchtigkeit können sich innerhalb weniger Stunden verändern. Zudem verursacht jeder zusätzliche Treibstoffverbrauch weitere CO₂-Emissionen. Eine Umleitung ist deshalb nur dann klimatisch sinnvoll, wenn die vermiedene Erwärmung durch Kondensstreifen größer ausfällt als die zusätzliche Belastung.
Google und American Airlines vermeiden bereits Kondensstreifen
Wie das in der Praxis funktioniert, haben Google Research und American Airlines mit künstlicher Intelligenz untersucht. Bei einem Versuch mit 70 Flügen nutzten die Beteiligten Wetterdaten und KI-Vorhersagen, um besonders kritische Luftschichten zu umgehen. Satellitenbilder ermöglichten anschließend einen Vergleich mit Flügen ohne entsprechende Routenanpassung.
Das Ergebnis: Auf den angepassten Flugrouten entstanden rund 54 Prozent weniger Kondensstreifen. Die umgeleiteten Maschinen verbrauchten allerdings durchschnittlich etwa zwei Prozent mehr Treibstoff. Google bezifferte die zusätzlichen Kosten auf fünf bis 25 Dollar je Tonne vermiedener CO₂-äquivalenter Klimawirkung. Für eine gesamte Flugzeugflotte errechnete das Unternehmen einen möglichen Mehrverbrauch von etwa 0,3 Prozent.
Über dem Atlantik beginnt ein größerer Praxistest
Im Winter 2026/27 soll das britische Projekt Operation Blue Skies die Technik unter regulären Flugbedingungen erproben. Schauplatz ist der Shanwick-Luftraum über dem östlichen Nordatlantik. Dort sollen Fluglotsen ausgewählte Maschinen auf andere Flughöhen leiten, um die Entstehung langlebiger Kondensstreifen zu verhindern.
An dem staatlich unterstützten Projekt beteiligen sich unter anderem Google, die britische Flugsicherung NATS und der Wetterdienst Met Office. Die Versuche sind für die Winter 2026/27 und 2027/28 vorgesehen. Während eines jährlichen Testzeitraums passieren rund 10.000 Flüge den betroffenen Luftraum. Nur ein kleiner Teil davon soll umgeleitet werden. Die beteiligten Organisationen wollen dabei auch den zusätzlichen Treibstoffverbrauch und die Auswirkungen auf den regulären Flugverkehr erfassen.
Kondensstreifen vermeiden könnte deutlich günstiger sein
Kondensstreifen zu vermeiden, könnte deutlich günstiger sein als der Einsatz klimafreundlicherer Flugkraftstoffe. Bill Gates rechnet bei kleinen Änderungen der Flugrouten mit Kosten von nur ein bis zwei Dollar pro Tonne vermiedener Klimawirkung, umgerechnet in CO₂-Äquivalente. Nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF) sind dagegen wesentlich teurer. Sie verursachen über ihre Herstellung und Nutzung hinweg weniger CO₂-Emissionen als herkömmliches Kerosin. Laut Gates kostet es jedoch mindestens 130 Dollar, auf diesem Weg eine Tonne CO₂ einzusparen.
Kondensstreifen und Kohlendioxid unterscheiden sich allerdings erheblich in ihrer Klimawirkung. Während sich die künstlichen Wolken meist nach Stunden auflösen, beeinflusst ein Teil des ausgestoßenen CO₂ das Klima über Jahrhunderte. Flugroutenänderungen können deshalb die langfristige Verringerung der CO₂-Emissionen nicht ersetzen.
Gates nutzt selbst regelmäßig Privatflugzeuge. Um deren Klimawirkung zu verringern, lässt er seine Flugrouten nach eigenen Angaben so planen, dass möglichst keine erwärmenden Kondensstreifen entstehen. Zusätzlich setzt er nachhaltigen Flugkraftstoff ein und kompensiert die Flugemissionen seiner Familie. Die von ihm mitgegründete gemeinnützige Organisation Contrails.org entwickelt kostenlose Software, mit der Fluggesellschaften problematische Luftschichten erkennen und bei ihrer Routenplanung umgehen können.
Kurz zusammengefasst:
- Kondensstreifen erwärmen das Klima: Nur zwei Prozent aller Flüge verursachen rund 80 Prozent der berechneten erwärmenden Kondensstreifenwirkung.
- Kleine Änderungen könnten viel bewirken: Laut Bill Gates müssten nur fünf Prozent aller Flüge ihre Route ändern, um einen Großteil dieser Klimawirkung zu vermeiden.
- Die Lösung könnte günstig sein: Gates schätzt die Kosten auf ein bis zwei Dollar je Tonne vermiedener CO₂-äquivalenter Klimawirkung; erste Flugversuche liefern vielversprechende Ergebnisse.
Übrigens: Nicht nur veränderte Flugrouten könnten klimaschädliche Kondensstreifen reduzieren – auch synthetischer Treibstoff verspricht Abhilfe, weil bei seiner Verbrennung weniger Ruß entsteht. Wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt die Emissionen von E-Fuels erstmals direkt im Flug untersuchte, mehr dazu in unserem Artikel.
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