Klimawandel bedroht Nutzpflanzen – hitzefeste Hirseart könnte rechnerisch 90 Prozent des europäischen Futtermaises ersetzen

Sorghum könnte in Europa künftig häufiger statt Mais angebaut werden. Besonders in Norddeutschland rechnen Modelle mit hohen Erträgen.

Noch wächst diese Pflanze nur auf rund 0,1 Prozent der Ackerflächen in Europa. Doch bald könnte Sorghum vielerorts herkömmlichen Futtermais ablösen und auf den Feldern deutlich häufiger zu sehen sein. © Unsplash

Noch wächst diese Pflanze nur auf rund 0,1 Prozent der Ackerflächen in Europa. Doch bald könnte Sorghum vielerorts herkömmlichen Futtermais ablösen und auf den Feldern deutlich häufiger zu sehen sein. © Unsplash

Sorghum fristet auf Europas Äckern bislang ein Nischendasein. Die wärmeliebende Hirseart, deren Körner ähnlich wie Mais als Tierfutter genutzt werden können, wächst derzeit nur auf rund 0,1 Prozent der europäischen Ackerfläche. Künftig könnte das robuste Getreide jedoch häufiger Mais ersetzen.

Die Pflanze kommt mit hohen Temperaturen und Wassermangel besser zurecht als herkömmlicher Futtermais. Zudem braucht sie meist weniger Wasser und Dünger. Darauf verweisen INRAE, das französische Nationale Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt, und die Hochschule AgroParisTech, eine Grande École für Agrar- und Umweltwissenschaften. Die zugrunde liegende Forschungsarbeit erschien im Fachjournal Earth’s Future. Gerade mit heißeren und trockeneren Sommern könnte Sorghum deshalb für Europas Landwirtschaft interessanter werden.

Allerdings verschieben sich die Chancen regional deutlich. In Spanien, Südfrankreich und Italien könnten die Sorghum-Erträge bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 1,5 Tonnen pro Hektar sinken. Weiter nördlich entwickelt sich die Lage anders. Für Norddeutschland, Polen und Litauen rechnen die Modelle mit Zuwächsen von bis zu drei Tonnen pro Hektar. Europaweit könnte der durchschnittliche Ertrag von rund drei auf 3,4 bis 3,8 Tonnen pro Hektar steigen.

Sorghum wird vor allem im Norden interessanter

Der Grund liegt vor allem im Wärmebedarf der Pflanze. Sorghum stammt aus wärmeren Regionen und verträgt hohe Temperaturen gut. In kühleren Teilen Europas bremsten niedrige Temperaturen den Anbau bislang. Wärmere Sommer können diese Grenze nach Norden verschieben. Im Süden droht dagegen der gegenteilige Effekt: Dort verstärken zusätzliche Hitze und zunehmender Wassermangel den Stress für die Pflanzen.

Davon profitiert Norddeutschland allerdings nicht automatisch jedes Jahr. Dort steigen zwar die berechneten Durchschnittserträge, zugleich fallen die Schwankungen zwischen einzelnen Jahren und Klimamodellen größer aus. Gerade in nördlichen Regionen bleibt daher unsicher, wie stark die Erträge unter dem Klimawandel tatsächlich zulegen werden. Die Autoren schreiben sinngemäß, Sorghum könne Mais ergänzen, die Futterproduktion vielfältiger machen und die Abhängigkeit von einer einzigen Sommerkultur verringern.

Wie die robuste Hirseart die Futterversorgung verändern könnte

Auch die verfügbare Anbaufläche könnte wachsen. Unter den historischen Klimabedingungen erfüllten rund 22 Prozent der europäischen Ackerflächen die Kriterien für hohe und relativ stabile Sorghum-Erträge. Bis zum Ende des Jahrhunderts steigt dieser Anteil je nach Klimaszenario auf 29 bis 34 Prozent. Als geeignet werteten die Forscher Flächen, auf denen im Mittel mehr als vier Tonnen pro Hektar wachsen und die Erträge von Jahr zu Jahr vergleichsweise wenig schwanken.

Besonders groß fällt das rechnerische Potenzial als Tierfutter aus. Würden Landwirte auf geeigneten Flächen nur alle drei Jahre Sorghum anbauen, könnte die geerntete Menge mindestens 90 Prozent des heute in Europa verfütterten Maises erreichen. Je nach Klimaszenario kommen die Berechnungen für die Zukunft auf 79 bis 111 Millionen Tonnen Sorghum pro Jahr. Zum Vergleich: Für die heutige Tierfütterung setzt die Untersuchung einen Maisbedarf von rund 86 Millionen Tonnen an.

Die 90 Prozent bedeuten keinen vollständigen Mais-Ersatz

Die Zahl klingt zunächst nach einem nahezu vollständigen Austausch. So weit gehen die Berechnungen jedoch nicht. Für den Vergleich zählt ein Kilogramm Sorghum rechnerisch wie ein Kilogramm Mais. In der Praxis hängt die Fütterung aber von Tierart, Zusammensetzung der Ration, Verarbeitung und Qualität des Korns ab. Manche Sorghum-Sorten enthalten zudem Tannine. Diese Gerbstoffe können die Verdaulichkeit beeinträchtigen. Bei modernen Sorten für die Tierfütterung ist ihr Gehalt allerdings häufig niedrig.

Auch die Ertragsprognosen haben Grenzen. Das Modell beruht auf 11.644 Ertragsdaten aus Frankreich, Italien, Spanien und den USA aus den Jahren 2000 bis 2020. Es berücksichtigt unter anderem Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Sonneneinstrahlung.

Bodenbeschaffenheit, Anbaumethoden, Schädlinge und Unkraut flossen dagegen nicht ein. Auch kurze Extremereignisse, etwa wenige ungewöhnlich heiße Tage, lassen sich mit den verwendeten Monatswerten nur eingeschränkt erfassen. Die 90 Prozent beschreiben daher vor allem, welche Menge Sorghum Europa theoretisch als Futtergetreide erzeugen könnte – nicht, wie viel Mais sich in der Tierhaltung tatsächlich eins zu eins ersetzen lässt.

Kurz zusammengefasst:

  • Sorghum ist eine hitze- und trockenheitsresistente Hirseart, die in Europa bislang kaum angebaut wird, künftig aber in Teilen Nord- und Mitteleuropas deutlich bessere Anbaubedingungen finden könnte.
  • Während die Erträge in Südeuropa durch noch mehr Hitze und Trockenheit sinken könnten, rechnen die Modelle für Regionen wie Norddeutschland, Polen und Litauen mit spürbaren Zuwächsen.
  • Würde Sorghum auf geeigneten Flächen nur alle drei Jahre einmal angebaut, könnte die erzeugte Menge rechnerisch mindestens 90 Prozent der heute für Tierfutter verwendeten Maismenge erreichen – praktisch ist ein vollständiger Eins-zu-eins-Ersatz aber nicht garantiert.

Übrigens: Nicht nur auf die Art der angebauten Pflanzen in Europa könnte der Klimawandel künftig einen Einfluss haben. Auch die Erträge und damit die Preise für Getreide werden von Trockenheit und Hitze mitbestimmt – bei Weizen kann Wasserknappheit den Weltmarktpreis kräftig nach oben treiben. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

What do you feel about this?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert