Austernriffe könnten Leistungen im Billionenwert liefern – Deutschland gehört zu den zehn größten Hotspots

Austernriffe können Wasser filtern, Nährstoffe entfernen, Lebensräume schaffen und Küsten schützen. Deutschland zählt laut Studie zu den zehn Ländern mit besonders großem Potenzial.

Austern werden vielerorts in Aquakulturen gezüchtet. Natürliche Austernriffe können darüber hinaus Wasser filtern, Lebensräume schaffen und Küsten stabilisieren.

Austern werden vielerorts in Aquakulturen gezüchtet. Natürliche Austernriffe können darüber hinaus Wasser filtern, Lebensräume schaffen und Küsten stabilisieren. © Pexels

Eine Auster kann täglich große Mengen Meerwasser durch ihren Körper pumpen und dabei Schwebstoffe herausfiltern. Millionen Tiere zusammen bilden Riffe, die Wasser reinigen, Lebensraum schaffen und Küsten stabilisieren. Auch in Deutschland könnten solche Austernriffe Teil eines bislang stark unterschätzten Naturkapitals sein. Eine globale Modellrechnung zählt Deutschland zu den zehn Ländern mit dem größten Potenzial für solche Lebensräume.

Forscher der Tsinghua University haben dafür weltweite Vorkommensdaten mit Umweltbedingungen wie Temperatur, Salzgehalt, Sauerstoff, Nährstoffen und Licht kombiniert. Ihre Ergebnisse erschienen im Fachjournal Frontiers in Marine Science. Für die zehn wichtigsten Hotspot-Länder berechneten sie rund 295.691 Quadratkilometer besonders geeignete Küstengebiete. Dazu gehören neben Deutschland die USA, Australien, Chile, China, Japan, Südkorea, Argentinien, Frankreich und Italien.

Warum Austernriffe in Deutschland besonders viel Potenzial haben

Nur in rund zehn Prozent der als besonders geeignet eingestuften Rasterzellen liegen bislang dokumentierte Austernvorkommen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die übrigen 90 Prozent frei von Austern sind. Die zugrunde liegenden Datenbanken erfassen Vorkommen nicht vollständig. Die Autoren behandeln bislang unbelegte Flächen deshalb als Kandidaten für weitere Untersuchungen und nicht als nachgewiesene Lücken.

Trotz dieser Einschränkung fällt die mögliche Größenordnung enorm aus. „Wir schätzen, dass vollständig wiederhergestellte Austernriffe in den zehn wichtigsten Hotspot-Ländern weltweit einen ökologischen Gesamtwert von zwölf Billionen Dollar erreichen könnten“, sagt Studienautor Matteo Convertino von der Tsinghua University. Dieser Betrag beschreibt jedoch keinen erwarteten Umsatz. Er setzt sich aus unterschiedlichen modellierten Leistungen der Riffe zusammen.

Austern filtern Wasser und schaffen neue Lebensräume

Dazu gehören die Produktion von Austern, die Filterung des Wassers und die Entfernung von Nährstoffen. Auch Kohlenstoffbestandteile der Muschelschalen fließen in die Berechnungen ein. Austernriffe bieten außerdem Fischen und wirbellosen Tieren Nahrung, Schutz und Kinderstuben. Ihre dreidimensionalen Strukturen können Sedimente festhalten und die Wirkung von Wellen abschwächen.

Besonders eindrucksvoll sind die berechneten Wassermengen. Für die USA kommt das standardisierte Szenario auf eine tägliche Filterkapazität von 77,58 Billiarden Litern. Für Australien sind es 69,92 Billiarden Liter, für Chile 46,58 Billiarden Liter. Diese Zahlen beschreiben keine tatsächlich gemessene Reinigung ganzer Küstengewässer. Sie entstehen aus einer angenommenen Austernzahl pro Fläche und einer einheitlichen Filterleistung je Tier.

Fast vier Fünftel geeigneter Gebiete sind nicht geschützt

Auch beim Schutz klafft eine große Lücke. Beim verwendeten Schwellenwert liegen nur rund 23 Prozent der weltweit besonders geeigneten Flächen innerhalb des untersuchten Netzes aus Meeres- und Küstenschutzgebieten. Rund 77 Prozent liegen außerhalb. Convertino fasst die Lage drastischer zusammen: „Wir schätzen, dass 90 Prozent der für Austernriffe geeigneten Standorte Wiederherstellung benötigen, während 80 Prozent durch Schutzmaßnahmen gesichert werden müssten.“

Die Forscher sehen deshalb erheblichen Spielraum für Wiederherstellung und Schutz. Austernriffe sind weltweit in den vergangenen hundert Jahren stark zurückgegangen. Frühere Untersuchungen gehen von Verlusten von mehr als 85 Prozent aus. Besonders betroffen sind Flussmündungen und Deltas. Rund 72 Prozent der in der Modellierung berücksichtigten Riffe liegen in Ästuaren. Weitere 21 Prozent entfallen auf Lagunen oder Buchten und sieben Prozent auf Flussdeltas.

Die zwölf Billionen Dollar sind kein realer Jahresertrag

Die zwölf Billionen Dollar bezeichnen keinen tatsächlich erzielbaren Jahresertrag. Ein Teil der Berechnungen beschreibt statische Werte, etwa die angenommene Austernbiomasse. Andere Leistungen, darunter die Stickstoffentfernung, werden auf Jahresbasis bewertet. Die einzelnen Komponenten beruhen damit auf unterschiedlichen Zeiträumen und lassen sich nicht direkt zu einer jährlichen Gesamtsumme addieren.

Auch beim Kohlenstoff ist die Bilanz komplex. Austernschalen enthalten zwar Kohlenstoff, doch daraus folgt keine entsprechend große Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Bei der Schalenbildung kann sogar CO₂ freigesetzt werden. Ob ein Austernriff unter dem Strich Kohlenstoff bindet oder freisetzt, hängt unter anderem von Sedimenten, Standort und biologischen Prozessen ab.

Deutschland gehört trotz seiner vergleichsweise kurzen Küste zu den zehn weltweit hervorgehobenen Hotspots. Für einzelne Standorte reicht die globale Modellierung allerdings nicht aus. Entscheidend sind vor Ort unter anderem Untergrund, Strömung, Salzgehalt, Sauerstoffversorgung, Krankheiten und vorhandene Austernbestände.

Kurz zusammengefasst:

  • Deutschland gehört laut globaler Modellrechnung zu den zehn Ländern mit besonders großem Potenzial für Austernriffe; in diesen Hotspots gelten rund 295.700 Quadratkilometer Küstengebiet als besonders geeignet.
  • Austernriffe können Wasser filtern, Nährstoffe entfernen, Lebensräume schaffen und Küsten stabilisieren; die berechneten Billionenwerte beschreiben jedoch ein modelliertes Ökosystempotenzial und keinen realen Jahresumsatz.
  • Rund 77 Prozent der besonders geeigneten Flächen liegen außerhalb des untersuchten Schutzgebietsnetzes, und viele Standorte müssten vor einer Wiederherstellung erst lokal auf Eignung geprüft werden.

Übrigens: Während Austernriffe Küsten schützen und Lebensräume schaffen können, geraten Korallenriffe vielerorts unter immer stärkeren Druck. Auf Guam verschwinden manche Bestände schneller, als Arten beschrieben und geschützt werden können – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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