China macht aus 315 Millionen Kubikmetern Kanalaushub wieder nutzbares Land – die Natur zahlt trotzdem einen hohen Preis

In China werden über 98 Prozent eines Kanalaushubs verwertet, doch Studien belegen erhebliche Folgen für Lebensräume und Gewässer.

Beim Bau des Pinglu-Kanals fallen gewaltige Mengen Erde und Gestein an. Mehr als 98 Prozent des Aushubs sollen weiterverwendet werden – unter anderem für neue Ackerflächen, Böschungen und Baustoffe.

Beim Bau des Pinglu-Kanals fallen gewaltige Mengen Erde und Gestein an. Mehr als 98 Prozent des Aushubs sollen weiterverwendet werden – unter anderem für neue Ackerflächen, Böschungen und Baustoffe. © Wikimedia

China gräbt hier nicht einfach einen neuen Kanal. Es verkürzt seinen Weg zum Meer. Der 134,2 Kilometer lange Pinglu-Kanal im südchinesischen Guangxi verbindet das Hinterland mit dem Golf von Beibu und damit mit den Handelsrouten nach Südostasien.

Für Frachtschiffe bedeutet das: bis zu rund 560 Kilometer weniger Strecke. Nach offiziellen Angaben könnten dadurch die Logistikkosten um 18 bis 30 Prozent sinken. Für eine Handelsnation wie China ist das kein Detail, sondern ein wirtschaftlicher Hebel.

Doch ein kürzerer Weg zum Meer muss erst einmal gegraben werden. Beim Bau des Pinglu-Kanals fielen rund 315 Millionen Kubikmeter Erde und Gestein an – genug, um eine Fläche so groß wie München einen Meter hoch damit zu bedecken.

Normalerweise wird solcher Aushub für Dämme, Aufschüttungen oder andere Bauarbeiten genutzt. Was keine Verwendung findet, muss gelagert oder entsorgt werden. Beim Pinglu-Kanal soll davon kaum etwas übrig bleiben: Nach Angaben der Projektpartner werden mehr als 98 Prozent des Materials weiterverwendet.

Ein Teil bekam sogar ein zweites Leben als Ackerboden. Senken und unebenes Gelände wurden aufgefüllt, anschließend verbesserten Agrarwissenschaftler die Böden gezielt. So entstanden nach Angaben der Guangxi University rund 927 Hektar zusätzliche landwirtschaftliche Nutzfläche.

Pinglu-Kanal: Aushub wird nach Eigenschaften sortiert

Am 16. September 2026 soll der Pinglu-Kanal für den Schiffsverkehr freigegeben werden. Eine der großen Aufgaben während des Baus war jedoch schon lange vorher klar: Wohin mit all der Erde und dem Gestein?

Denn Aushub ist nicht gleich Aushub. Fels, Ton, Oberboden und andere Bodenschichten haben unterschiedliche Eigenschaften. Manche eignen sich für Bauwerke, andere für Auffüllungen, Rekultivierung oder als Rohstoff.

Ein Team um Xiao Jianzhuang von der Guangxi University entwickelte deshalb gemeinsam mit Projektpartnern Verfahren, um das Material schneller zu bestimmen, zu sortieren und einer passenden Nutzung zuzuordnen.

„Bauschutt ist kein Müll, sondern eine Ressource am falschen Ort“, sagt Xiao Jianzhuang. Zum Einsatz kommen unter anderem Systeme zur schnellen Analyse der Materialeigenschaften und zur digitalen Planung der weiteren Verwendung.

Auch künstliche Intelligenz spielt eine Rolle. Ein auf DeepSeek basierendes System überwacht Lager- und Ablagerungsflächen entlang der Strecke, bewertet Risiken und soll frühzeitig vor Problemen warnen.

Aus Aushub wird wieder fruchtbarer Boden

Ein Teil des Materials wurde genutzt, um tiefe Senken und unebenes Gelände aufzufüllen. Damit allein war jedoch noch kein Acker gewonnen. Teile des eingebrachten Bodens waren sauer, nährstoffarm und konnten Wasser schlecht speichern.

Agrarwissenschaftler der Guangxi University verbesserten die Flächen deshalb gezielt. Sie mischten organischen Dünger, Pflanzenreste und mikrobielle Präparate ein. Hülsenfrüchte dienten als Gründüngung, Calciumcarbonat half dabei, den pH-Wert anzuheben.

Auf Versuchsflächen wachsen inzwischen Tomaten, Auberginen, Mais, Kürbisse, Paprika und Melonen. Allein bei Melonen testete das Team 141 Sorten, um herauszufinden, welche mit Boden und Klima entlang der Strecke besonders gut zurechtkommen.

So entstanden durch Aufschüttung und Bodenverbesserung insgesamt rund 927 Hektar zusätzliche landwirtschaftliche Nutzfläche. Über die gesamte Strecke wurden 101 Ablagerungs- und Rekultivierungsflächen geplant. Bis Ende Juli waren knapp 1.975 Hektar Land eingeebnet und mehr als 1.867 Hektar bereits wieder bepflanzt.

Vom Felsblock bis zum Keramik-Rohstoff

Nicht jedes Material eignet sich für Ackerflächen. Die Projektpartner unterscheiden deshalb mehrere Verwertungswege:

  • geeignete Erde für Landgewinnung, Rekultivierung und Auffüllungen,
  • hartes Gestein für Böschungen und Bauwerke,
  • weitere Bestandteile für Industrieflächen und neue Baustoffe,
  • geeigneter Ton als Rohstoff für die regional typische Nixing-Keramik.

Insgesamt liegt die angegebene Verwertungsquote bei mehr als 98 Prozent. Rund 36,8 Millionen Kubikmeter konnten direkt in Bauwerken oder für andere Zwecke eingesetzt werden und mussten dadurch nicht dauerhaft auf Ablagerungsflächen bleiben.

Studien dokumentieren ökologische Folgen des Pinglu-Kanals

Eine 2025 in Ecological Engineering veröffentlichte Untersuchung analysierte die Landschaftsentwicklung zwischen 2015 und 2024. Besonders in der frühen Bauphase nahm die biologische Vielfalt deutlich ab. Wälder, Feuchtgebiete und landwirtschaftliche Flächen wurden stärker voneinander getrennt. Spätere Renaturierungsmaßnahmen brachten teilweise Verbesserungen, konnten die Veränderungen aber nicht vollständig ausgleichen.

Wie stark Tiere betroffen sein könnten, berechnete eine zweite Arbeit im Fachjournal Land für elf Arten beziehungsweise Artengruppen. Im Szenario nach Fertigstellung des Kanals:

  • gingen rund 516 Quadratkilometer geeigneter Lebensraum verloren,
  • sank die Zahl wichtiger Wanderkorridore von 279 auf 223,
  • wurden vor allem Flächen an Land stärker zerschnitten.

Eine weitere Analyse in Ecological Indicators betrachtete die Risiken für Gewässer und Mangroven. Genannt werden unter anderem zu viele Nährstoffe im Wasser, organische Verschmutzung, Schwermetalle, schlechtere Bedingungen für Fische und mögliche Schäden an Mangroven.

Die hohe Wiederverwertung des Aushubs spart Ablagerungsflächen. Die wissenschaftlichen Arbeiten machen jedoch deutlich, dass damit nur ein Teil der Umweltfolgen des Kanalbaus erfasst ist.

Kurz zusammengefasst:

  • Beim Bau des 134,2 Kilometer langen Pinglu-Kanals fielen rund 315 Millionen Kubikmeter Aushub an; nach Angaben der Projektpartner werden mehr als 98 Prozent davon weiterverwendet.
  • Durch Aufschüttung und gezielte Bodenverbesserung entstanden rund 927 Hektar zusätzliche landwirtschaftliche Nutzfläche; anderes Material wird unter anderem für Bauwerke, Rekultivierung und als Rohstoff genutzt.
  • Wissenschaftliche Studien dokumentieren zugleich erhebliche ökologische Folgen: Dazu gehören stärkere Habitatfragmentierung, Verluste geeigneter Lebensräume sowie Risiken für Gewässer und Mangroven.

Übrigens: China setzt künstliche Intelligenz inzwischen auch tief unter der Erde ein – bei der Rohstoffsuche soll sie Auswertungen von sechs Monaten auf eine Woche verkürzen. Wie das System funktioniert und wo seine Grenzen liegen, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © MspreilsCN via Wikimedia unter CC0 1.0

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