„Kühlen ist das neue Heizen“ – so lässt sich ein Zürcher Altbau nach der Sanierung ohne Klimagerät kühlen
Ein Zürcher Altbau nutzt Konvektoren mit 20 Grad warmem Wasser zum Kühlen – und kommt ohne klassische Klimageräte aus.
Zürich an einem heißen Sommertag: Hinter dem See liegen dicht bebaute Viertel, in denen Hitzeschutz für Gebäude immer wichtiger wird. © Pexels
In vielen Altbauwohnungen wird der Sommer zur Belastungsprobe: Die Wände speichern Hitze, nachts kühlen die Räume kaum noch ab. Mobile Klimageräte wirken dann wie die schnelle Lösung, arbeiten aber oft ineffizient – besonders wenn ihr Abluftschlauch durch ein geöffnetes Fenster führt. In Zürich zeigt ein saniertes Gebäude, wie sich ein Altbau kühlen lässt, indem die frühere Heizung im Sommer zur Kühlung wird.
Genau das wurde in einem sanierten Gebäude in Zürich umgesetzt. Wie der Schweizer Sender SRF berichtet, wurden die früheren Heizkörper durch Konvektoren ersetzt. Durch ihre dünnen Aluminiumlamellen fließt im Sommer Wasser mit rund 20 Grad Celsius. Im Winter arbeitet dasselbe System wieder als Heizung.
So lässt sich ein Altbau mit der alten Heizung kühlen
Die neuen Konvektoren sitzen dort, wo früher unter den Fenstern die Heizkörper hingen. Kleine Ventilatoren führen die Raumluft an den wassergekühlten Aluminiumlamellen vorbei und verteilen die kühlere Luft anschließend im Büro.
Auch die Frischluftführung wurde in das Gebäude integriert. Durch Öffnungen in den Wänden strömt frische Luft in die Büros. Oberhalb der Türen gelangt sie weiter in angrenzende Räume und wird dort wieder abgesogen. Die frühere Gebäudetechnik an der Decke konnte dadurch entfernt werden.
Das Wasser in den Konvektoren bleibt mit rund 20 Grad Celsius bewusst vergleichsweise warm. So soll sich kein Kondenswasser bilden, das Bauteile beschädigen könnte.
Die Beschäftigten im Gebäude spüren den Unterschied. Violetta Ruoss arbeitet schon länger dort und berichtet von deutlich angenehmeren Temperaturen. „Das Klima ist sehr viel angenehmer jetzt, es kommen sogar Leute von anderen Standorten, um hier zu arbeiten“, sagt sie gegenüber dem SRF.
Im Winter arbeitet dieselbe Technik wieder als Heizung
Die Konvektoren bleiben auch in der kalten Jahreszeit im Einsatz. Dann fließt Wasser mit etwa 26 Grad Celsius durch die Leitungen und erwärmt die Räume. Diese vergleichsweise niedrige Temperatur reicht nach dem Umbau aus.
Der Effekt zeigt sich auch beim Energiebedarf. Laut dem Schweizer Bericht sank der Verbrauch von Fernwärme im Gebäude um rund zwei Drittel. Für die Kühlung fallen pro Jahr Stromkosten von etwa 2.100 Euro pro Jahr an. Einen Teil davon liefert eine Photovoltaikanlage auf dem Dach.
Eine Sanierung entscheidet über den Erfolg
Ganz ohne bauliche Verbesserungen funktioniert das Konzept allerdings nicht. Matthias Sulzer, Gebäudetechnikexperte und Departementsleiter an der Forschungsanstalt Empa, verweist auf die umfassende Sanierung von Fassade und Fenstern.
„Das ist eine sehr gute energetische Lösung, auch architektonisch gut integriert, aber es hat natürlich seinen Preis“, sagt Sulzer. Ohne bessere Gebäudehülle würde deutlich mehr Wärme von außen eindringen. Das Kühlsystem müsste entsprechend stärker arbeiten.
Das Wasser für die Konvektoren wird von einer Kältemaschine auf dem Dach heruntergekühlt. Vier große Ventilatoren führen die dabei entstehende Wärme nach außen ab. Die ausgeblasene Luft erreicht knapp 40 Grad Celsius.
Auch diese zentrale Anlage gibt zusätzliche Wärme an die Umgebung ab. Sulzer hält sie dennoch für günstiger als viele einzelne Klimageräte an den Fenstern. „Auch diese Anlage führt zu Zusatzwärme, aber viel weniger als wenn sich alle je eine einzelne Kühlmaschine vor das Fenster hängen“, sagt er.
Verschattung senkt die Hitze schon vor dem Kühlen
Gebäudetechniker Beat Kegel setzt zusätzlich auf einfache Maßnahmen. Fenster sollten möglichst verschattet werden, bevor technische Kühlung zum Einsatz kommt. Dadurch gelangt weniger Sonnenenergie in die Räume.
Wie groß der Unterschied sein kann, kennt Kegel aus eigener Erfahrung. In seiner Zürcher Altbauwohnung sei die Temperatur während einer heißen Phase wochenlang nicht mehr unter 30 Grad Celsius gefallen. Gerade bei unsanierten Wohnungen können außenliegende Rollläden, Markisen oder Fensterläden deshalb einen wichtigen Teil des Wärmeschutzes übernehmen.
Im sanierten Zürcher Gebäude wird inzwischen mehr gekühlt als geheizt
Für Sulzer gibt es trotzdem keine universelle Lösung für alle Altbauten. Je nach Gebäude kommen Konvektoren, Erdsonden, zentrale Kältemaschinen oder größere Netze infrage.
Wo einzelne Häuser keinen Platz für solche Anlagen haben, hält er Lösungen auf Quartiers- oder Stadtebene für sinnvoll. Neben Fernwärme könnte dabei zunehmend Fernkälte eine Rolle spielen. Im sanierten Unia-Gebäude hat sich das Verhältnis bereits verschoben: Über das gesamte Jahr wird dort inzwischen mehr gekühlt als geheizt. „Denn Kühlen ist das neue Heizen“, sagt Sulzer.
Kurz zusammengefasst:
- Ein sanierter Zürcher Altbau nutzt Konvektoren mit rund 20 Grad warmem Wasser, um Räume im Sommer zu kühlen.
- Kleine Ventilatoren verteilen die kühlere Luft, während die gleiche Technik im Winter mit etwa 26 Grad warmem Wasser zum Heizen dient.
- Die Lösung funktioniert nur im Zusammenspiel mit einer guten Gebäudehülle; im Beispiel sank der Fernwärmebedarf um rund zwei Drittel.
Übrigens: Während der Zürcher Altbau mit zentraler Kühlung und verschatteten Fenstern auskommt, können viele einzelne Klimaanlagen Städte zusätzlich aufheizen. Warum Forscher vor diesem Kühl-Kreislauf warnen, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Pexels
