SIM-Karte gehackt: Diese unscheinbare Funktion kann zum Einfallstor für Angriffe werden
Ist eine SIM-Karte gehackt, kann sie Smartphones und vernetzte Geräte angreifen. Experten fanden mehrere bislang wenig beachtete Risiken.
Eine manipulierte SIM kann ein Smartphone sogar dazu bringen, vom sichereren 4G-Netz auf das ältere 2G-Netz zu wechseln. © Pexels
Wenn eine SIM-Karte gehackt oder manipuliert wurde, kann ausgerechnet dieses kleine Bauteil zum Ausgangspunkt eines Angriffs auf das gesamte Gerät werden. Forscher der University of Birmingham haben untersucht, wie weit solche Attacken reichen können. Betroffen sind Smartphones ebenso wie Router, Elektroauto-Ladesäulen, vernetzte Fahrzeuge und industrielle Anlagen. Die Angreifer nutzen dabei keine exotische Spezialtechnik, sondern Funktionen, die seit Jahren zum Mobilfunkstandard gehören.
Für ihre Untersuchung nahmen Tomasz Piotr Lisowski und Marius Muench von der University of Birmingham gemeinsam mit Kristian Covic vom IT-Sicherheitsunternehmen Fuzzware 26 Geräte unter die Lupe. Darunter waren 18 Smartphones sowie acht Mobilfunkmodule, wie sie etwa in Autos oder Industrieanlagen stecken. Mit einem eigens entwickelten Werkzeug namens CATana prüften sie, welche Befehle eine SIM an das Modem senden darf und welche Folgen daraus entstehen können. Die Ergebnisse präsentieren die Forscher auf der Sicherheitskonferenz USENIX WOOT 2026 in Baltimore.
Wird eine SIM-Karte gehackt, kann sie selbst Befehle auslösen
Hinter dem Problem steckt eine Funktion namens „Proactive SIM“. Sie erlaubt es der SIM, bestimmte Anweisungen direkt an das Mobilfunkmodem zu schicken. Dazu gehören sogenannte AT-Befehle. Diese Kommandos stammen noch aus den Anfängen der Modemtechnik und werden bis heute genutzt, um Geräte zu steuern oder zu konfigurieren. Mehrere der untersuchten Geräte akzeptierten solche Befehle direkt von der SIM.
Damit eröffnet sich eine Angriffsmöglichkeit, die weit über gestörten Empfang hinausgeht. In den Tests ließen sich unter anderem Funktionen aktivieren, die eigentlich abgeschaltet waren. Auch sensible Geräteinformationen konnten ausgelesen werden. Je nach Gerät waren weitere Eingriffe möglich:
- Nachrichten verschicken oder Anrufe starten
- die Mobilfunkverbindung vollständig abschalten
- ein Gerät herunterfahren
- geschlossene Debug-Schnittstellen wieder öffnen
- Befehle auf dem Kommunikationsprozessor ausführen
- die Verbindung von 4G auf das unsicherere 2G zurückstufen
Eine gehackte SIM-Karte kann das Smartphone auf 2G zwingen
Der Wechsel von 4G auf 2G ist sicherheitstechnisch heikel. Das ältere Mobilfunknetz verfügt über deutlich schwächere Schutzmechanismen. Dadurch können weitere Angriffe auf die Kommunikation leichter werden. Eine manipulierte SIM könnte also nicht nur Funktionen des Geräts beeinflussen, sondern auch dessen Verbindung absichtlich auf einen schlechter geschützten Standard zurücksetzen.
„Das Faszinierende daran ist, dass die proaktiven Fähigkeiten einer SIM und die daraus entstehende Angriffsfläche ausdrücklich in den technischen Spezifikationen für Mobilfunkkommunikation festgelegt sind“, erklärt Muench. Die Angreifer missbrauchen damit Funktionen, die technisch vorgesehen sind. Das erschwert ihre Einordnung, denn die Geräte verhalten sich zunächst so, wie es der Mobilfunkstandard erlaubt.
Selbst gesperrte Android-Geräte ließen sich beeinflussen
Bei neueren Android-Geräten stießen die Forscher auf eine weitere Schwachstelle. Eine manipulierte SIM konnte das Smartphone dazu bringen, eine vom Angreifer kontrollierte Webseite zu öffnen. Dafür war keine Eingabe nötig. Der Angriff funktionierte sogar dann, wenn das Gerät gesperrt war.
Damit kann eine feindliche SIM unter bestimmten Voraussetzungen mehr tun, als nur Daten zu übertragen. Sie könnte das Smartphone als Ausgangspunkt für weitere Angriffe oder zur Überwachung missbrauchen. Vor allem bei Geräten mit wenigen anderen Schnittstellen fällt dieser Zugang ins Gewicht. Dazu gehören etwa Router, Fahrzeugtechnik oder Steuergeräte in Industrieanlagen.
Angreifer können auch eSIMs ins Visier nehmen
Ein Angriff setzt nicht zwingend voraus, dass jemand die SIM-Karte heimlich austauscht. Die Forscher beschreiben mehrere denkbare Wege. Sicherheitslücken in der SIM-Software könnten aus der Ferne ausgenutzt werden. Auch ein physischer Austausch oder ein zusätzliches Hardware-Modul kommt infrage.
Weitere Risiken entstehen, wenn Systeme zur Fernverwaltung missbraucht werden oder eine Manipulation bereits während Herstellung und Vertrieb erfolgt. Auch eSIMs fallen in diese Kategorie. Sie sind fest im Gerät eingebaut, erfüllen aber vergleichbare Aufgaben und können ebenfalls entsprechende Befehle an das Mobilfunkmodem übermitteln.
Muench zufolge wurden feindlich manipulierte SIMs in vielen Sicherheitsmodellen lange kaum berücksichtigt. „Die daraus entstehenden Risiken wurden noch nicht vollständig entschärft“, sagt er. Hinweise auf Gefahren durch manipulierte SIMs gab es bereits zuvor, doch viele Gerätehersteller behandelten die Karte lange als vertrauenswürdige Komponente.
Hersteller härten ihre Geräte bereits stärker ab
Die Forscher informierten die Mobilfunkorganisation GSMA sowie betroffene Chip- und Gerätehersteller über ihre Ergebnisse. Mehrere Unternehmen reagierten darauf mit Softwareupdates und strengeren Konfigurationen. Solche Änderungen können verhindern, dass SIM-Karten bestimmte Befehle uneingeschränkt an das Modem weitergeben.
Die Folgen reichen weit über Smartphones hinaus, denn SIM-Technik steckt inzwischen in Milliarden vernetzter Geräte. Dazu gehören Zahlungsterminals, Router, Fahrzeuge, Ladesäulen und Teile kritischer Infrastruktur. „Die von uns gefundenen Angriffe kratzen nur an der Oberfläche dessen, was mit feindlichen SIM-Karten möglich ist“, sagt Lisowski. Das Team will weitere Schnittstellen untersuchen und gemeinsam mit Herstellern sowie Standardisierungsgremien riskante Alt-Funktionen stärker absichern.
Kurz zusammengefasst:
- Eine manipulierte SIM kann über vorgesehene Mobilfunkbefehle Funktionen eines Geräts beeinflussen und Informationen auslesen.
- Betroffen sind nicht nur Smartphones, sondern auch Router, Autos, Ladesäulen und industrielle Systeme mit Mobilfunkmodulen.
- Die Forscher fanden unter anderem Angriffe, die 4G auf 2G zurückstufen, Verbindungen abschalten oder Webseiten auf gesperrten Android-Geräten öffnen.
Übrigens: Nicht jede Sorge rund um den Mobilfunk bestätigt sich wissenschaftlich – selbst sehr starke 5G-Strahlung verursachte in Versuchen keine nachweisbaren Schäden an menschlichen Hautzellen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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