„In ein, zwei Jahren ist Schluss“: Klimawandel bedroht Algenfischer in der Bretagne
Wärmeres Meer und sinkende Algenbestände bedrohen die Algenfischer in der Bretagne – manche fürchten das Ende ihres Berufs.
Algenfischer aus Plouguerneau bei der Arbeit: Seit Generationen holen die Goémoniers Braunalgen aus dem Meer – doch ihre Fanggründe schrumpfen. © Wikimedia
Die Netze bleiben leerer, die Laderäume füllen sich nur noch halb. Für die Algenfischer in der Bretagne ist die Saison 2026 so schlecht wie lange nicht. Vor der französischen Atlantikküste verschwinden ausgerechnet jene Braunalgen, von denen ein jahrhundertealter Beruf lebt. Steigende Wassertemperaturen und jahrelange Übernutzung setzen den Beständen zu. Einige Fischer fürchten bereits, dass ihr Handwerk nur noch wenige Jahre überlebt.
Noël Tanguy kennt die Küste wie kaum ein anderer. Der 79-Jährige gehört zur ältesten Familie von Algenfischern der Region. Seit 1850 wird der Beruf dort vom Vater an den Sohn weitergegeben. Eine derart schlechte Ernte habe er in sechs Jahrzehnten noch nicht erlebt, berichtet BMFTV.com. „Es ist beunruhigend: Ich gebe dem Beruf keine zwei Jahre mehr“, sagt Tanguy. Die Mengen seien „im freien Fall“, viele Boote kämen nur noch mit halber Ladung zurück.
Algenfischer in der Bretagne kämpfen plötzlich um ihre Zukunft
Normalerweise fahren zwischen Mai und September rund 15 Spezialschiffe vom Hafen Lanildut im Département Finistère hinaus. Der Ort gilt als wichtigster Algenhafen Europas. In einer Saison holen die Fischer gewöhnlich 40.000 bis 55.000 Tonnen Laminaria digitata aus dem Meer. Die lange braune Alge wächst fest auf Felsen und wird vor Ort „Tali“ genannt. Ein hydraulisch geführter Haken, der „Scoubidou“, dreht die Pflanzen vom Untergrund ab und zieht sie an Bord.
Doch die vertrauten Fanggründe verändern sich. „Seit drei oder vier Jahren sehen wir, dass es weniger wird, aber diese Saison ist die schlimmste. So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt der 58-jährige Fischer Patrice Hamon. Sein Kollege David Tanguy blickt ebenfalls mit Sorge voraus. „In etwa zehn Jahren bin ich nicht sicher, ob es noch Algenfischer geben wird.“ Andere Arten breiten sich derweil aus und verdrängen die wirtschaftlich wichtige Laminaria digitata.
Wärmeres Meer verdrängt die wertvollen Braunalgen immer schneller
Die Fischer sprechen vor allem von einer anderen Braunalge, die sie als unerwünschte Konkurrenz betrachten. Sie gedeiht bei den veränderten Bedingungen offenbar besser. Julien Tanguy vergleicht die Entwicklung mit Unkraut auf einem Rasen. „Das Wasser ist warm, die Parasiten wachsen schneller“, sagt der 40-Jährige. Auf rund 70 Prozent mancher Fanggebiete fänden sich inzwischen überwiegend solche unerwünschten Algen. Neben der Erwärmung nennt er auch die starke Nutzung der Bestände als Ursache. Seit mehr als 15 Jahren werde zu viel geerntet.
Vor der bretonischen Küste lagen die Temperaturen des Oberflächenwassers laut dem europäischen Copernicus-Dienst zuletzt bei rund 20 Grad Celsius. Das waren mehr als drei Grad über dem saisonalen Durchschnitt. Laminaria digitata bevorzugt dagegen deutlich kühlere Bedingungen zwischen etwa 10 und 15 Grad. Der ehemalige Algenfischer Yvon Troadec beobachtet das Tempo der Erwärmung mit Sorge. „Wir wussten, dass wir uns in diese Richtung bewegen, aber wir dachten nicht, dass es so schnell gehen würde. Wir dachten, solche Temperaturen hätten wir erst in zwanzig Jahren.“
Die Algenkrise trifft längst auch Fabriken im Finistère
Die Folgen reichen über die Fischerboote hinaus. Die großen Algenfelder vor der Küste bieten Fischen und Krebstieren Schutz. Zugleich liefern sie den Rohstoff für zwei Verarbeitungsbetriebe im Finistère. Rund 30 Algenfischer und etwa 160 Beschäftigte in den Fabriken hängen direkt an dieser regionalen Lieferkette.
Schon 2013 rechneten Wissenschaftler damit, dass Laminaria digitata in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts an Teilen der französischen, britischen und dänischen Küste örtlich verschwinden könnte.
Kurz zusammengefasst:
- Vor der Bretagne brechen die Bestände der wichtigen Braunalge Laminaria digitata ein; wärmeres Meer und jahrelange Übernutzung gelten als wichtige Ursachen.
- Das Oberflächenwasser lag zuletzt bei rund 20 Grad Celsius und damit deutlich über dem bevorzugten Bereich der Alge von etwa 10 bis 15 Grad.
- Betroffen sind nicht nur rund 30 Algenfischer, sondern auch etwa 160 Beschäftigte in zwei Verarbeitungsbetrieben im Finistère.
Übrigens: Während vor der Bretagne wärmeres Wasser die Algenfischer um ihre Zukunft bangen lässt, verschwinden auch andernorts ganze Kelpwälder – zusätzlich treiben hungrige Seeigel den Verlust voran. Forscher suchen deshalb nach besonders widerstandsfähigen Algen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © S. DÉNIEL via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
