Kinder ja – aber wie? Warum Familienplanung für junge Menschen immer schwieriger wird

Familienplanung steht in Deutschland unter Druck: Viele junge Menschen wollen Kinder, scheitern aber an Geld, Job, Wohnraum und Betreuung.

Ein Kind, zwei Eltern

Ein Kind, zwei Eltern, viele offene Fragen: Für junge Menschen hängt Familienplanung heute davon ab, ob finanzielle Sicherheit, Wohnraum und Betreuung stehen. © Pexels

In vielen Küchen liegt die Frage nach Kindern längst neben Mietvertrag, Dienstplan und Kontoauszug auf dem Tisch. Kinder und Familienplanung hängen für viele junge Erwachsene heute weniger am „Wollen“ als am „Können“. Wer keine bezahlbare Wohnung findet, im Job in einer befristeten Anstellung ist oder Betreuungslücken fürchtet, verschiebt die Entscheidung oft weiter in die Zukunft.

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen UNFPA hat für die Studie „Lives, Choices and Futures“ mehr als 108.000 internetnutzende Menschen zwischen 18 und 39 Jahren in 73 Ländern und Regionen befragt. UNFPA-Exekutivdirektorin Diene Keita beschreibt die Kernbotschaft der Studie laut dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung so: „Die Ergebnisse deuten auf eine Kluft zwischen den Erwartungen und den wahrgenommenen Möglichkeiten hin.“ Die Umfrage ist nicht national repräsentativ, liefert aber einen breiten Blick auf Wünsche, Sorgen und Hindernisse junger Erwachsener bei der Familienplanung.

Nicht allein der Wille zählt: Familienplanung hängt für viele an Sicherheit

In der Befragung nennen 88 Prozent finanzielle Sicherheit als Voraussetzung für Elternschaft. Fast ebenso viele, 87 Prozent, verweisen auf einen sicheren Arbeitsplatz. 85 Prozent nennen zudem emotionale Bereitschaft als Faktor. Das klingt nüchtern, beschreibt aber den Alltag vieler junger Menschen sehr konkret: Reicht das Geld? Bleibt der Job? Trägt die Beziehung? Gibt es genug Kraft für ein Kind?

Für Deutschland passt dieser Befund zu Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung auf Basis des familiendemografischen Panels FReDA. Die Geburtenrate sank demnach von 1,58 Kindern pro Frau im Jahr 2021 auf 1,35 im Jahr 2024. Der Kinderwunsch blieb jedoch stabil. Frauen wünschen sich im Schnitt 1,76 Kinder, Männer 1,74. Als ideale Kinderzahl gelten rund 2,2 Kinder.

Wunsch und Realität klaffen in Deutschland weit auseinander

Die Zahlen drehen eine verbreitete Annahme um. Viele junge Menschen verabschieden sich nicht vom Wunsch nach Familie. Aber sie sehen Elternschaft eher als Projekt, das bestimmte Bedingungen braucht. Bei Frauen in Deutschland hat sich der sogenannte Fertility Gap von 0,18 auf 0,41 mehr als verdoppelt. Gemeint ist die Differenz zwischen gewünschter und tatsächlicher Kinderzahl.

C. Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, benennt die Stellschrauben dafür: „In Ländern des Globalen Nordens wie Deutschland sind verlässliche Kinderbetreuung, bezahlbarer Wohnraum und eine bessere Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit dabei ebenso entscheidend, wie die stärkere Beteiligung von Vätern an der Sorgearbeit.“ Damit rücken sehr praktische Fragen nach vorn: Bekommt mein Kind einen Kita-Platz? Haben wir eine familiengerechte Wohnung mit bezahlbarer Miete? Kann ich Arbeits- und Elternzeit vereinen und gibt es künftig eine faire Aufteilung zu Hause?

Weltweit läuft Familienplanung sehr unterschiedlich

Der globale Blick zeigt: In vielen reichen Ländern bekommen Menschen weniger Kinder, als sie gern hätten. In anderen Regionen erleben Mädchen und junge Frauen das Gegenteil. Sie bekommen früher und mehr Kinder, als sie sich selbst wünschen. Laut UNFPA fehlt weltweit 44 Prozent aller Frauen und Mädchen die Entscheidungsgewalt über Sexualität, Verhütung oder reproduktive Gesundheitsversorgung.

„Nur wer aufgeklärt ist, kann informierte Entscheidungen über Sexualität und Kinderwunsch treffen“, sagt Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Fehlende Sexualaufklärung, schlechter Zugang zu Verhütung und frühe Schwangerschaften prägen vor allem in jenen Regionen die Biografien, wo Gesundheitsangebote Jugendliche kaum erreichen. In Afrika wächst gerade die größte Jugendgeneration aller Zeiten heran. Drei von fünf Menschen sind dort jünger als 25 Jahre.

Kinderkriegen bleibt eine persönliche Entscheidung

Die UNFPA-Daten zeigen auch, warum einfache politische Appelle an junge Menschen, doch bitte Familien zu gründen, oft verpuffen. Kinder entstehen nicht, weil der Staat sie braucht. In der Befragung rangieren staatliche Anreize und der Beitrag zur künftigen Arbeitswelt weit unten auf der Motivationsskala. Das stärkste Argument für Kinder bleibt persönlich: 80 Prozent nennen Freude und Glück durch Kinder als wichtigen Beweggrund.

Angela Bähr, Vorständin Programme der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, fordert deshalb mehr staatliche Investitionen in junge Menschen – sowohl im Globalen Süden als auch im Norden. Dazu zählt sie eine gute Ausbildung, jugendfreundliche Gesundheitsversorgung und Geschlechtergleichstellung. Ihr Satz bringt die politische Wunschliste auf den Punkt: „Nur wenn Mädchen und Frauen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung haben, können sie ein selbstbestimmteres Leben führen, nicht zuletzt in Sachen Sexualität, Verhütung und Familienplanung.“ Frauen, die selbst entscheiden, ob und wie viele Kinder sie bekommen, seien weltweit der Schlüssel für eine nachhaltige demografische Entwicklung.

Kurz zusammengefasst:

  • Viele junge Menschen wollen Kinder, verschieben die Familienplanung aber, weil finanzielle Sicherheit, feste Arbeit, bezahlbarer Wohnraum und verlässliche Kinderbetreuung fehlen.
  • In Deutschland sinkt die Geburtenrate, während der Kinderwunsch stabil bleibt: Die Lücke zwischen gewünschter und tatsächlicher Kinderzahl wird also größer.
  • Weltweit ist Familienplanung an Selbstbestimmung gekoppelt: In reichen Ländern verhindern Unsicherheit und Kosten Kinder, in Regionen mit mehr Kindern fehlt vielen Frauen der Zugang zu Verhütung, Bildung und Gesundheitsversorgung.

Übrigens: Der Wunsch nach Kindern verändert, wen Menschen attraktiv finden – ältere Partner wirken dann anziehender als junge Gesichter. Doch das liegt nicht an Geld oder Status. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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