Aus den Augen, aus dem Sinn: Junge Erwachsene kennen viele heimische Arten kaum noch

Viele junge Erwachsene kennen Löwenzahn oder Spatzen, aber typische Arten von Feldern und Wiesen kaum. Eine neue Studie zeigt, warum das beim Artensterben zum Problem wird.

Die Feldlerche gehört zu den typischen Vogelarten der Agrarlandschaft, doch viele junge Erwachsene kennen sie laut ZALF-Studie kaum noch. © El Golli Mohamed via Wikimedia Commons unter CC BY-SA 4.0

Die Feldlerche gehört zu den typischen Vogelarten der Agrarlandschaft, doch viele junge Erwachsene kennen sie laut ZALF-Studie kaum noch. © Wikimedia

Löwenzahn erkennt fast jeder. Auch Spatzen, Krähen oder Gänseblümchen fallen vielen schnell ein. Doch gerade junge Erwachsene kennen viele typische Arten von Feldern und Wiesen kaum noch: Feldlerche, Schafgarbe, Kamille oder Ackerwildkräuter. Sie gehören zur Landschaft – und verschwinden trotzdem aus dem Kopf vieler Menschen. Für den Schutz der Artenvielfalt ist das ein ernstes Problem.

Eine neue Studie des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) zeigt nun, wie groß diese Wissenslücke in einer landwirtschaftlich geprägten Region Deutschlands ist.

Artensterben fällt schwerer auf, wenn die Namen fehlen

Die Forscher befragten 463 Erwachsene ab 18 Jahren in Nordwestsachsen. Die älteste Altersgruppe lag bei über 65 Jahren. Die Teilnehmer sollten spontan Wildpflanzen und Vögel nennen, die sie von Wiesen, Weiden, Feldrändern und Äckern kennen. Fotos bekamen sie nicht. Es ging also nicht um einen klassischen Bestimmungstest, sondern um Arten, die im Alltag wirklich präsent sind.

Alle Teilnehmer zusammen kamen auf 165 Pflanzenarten oder Pflanzengruppen und 116 Vogelarten oder -gruppen. Auf den ersten Blick klingt das viel. Doch ein großer Teil tauchte nur ein einziges Mal auf. Bei den Pflanzen traf das auf 41 Prozent der Nennungen zu, bei den Vögeln auf 25 Prozent.

Viele kennen Löwenzahn, aber kaum typische Feldarten

Im Schnitt nannten die Befragten 6,0 Pflanzen und 10,3 Vögel. Bei typischen Arten der Agrarlandschaft blieb die Liste deutlich kürzer. Pro Person kamen im Durchschnitt nur 2,1 typische Pflanzen und 3,4 typische Vögel zusammen. In der untersuchten Region kommen aber 31 typische Grünland-Pflanzen, 31 typische Acker-Pflanzen und 25 typische Feldvogelarten vor.

Der Abstand zwischen vorhandener Natur und bekanntem Naturwissen fällt damit groß aus. Laut ZALF gehörten 87 Prozent der typischen Pflanzenarten und 76 Prozent der typischen Vogelarten nicht zum kulturellen Alltagswissen der Befragten. Viele dieser Arten sind in der Region nicht selten. Sie stehen am Feldrand, wachsen auf Wiesen oder fliegen über Äcker, bleiben aber im Kopf vieler Menschen kaum hängen.

Junge Erwachsene erkennen heimische Arten kaum noch

Der Altersunterschied war deutlich. Die Artenkenntnis nahm mit dem Alter zu. Am stärksten fiel der Abstand zwischen den jüngsten Erwachsenen und der Gruppe der 46- bis 55-Jährigen aus. Bei typischen Pflanzen wuchs das Wissen sogar bis zur Gruppe der über 65-Jährigen weiter.

Jüngere Erwachsene nannten eher Arten, die fast überall vorkommen. Dazu gehörten etwa:

  • Löwenzahn, Gänseblümchen und Brennnessel
  • Krähen, Tauben und Greifvögel
  • allgemeine Gruppen statt einzelner Arten

Ältere Teilnehmer nannten häufiger Arten, die enger mit Feldern und Wiesen verbunden sind. Dazu zählen Kornblume, Kamille, Schafgarbe und Sauerampfer. Bei den Vögeln waren Star und Feldlerche bei älteren Menschen präsenter.

Beim Artensterben verschwinden Arten auch aus dem Alltag

Die Untersuchung passt zu einem bekannten Muster in der Ökologie. Jede Generation wächst mit einer anderen Natur auf und hält diesen Zustand oft für normal. Wenn schon wenig Artenwissen vorhanden ist, fallen spätere Verluste weniger stark auf. In der Fachsprache heißt dieses Muster „Shifting-Baseline-Syndrom“.

Die Autoren der Studie haben eine klare Warnung:

Am Ende kümmern sich Menschen nur um das, was sie kennen.

Die Feldlerche kann schon aus dem Alltag verschwinden, bevor sie auf den Feldern fehlt. Wenn kaum jemand sie erkennt, bleibt auch ihr Rückgang leichter unbemerkt..

Naturwissen hilft, Veränderungen früher zu bemerken

Arten wie Feldlerche, Schafgarbe oder bestimmte Ackerwildkräuter sagen Fachleuten viel über den Zustand einer Landschaft. Sie reagieren auf intensive Landwirtschaft, fehlende Lebensräume und weniger Insekten. Wer solche Arten erkennt, nimmt Veränderungen eher wahr.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass viele Menschen nur einen kleinen Teil der Arten kennen, die ihre Landschaft prägen“, sagt Maria Kernecker vom ZALF. Typische Pflanzen und Vögel der Agrarlandschaft hätten auch kulturelle Bedeutung. Geht dieses Wissen verloren, verändert sich auch der Blick auf die eigene Landschaft.

Unterricht im Freien kann Wissen sehr direkt stärken

Die Forscher nennen auch Einschränkungen ihrer Methode. Die Befragung fand nur in zwei Städten und ihrem Umland in Sachsen statt. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht eins zu eins auf ganz Deutschland übertragen. Außerdem misst die Methode spontanes Wissen. Manche Menschen könnten Arten auf Fotos erkennen, obwohl sie ihnen nicht von selbst einfallen.

Trotz dieser Grenzen liefert die Studie klare Hinweise für Schule, Umweltbildung und Alltag. Naturwissen entsteht meist nicht am Schreibtisch. Es wächst, wenn Kinder und Jugendliche draußen Pflanzen, Vögel und Lebensräume erleben. Wiesen, Feldränder und Äcker bieten dafür viele einfache Beispiele.

Die Forscher sehen vor allem draußen vermittelten Unterricht als Chance. Dort lassen sich Zusammenhänge direkt erkennen:

  • Welche Pflanzen auf artenreichen Wiesen wachsen
  • Welche Vögel über Feldern brüten oder jagen
  • Wie Landwirtschaft, Insekten und Lebensräume zusammenhängen

„Wer die Arten seiner Umgebung kennt, kann Veränderungen in der Natur leichter wahrnehmen und ihre Bedeutung für funktionierende Ökosysteme besser verstehen“, sagt Tobias Naaf vom ZALF. Artenkenntnis sei „mehr als reines Faktenwissen“ und eine Grundlage für den Erhalt biologischer Vielfalt.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine Studie mit 463 Erwachsenen in Sachsen zeigt: Viele junge Menschen kennen zwar Löwenzahn, Spatzen oder Gänseblümchen, aber deutlich weniger typische Arten von Feldern und Wiesen.
  • Wenn Namen und Aussehen von Feldlerche, Schafgarbe oder Kamille fehlen, bleiben auch Veränderungen in der Landschaft leichter unbemerkt.
  • Artenkenntnis ist mehr als Naturwissen: Sie hilft, den Zustand von Lebensräumen besser einzuschätzen und biologische Vielfalt wirksamer zu schützen.

Übrigens: Selbst dort, wo kaum Menschen eingreifen, geraten Ökosysteme in Gefahr: In den Colorado Rockies brach die Zahl fliegender Insekten um mehr als 70 Prozent ein. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © El Golli Mohamed via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

What do you feel about this?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert