„Liegt mir auf der Zunge“: Was häufige Wortsuche über das Gehirn verrät

Lange Sprechpausen und häufige Wortsuche könnten laut Studie frühe Veränderungen geistiger Fähigkeiten sichtbar machen.

Lange Sprechpausen, häufiges „ähm“ oder das Gefühl, ein Wort liege „auf der Zunge“: Solche Sprachmuster könnten laut Studie Hinweise auf Veränderungen geistiger Fähigkeiten geben.

Lange Sprechpausen, häufiges „ähm“ oder das Gefühl, ein Wort liege „auf der Zunge“: Solche Sprachmuster könnten laut Studie Hinweise auf Veränderungen geistiger Fähigkeiten geben. © Unsplash

Die Art, wie Menschen in normalen Unterhaltungen sprechen, könnte einiges über die Gesundheit ihres Gehirns verraten. Forscher des Baycrest Corporate Centre for Geriatric Care, der University of Toronto und der York University fanden Hinweise darauf, dass häufige Wortsuche, längere Sprechpausen und Fülllaute wie „ähm“ mit Veränderungen wichtiger geistiger Fähigkeiten zusammenhängen.

Für ihre Studie analysierte das Team Sprachaufnahmen von Erwachsenen zwischen 18 und 90 Jahren. Besonders auffällig waren Pausen, stockende Übergänge und verlangsamtes Sprechen. Dabei zeigte sich: Menschen, die häufiger nach Worten suchen, langsamer sprechen oder mehr Pausen machen, schneiden oft auch bei Tests zu Gedächtnis, Aufmerksamkeit und geistiger Flexibilität schlechter ab.

Wie Forscher Sprache mit geistiger Leistung vergleichen

Die Wissenschaftler werteten Aufnahmen von insgesamt 241 gesunden Erwachsenen aus, die Bilder frei mit eigenen Worten beschrieben, während eine Software jedes Detail der Sprache analysierte. Die KI achtete dabei nicht nur auf den Inhalt. Viel interessanter waren zeitliche Muster. Gemessen wurden unter anderem:

  • Länge und Häufigkeit von Sprechpausen
  • Tempo der gesprochenen Wörter
  • Fülllaute wie „äh“, „ähm“, „uh“ oder „um“
  • Wiederholungen und stockende Übergänge

Anschließend verglichen die Forscher diese Daten mit klassischen Tests zur geistigen Leistungsfähigkeit. Dazu gehörten Aufgaben für Arbeitsgedächtnis, Konzentration, Reaktionsgeschwindigkeit und sprachliche Flexibilität.

Auffällig war vor allem ein Bereich: Menschen mit häufigeren Pausen und mehr stockender Sprache erreichten oft schwächere Werte bei sogenannten Exekutivfunktionen. Damit beschreiben Fachleute geistige Fähigkeiten, die Menschen beim Planen, Erinnern, Organisieren oder schnellen Wechsel zwischen Gedanken benötigen.

Stockt die Sprache, kann das Gehirn stärker belastet sein

Die Forscher interessierten sich besonders für die Wortsuche während normaler Gespräche. Denn Sprache entsteht nicht fertig im Kopf. Das Gehirn muss passende Begriffe auswählen, Sätze planen und Informationen sortieren – oft in Sekundenbruchteilen.

Gerät dieser Ablauf ins Stocken, entstehen kurze Unterbrechungen. Viele Menschen füllen solche Momente mit Lauten wie „ähm“. Andere machen längere Pausen oder brechen Sätze ab und formulieren neu.

In der Studie zeigte sich ein wiederkehrendes Muster: Je ausgeprägter solche Unterbrechungen waren, desto schwächer fielen häufig die Leistungen bei geistigen Aufgaben aus. „Die Botschaft ist klar: Das Timing beim Sprechen ist mehr als nur eine Stilfrage – es ist ein empfindlicher Hinweis auf die Gesundheit des Gehirns“, sagt Studienautor Jed Meltzer vom Rotman Research Institute.

Die Forscher beobachteten diesen Zusammenhang nicht nur bei Menschen über 65 Jahren. Ähnliche Muster fanden sie über nahezu alle Altersgruppen hinweg.

Warum Sprache mehr verraten kann als klassische Gedächtnistests

Viele kognitive Leistungstests funktionieren mit festen Aufgaben. Menschen sollen sich Begriffe merken, Zahlenreihen wiederholen oder Bilder erkennen. Solche Untersuchungen dauern oft lange und lassen sich nur begrenzt wiederholen, weil Übungseffekte entstehen können.

Normale Sprache funktioniert anders. Menschen sprechen jeden Tag. Dadurch entstehen große Mengen natürlicher Daten aus dem Alltag. Die kanadischen Forscher sehen darin einen Vorteil. Veränderungen könnten sich über längere Zeit beobachten lassen, ohne ständig umfangreiche Tests durchführen zu müssen.

Besonders interessant fanden die Wissenschaftler, dass nicht komplizierte Wörter oder ausgefallene Satzkonstruktionen die stärksten Hinweise lieferten. Viel aussagekräftiger wirkten Pausen, verlangsamtes Sprechen und kleine Unterbrechungen im Sprachfluss.

Das passt zu früheren Beobachtungen aus der Demenzforschung. Bereits länger ist bekannt, dass Menschen mit beginnenden kognitiven Problemen häufiger nach Worten suchen oder Gedanken schwerer ordnen können.

KI erkennt feine Unterschiede im Sprachrhythmus

Für die Auswertung nutzte das Team eine KI-gestützte Analyse, die mehr als 700 sprachliche und akustische Merkmale erfasste. Darunter befanden sich auch winzige Veränderungen, die Menschen im Alltag kaum bewusst wahrnehmen.

Die Software registrierte etwa, wie lange einzelne Wörter dauerten oder wie oft kurze Pausen auftraten. Selbst kleine Unterschiede im Rhythmus der Sprache flossen in die Berechnung ein.

Die Studie liefert allerdings keine Diagnosemethode für Demenz. Nicht jede Sprechpause bedeutet ein Gesundheitsproblem. Auch Stress, Müdigkeit, Nervosität oder Ablenkung beeinflussen Gespräche.

Außerdem untersuchten die Forscher ausschließlich gesunde Erwachsene. Die Ergebnisse zeigen deshalb keinen direkten Nachweis für eine spätere Erkrankung. Vielmehr beschreiben sie einen Zusammenhang zwischen Sprache und geistiger Leistungsfähigkeit.

Warum Wörter manchmal „auf der Zunge“ liegen

Weshalb manche Menschen häufiger stocken, könnte auch mit der Verarbeitungsgeschwindigkeit im Gehirn zusammenhängen. Wer Informationen langsamer sortiert, spricht oft ebenfalls langsamer. Hinzu kommt die Wortsuche: Das Gehirn muss passende Begriffe aus dem Gedächtnis abrufen und in Sprache übersetzen. Im Alter kann dieser Übergang störanfälliger werden – viele kennen das Gefühl, wenn ein Wort „auf der Zunge“ liegt und erst Sekunden später auftaucht.

„Diese Forschung bereitet den Weg für neue Werkzeuge, die Veränderungen der geistigen Leistung in Kliniken oder sogar zuhause verfolgen könnten“, sagt Meltzer. Künftige Langzeitstudien sollen klären, ob solche Sprachmuster Jahre vor stärkeren Gedächtnisproblemen auffallen.

Kurz zusammengefasst:

  • Sprache verrät mehr als den Inhalt: In einer Studie mit 241 gesunden Erwachsenen hingen lange Sprechpausen, häufige Wortsuche und Fülllaute wie „ähm“ mit schwächeren Leistungen bei Gedächtnis, Aufmerksamkeit und geistiger Flexibilität zusammen.
  • Das ist kein Demenztest: Einzelne Pausen oder ein Wort „auf der Zunge“ sind normal; relevant wird eher ein auffälliges Muster aus Stocken, langsamem Sprechen und zunehmenden Wortfindungsproblemen.
  • KI könnte solche Veränderungen früher erfassen: Sprachanalysen messen feine Unterschiede im Rhythmus und könnten künftig helfen, geistige Veränderungen über längere Zeit einfacher zu beobachten.

Übrigens: Nicht nur Sprache kann Hinweise auf die geistige Gesundheit geben – auch der Beziehungsstatus hängt laut einer großen US-Studie überraschend mit dem Demenzrisiko zusammen. Warum Unverheiratete in der Analyse seltener erkrankten und weshalb soziale Nähe trotzdem wichtig bleibt, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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