Hunde-Gehirn schrumpfte nach der Zähmung vor 5000 Jahren zeitweise um fast die Hälfte

Das Hunde-Gehirn war einst deutlich größer: Vor 5000 Jahren verloren Hunde bis zu 46 Prozent ihres Hirnvolumens.

Hund schaut in die Kamera

Hunde aus der Jungsteinzeit waren deutlich kleiner als Wölfe – ihr Gehirnvolumen entsprach teils bereits heutigen Terrier- und Zwerghunderassen. © Pexels

Kleine Hunde bellen oft schneller, reagieren nervöser auf Besuch und schlagen bei jedem Geräusch an. Das wird gern als Macke moderner Rassen abgetan. Eine neue Studie legt jedoch nahe: Solches Verhalten könnte tief in der Geschichte der Zähmung liegen. Denn das Gehirn früher Hunde schrumpfte offenbar nicht gleich zu Beginn der Domestizierung, sondern erst viel später – als Hunde enger in menschlichen Siedlungen lebten und dort neue Aufgaben übernahmen.

Veröffentlicht wurde die Studie im Fachjournal Royal Society Open Science. Das Team um Thomas Cucchi vom Nationalen Naturkundemuseum in Paris untersuchte dafür 207 Schädel von Wölfen, Hunden, Dingos und prähistorischen Tieren. Die ältesten Funde sind rund 35.000 Jahre alt.

Die Ergebnisse stellen eine verbreitete Annahme infrage: Bisher galt oft, dass das Hunde-Gehirn schon zu Beginn der Zähmung kleiner wurde. Die neuen Daten erzählen eine andere Geschichte. Frühe sogenannte Protodogs aus der Eiszeit hatten ein ähnlich großes Hirnvolumen wie Wölfe. Ein Fund aus Goyet in Belgien lag relativ zur Körpergröße sogar leicht darüber.

Das Hunde-Gehirn schrumpfte erst viel später

„Sogenannte Protodogs des Pleistozäns zeigen keine Verringerung der Gehirngröße im Vergleich zu gleichzeitigen Wölfen“, schreiben die Forscher. Das spricht dafür, dass die ersten Hunde durch die frühe Zähmung nicht sofort kleinere Gehirne entwickelten, sondern sich zunächst an ein neues Leben in Menschennähe anpassen mussten.

Das Leben an der Seite des Menschen konnte sogar anspruchsvoller sein. Neue soziale Kontakte, fremde Abläufe und andere Nahrungsquellen verlangten vermutlich mehr Flexibilität. Wer sich in der Nähe menschlicher Gruppen behaupten wollte, musste aufmerksam und anpassungsfähig sein.

Erst rund 30.000 Jahre später änderte sich das Bild deutlich. Hunde aus der Siedlung Chalain in Frankreich, die vor etwa 5000 bis 4500 Jahren lebten, hatten ein deutlich kleineres Gehirn. Ihr Hirnvolumen lag rund 46 Prozent unter dem von Wölfen aus derselben Zeit.

Vor 5000 Jahren wurde das Hunde-Gehirn deutlich kleiner

Die Tiere aus Chalain waren keine großen Jagdhunde. Ihre Schulterhöhe lag bei etwa 35 bis 45 Zentimetern. Die Schädel erinnerten eher an heutige kleine Terrier oder mittelgroße Spitzhunde. Ein Tier lag sogar im Bereich moderner Zwerghunderassen wie Chihuahua oder Pekinginese.

Laut Studie zeigen spätneolithische Hunde eine drastische Verringerung der Gehirngröße von 46 Prozent. Ihr Hirnvolumen entsprach damit teils modernen Kleinsthunden, obwohl diese Zuchtformen erst viel später entstanden.

Für die Untersuchung nutzte das Team CT-Scans. Daraus entstanden virtuelle Abdrücke des Schädelinnenraums. Dieses sogenannte Endokranialvolumen gilt bei fossilen Schädeln als guter Hinweis auf die frühere Gehirngröße. Es ersetzt keine vollständige Hirnanalyse, erlaubt aber einen seltenen Blick in die Entwicklung über viele Jahrtausende.

Neue Siedlungen brachten neue Aufgaben

Die starke Veränderung kam zu einer Zeit, in der sich auch das Leben der Menschen wandelte. Aus Jägern und Sammlern wurden Bauern. Es entstanden feste Häuser, Vorräte, Viehhaltung und größere Gemeinschaften. Damit veränderte sich auch der Platz des Hundes.

Hunde lebten nun näher an menschlichen Siedlungen. Sie fraßen wohl Essensreste, hielten sich in Dorfnähe auf und reagierten auf fremde Geräusche oder Bewegungen. Die Forscher vermuten, dass gerade diese Eigenschaften nützlich waren.

Mögliche Rollen dieser Hunde:

  • Warnen vor Fremden oder wilden Tieren
  • Leben als Aasfresser in der Nähe von Siedlungen
  • Nutzung bei Jagd oder Bewachung
  • teils auch Verwendung als Fleischquelle

In Chalain fanden Archäologen Hundeknochen in Abfallbereichen zusammen mit anderen Tierresten. Das legt nahe, dass Hunde dort nicht nur Begleiter waren, sondern verschiedene Aufgaben erfüllten.

Kleineres Gehirn bedeutet nicht weniger Intelligenz

Die Zahl von 46 Prozent klingt drastisch. Sie bedeutet aber nicht automatisch, dass Hunde plötzlich „dümmer“ wurden. Die Größe allein sagt wenig über geistige Fähigkeiten aus. Auch Aufbau, Vernetzung und Spezialisierung des Gehirns spielen eine große Rolle.

Die Forscher vermuten eher Veränderungen im Verhalten. Kleine Hunde zeigen heute oft mehr Unsicherheit, stärkere Reaktionen auf Fremde und häufigeres Bellen. Solche Eigenschaften könnten auch bei den damaligen Hunden verbreitet gewesen sein.

„Diese drastische Verringerung der Gehirngröße bei diesen kleinen Hunden aus der Jungsteinzeit deutet auch auf begleitende Verhaltensänderungen hin“, heißt es in der Studie. Damit sind etwa Wachsamkeit, stärkere Reizempfindlichkeit und ein schnelleres Alarmverhalten gemeint.

Für frühe Siedlungen konnte das sehr nützlich sein. Ein Hund, der schnell anschlägt, war eine Art lebende Alarmanlage. Er warnte vor Besuchern, Raubtieren oder ungewohnten Geräuschen, lange bevor Menschen selbst reagierten.

Kurz zusammengefasst:

  • Das Hunde-Gehirn schrumpfte nicht direkt zu Beginn der Domestizierung: Frühe Urhunde aus der Eiszeit hatten noch ein ähnlich großes Gehirn wie Wölfe.
  • Erst vor etwa 5000 Jahren, als Menschen sesshaft wurden und Hunde neue Aufgaben in Siedlungen übernahmen, verringerte sich ihr Hirnvolumen um bis zu 46 Prozent.
  • Ein kleineres Hunde-Gehirn bedeutet nicht automatisch weniger Intelligenz, sondern könnte mit anderem Verhalten wie mehr Wachsamkeit, schnellerem Reagieren und stärkerem Bellverhalten zusammenhängen.

Übrigens: Nicht nur das Hunde-Gehirn wurde über Jahrtausende vom Zusammenleben mit Menschen geprägt – auch heute reagieren Hunde erstaunlich sensibel auf unsere Gefühle. Eine Studie zeigt, dass Hunde Angst riechen können, aber völlig unterschiedlich darauf reagieren. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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