Von Hafen zu Hafen geflickt: 2.200 Jahre altes römisches Wrack gibt ein Geheimnis preis
Vor 2.200 Jahren reichten Pech und Wachs gegen Lecks: Ein Wrack in der Adria verrät, wie Seeleute zur Römerzeit ihre Schiffe flickten.
Bei der Untersuchung des römischen Schiffswracks vor Kroatien legen Archäologen Holzstämme und Amphoren frei, die einst zur Ladung des Handelsschiffs gehörten. © Adriboats / L. Damelet / CNRS–CCJ
Ohne Dichtmasse hätte kein antikes Handelsschiff lange überlebt. Salzwasser, Würmer und ständige Belastung setzten den Rümpfen zu. An einem römischen Wrack nahe der kroatischen Insel Ilovik in der nördlichen Adria lässt sich jetzt nachvollziehen, wie Seeleute ihre Schiffe vor 2.200 Jahren flickten.
Sie strichen eine teerartige Masse aus erhitztem Baumharz, Pech genannt, auf die Planken, mischten teils Bienenwachs darunter und besserten beschädigte Stellen wohl in verschiedenen Häfen entlang ihrer Route aus.
Das Wrack Ilovik–Paržine 1, das im flachen Küstengewässer der Kvarner Buch gefunden wurde, stammt aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. Für eine aktuelle Studie im Fachjournal Frontiers haben Forscher die schwarze Schutzschicht am Rumpf untersucht. Zwischen den chemischen Spuren der alten Dichtmasse steckten auch winzige Pollen. Sie geben heute Aufschluss darüber, wo die Masse entstand und wo sie auf die Planken kam.
Schutzschicht verrät viel über römisches Handwerk
Diese Beschichtung bestand überwiegend aus erhitztem Harz von Nadelbäumen. In einer Probe fanden sich zusätzlich Rückstände von Bienenwachs. Diese Mischung machte das Material geschmeidiger und erleichterte die Verarbeitung, vor allem bei Reparaturen.
„In der Archäologie wird organischen Abdichtungsmaterialien wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei sind sie für die Schifffahrt unverzichtbar und echte Zeugen früher Schiffstechnologie“, sagt Studienleiterin Armelle Charrié.
Was Blütenstaub im Pech über alte Reparaturen erzählt
Die Pollenfunde machen die Beschichtung zu einer Art Herkunftsspur. Denn Pech klebt nicht nur auf Holz, sondern hält auch kleinste Pflanzenreste aus der Umgebung fest. So konnten die Forscher verschiedene Schichten miteinander vergleichen. Das Ergebnis: Das Schiff wurde nicht einfach einmal gebaut und dann genutzt, bis es sank. Teile des Rumpfs wurden offenbar wiederholt ausgebessert. Je nach Bereich unterscheiden sich Material und Pflanzenspuren.
Während Heck und Mittelteil eine relativ einheitliche Beschichtung aufweisen, fällt der Bug aus dem Rahmen. Dort fanden sich mehrere klar unterscheidbare Lagen. Insgesamt lassen sich vier bis fünf verschiedene Phasen erkennen. Das spricht für Reparaturen über längere Zeit. Wahrscheinlich nutzten die Seeleute Material, das sie unterwegs in Häfen oder Werften bekamen.
Pflanzenreste zeichnen die Route durch die Adria nach
Die Pollen geben auch Hinweise auf die Landschaften entlang der Route. Gefunden wurden unter anderem:
- Eichen, Kiefern und Wacholder
- Olivenbäume und typische Sträucher der Mittelmeerregion
- Pflanzen aus Feuchtgebieten wie Erlen und Eschen
- Spuren von Gebirgsvegetation wie Tannen und Buchen
Diese Mischung passt zu Küstenlandschaften, Flusstälern und bergnahen Regionen rund um die Adria. Einige Hinweise deuten auf Süditalien, andere auf Dalmatien oder Istrien.
Bauort und Reparaturen lassen sich besser verbinden
Frühere Untersuchungen der Ballaststeine legen nahe, dass das Schiff in der Gegend um Brindisi gebaut wurde. Diese schweren Steine lagen im Rumpf und sorgten dafür, dass das Handelsschiff auch mit Ladung stabil im Wasser lag. Der Hafen im Süden Italiens spielte in der römischen Zeit eine wichtige Rolle für den Verkehr über die Adria.
Die neuen Ergebnisse ergänzen dieses Bild. Ein Teil der Beschichtung passt zu dieser Region. Andere Lagen stammen offenbar von späteren Arbeiten, die an anderen Orten durchgeführt wurden. Das Schiff wurde demnach vermutlich in Süditalien gebaut und während seiner Fahrten mehrfach instand gesetzt.
Warum Wachs für Seeleute mehr war als ein Zusatz
Die Kombination aus Harz und Bienenwachs war kein Zufall. Sie brachte mehrere Vorteile:
- Das Material blieb auch bei niedrigen Temperaturen elastischer
- Es ließ sich im warmen Zustand besser auftragen
- Es schützte besser vor Wasser und Schädlingen
Solche Mischungen waren bereits in der Antike bekannt. Sie zeigen, dass Handwerker ihre Materialien gezielt an die Belastungen auf See anpassten.
Lange interessierten sich Archäologen vor allem für Holz, Ladung und Bauweise. Die Studie macht nun deutlich, dass auch die scheinbar nebensächlichen Stoffe viel erzählen: Ohne Dichtmasse blieb kein Schiff seetüchtig, und ohne regelmäßige Pflege hielt kein Rumpf den Belastungen der Adria lange stand.
Kurz zusammengefasst:
- Ilovik–Paržine 1 ist ein römisches Schiffswrack aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. Es zeigt, wie Seeleute ihre Schiffe damals dicht hielten: mit Pech aus erhitztem Baumharz, teils gemischt mit Bienenwachs.
- Winzige Pollen in dieser Schutzschicht verraten, dass der Rumpf offenbar mehrfach ausgebessert wurde – nicht nur am Bauort bei Brindisi, sondern wohl auch in Häfen entlang der Adria.
- Die Studie macht den Alltag antiker Seefahrt greifbar: Ein Schiff blieb nur einsatzfähig, wenn es regelmäßig geflickt, abgedichtet und gepflegt wurde.
Übrigens: Während römische Schiffe dank Wartung erstaunlich lange hielten, nutzten die Römer auch beim Bauen Tricks, die bis heute wirken. Neue Funde aus Pompeji zeigen, wie ihr Beton sich selbst reparieren konnte. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Adriboats / L. Damelet / CNRS–CCJ
