Forscher entdecken Schlüsselprotein im Ohr – schon kleine Defekte können Hörverlust auslösen
Ein neu entdecktes Schlüsselprotein im Ohr zeigt, warum schon kleine Schäden das Hören massiv beeinträchtigen können.
Im Innenohr entscheiden winzige Strukturen darüber, wie präzise Töne wahrgenommen und verarbeitet werden. © Unsplash
Hörverlust entwickelt sich oft schleichend. Gespräche klingen dumpfer, leise Töne verschwinden. Die genaue Ursache blieb lange unklar. Jetzt rückt ein winziger Baustein im Innenohr in den Blick: das Schlüsselprotein TMEM145. Es entscheidet darüber, wie empfindlich das Gehör arbeitet.
Im Innenohr laufen extrem feine Prozesse ab. Winzige Sinneshärchen reagieren auf Schall. Sie bewegen sich im Rhythmus der Schwingungen. Dabei verstärken sie selbst leiseste Geräusche. Das neu entdeckte Protein sorgt dafür, dass diese Bewegungen stabil bleiben. Ohne diesen Halt verliert das System seine Wirkung.
Protein verbindet präzise Strukturen im Innenohr
Die Entdeckung gelang einem Team der Philipps-Universität Marburg. Im Fachjournal Neuron beschreiben die Forschenden das Protein namens TMEM145. Es sitzt an den Spitzen der Sinneshärchen, den sogenannten Stereozilien.
Dort bildet es eine ringförmige Struktur. Diese verbindet die Härchen mit der Tektorialmembran. Diese Membran liegt wie ein feiner Film über den Haarzellen. Sie überträgt die Schallschwingungen direkt auf die Sinneshärchen. Nur mit dieser Verbindung kann das Ohr feinste Geräusche wahrnehmen. Studienleiterin Katrin Reimann sagt: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass TMEM145 als molekulares Verankerungs- und Organisationszentrum funktioniert, das die mechanische Anregung der Haarzellen ermöglicht.“

Ohne Verbindung bricht die Verstärkung zusammen
Fehlt dieses Protein, verliert das System seine Stabilität. Die Sinneshärchen lösen sich funktionell von der Membran. Die mechanische Kopplung bricht ab. Damit fällt die Verstärkerfunktion im Innenohr aus.
In Versuchen mit genetisch veränderten Mäusen zeigte sich die Folge deutlich. Die Tiere entwickelten einen starken Hörverlust. Vor allem leise Töne gingen verloren. Eben diese werden normalerweise aktiv verstärkt. Die Hörschnecke, auch Cochlea genannt, arbeitet wie ein natürlicher Verstärker. Schon kleine Störungen reichen aus, um diesen Mechanismus aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Innenohr verstärkt aktiv selbst leiseste Geräusche
Hören beginnt nicht im Gehirn, sondern im Innenohr. Schall erzeugt dort mechanische Bewegungen. Diese wandeln die Sinneshärchen in elektrische Signale um. Erst danach verarbeitet das Gehirn die Informationen. Die äußeren Haarzellen übernehmen dabei eine klare Aufgabe:
- Sie verstärken schwache Schallschwingungen gezielt
- Sie erhöhen die Empfindlichkeit für leise Geräusche
- Sie ermöglichen präzises Hören bei wechselnden Lautstärken
Ohne diese Verstärkung bleibt ein großer Teil der Geräusche unhörbar.
Neuer Ansatz hilft, Hörverlust besser zu verstehen
Mehrere Proteine aus demselben System sind bereits als Ursachen genetischer Hörstörungen bekannt. TMEM145 könnte künftig eine wichtige Rolle bei der Diagnose spielen. Vor allem bei ungeklärtem Hörverlust eröffnet das neue Möglichkeiten. Das Protein gilt als Kandidat für genetische Tests. So lassen sich Ursachen gezielter erkennen.
Die Ergebnisse liefern auch Hinweise für mögliche Behandlungen. Im Mausmodell zeigte sich ein entscheidender Punkt. Schäden entstehen nicht sofort vollständig. Das eröffnet ein Zeitfenster für Eingriffe:
- Frühzeitige Behandlungen könnten wirksamer sein
- Gentherapien gelten als möglicher Ansatz
- Bestehende Konzepte könnten gezielter eingesetzt werden
Solche Therapien werden bereits bei anderen Formen der Innenohrschwerhörigkeit getestet.
Kurz zusammengefasst:
- TMEM145 ist ein neu entdecktes Protein im Innenohr, das winzige Sinneshärchen mechanisch stabil mit einer Membran verbindet und so präzises Hören erst möglich macht.
- Fehlt diese Verbindung, fällt die natürliche Verstärkung leiser Töne aus, was im Mausmodell zu schwerem Hörverlust führte.
- Die Entdeckung hilft, Ursachen von Hörstörungen besser zu verstehen und könnte langfristig neue Ansätze für Diagnose und frühe Therapien ermöglichen.
Übrigens: Während neue Forschung erklärt, wie Hörverlust im Innenohr entsteht, arbeiten Wissenschaftler bereits an Ersatz aus dem Labor für außen – etwa an künstlichem Ohrknorpel aus eigenen Zellen. Erste Ergebnisse zeigen formstabile, elastische Strukturen, die dem natürlichen Gewebe nahekommen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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