Neandertaler jagten riesige Waldelefanten – ihre Zähne verraten jetzt ein verblüffendes Detail
Neandertaler jagten Elefanten in Deutschland gezielt. Funde zeigen Planung, weite Tierwanderungen bis 300 km und Versorgung für Monate.
Vor 125.000 Jahren zogen Riesen-Elefanten durch Europa – die Art Palaeoloxodon antiquus gehörte zu den größten Landsäugetieren ihrer Zeit. © Hodari Nundu
Die Europäischen Waldelefanten waren gewaltige Tiere. Männchen konnten eine Schulterhöhe von bis zu 4,5 Metern erreichen und mehrere Tonnen wiegen. Wer solche Riesen jagte, brauchte mehr als Mut. Er musste wissen, wo sich die Tiere aufhielten, wie sie sich bewegten und wann ein Angriff überhaupt möglich war.
Eine neue Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz verändert den Blick auf die Neandertaler. Sie waren offenbar weit mehr als Jäger, die eine günstige Gelegenheit nutzten. Vieles spricht dafür, dass sie solch riesige Beute gezielt auswählten, den Ort gut kannten und ihr Vorgehen auf die Tiere abstimmten.
Entscheidend für die neuen Erkenntnisse sind die Backenzähne der eiszeitlichen Elefanten. Ihr Zahnschmelz wächst über viele Jahre und hält dabei chemische Spuren aus Nahrung, Wasser und Umgebung fest. Heute lassen sich diese Spuren auswerten. Und sie zeigen erstaunlicherweise: Manche Tiere legten weite Strecken zurück, bevor sie am Fundort erlegt wurden.
Wie weit die Waldelefanten vor ihrer Jagd wirklich unterwegs waren
Untersucht wurden vier Backenzähne des Europäischen Waldelefanten, wissenschaftlich Palaeoloxodon antiquus. Die Tiere lebten vor rund 125.000 Jahren. Am Fundort Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt wurden bereits die Überreste von mehr als 70 solcher Elefanten entdeckt. Schon eine frühere Arbeit hatte nahegelegt, dass Neandertaler diese Tiere tatsächlich jagten.
Zwei der untersuchten Tiere hielten sich über Jahre in der Gegend von Neumark-Nord auf. Zwei andere trugen dagegen chemische Signaturen im Zahnschmelz, die nicht zu den lokalen Gesteinen passen. Sie kamen aus anderen Landschaften. Nach Einschätzung des Teams könnten einzelne Tiere vor ihrer Ankunft bis zu 300 Kilometer zurückgelegt haben.
„Dank Isotopenanalysen können wir die Bewegungen von Elefanten fast so nachvollziehen, als hätten wir ein Tagebuch ihrer Reisen“, sagt Erstautorin Elena Armaroli.
Warum Neandertaler Waldelefanten gezielt auswählten
Damit verändert sich auch der Blick auf die Jagd. Die Elefanten, die in Neumark-Nord erlegt wurden, stammten offenbar nicht alle aus derselben Region. Einige kamen von weiter her. Das spricht für einen Ort, der Tiere anzog – und den Neandertaler offenbar sehr gut kannten.
Neumark-Nord, südlich von Halle (Saale) bot damals Wasser, Nahrung und halboffene Flächen. Solche Landschaften waren für viele große Pflanzenfresser attraktiv. Über mindestens 2.500 Jahre tauchten Menschen dort immer wieder auf. Die auffällig hohe Zahl an Elefantenresten spricht dafür, dass dieser Platz nicht zufällig genutzt wurde.
Wer ein Tier dieser Größe erlegen wollte, musste Bewegungsmuster kennen, günstige Situationen abpassen und im richtigen Moment handeln. Es ging also kaum nur um Glück. Vielmehr passt das Bild zu Gruppen, die ihre Umwelt genau beobachteten und ihr Vorgehen darauf abstimmten.
Weshalb vor allem Bullen zur Beute wurden
Noch ein Befund ist auffällig: Drei der vier untersuchten Tiere waren männlich, eines vermutlich weiblich. Dieses Verhältnis passt zu den bisherigen Funden aus Neumark-Nord. Auch dort dominieren erwachsene Bullen.
Das ist kein nebensächliches Detail. Männliche Elefanten leben häufiger allein und streifen oft weiter umher als Kühe, die an Herden gebunden sind. Das könnte sie für Jäger berechenbarer und angreifbarer gemacht haben. Die Forscher vermuten deshalb, dass nicht nur die große Fleischmenge eine Rolle spielte, sondern auch die Lebensweise der Tiere.
Ein erlegter Elefant lieferte Nahrung für Monate
Wie groß der Nutzen einer solchen Jagd war, lässt sich recht konkret beziffern. Ein Waldelefant konnte bis zu 13 Tonnen wiegen. Wer ein solches Tier vollständig verwerten wollte, brauchte Zeit, viele Hände und ein planvolles Vorgehen.
- Eine Gruppe von rund 25 Menschen brauchte wohl 3 bis 5 Tage, um ein Tier vollständig zu zerlegen.
- Ein einzelner Elefant konnte etwa 2.500 Portionen zu je rund 4.000 Kilokalorien liefern.
- Damit ließ sich eine Gruppe über mehrere Monate versorgen.
Solche Mengen sprechen ebenfalls gegen eine spontane Gelegenheitstat. Wer so viel Fleisch gewann, musste es verarbeiten, verteilen und wohl zumindest teilweise haltbar machen. Im Raum stehen Verfahren wie Trocknen oder Räuchern.

Die Landschaft von Neumark-Nord war attraktiv für Waldelefanten
Die Gegend um Neumark-Nord bestand nicht aus dichtem Wald allein. Seen, lichte Flächen und bewachsene Bereiche lagen dicht beieinander. Diese Mischung zog viele Tiere an, darunter Pferde, Rinder und Hirsche – und eben auch die riesigen Waldelefanten.
Auch pflanzliche Nahrung war reichlich vorhanden. Frühere Arbeiten aus Neumark-Nord deuten darauf hin, dass Neandertaler dort unter anderem Haselnüsse und Eicheln nutzten. Zudem gibt es Hinweise, dass Menschen die Landschaft mit Feuer beeinflussten. So könnten offene Bereiche erhalten oder neu geschaffen worden sein, die wiederum große Pflanzenfresser anzogen.
Was die Zähne über Geschlecht und Lebensraum verraten
Neben den Isotopenanalysen setzte das Team bei Europäischen Waldelefanten erstmals auch Paläoproteomik ein. Dabei untersuchten die Forscher erhaltene Proteine aus dem Zahnschmelz. So ließ sich das Geschlecht der Tiere bestimmen.
Auch bei Nahrung und Wasser zeigten sich klare Unterschiede. Das ergab die Auswertung von Kohlenstoff-, Sauerstoff- und Strontiumwerten im Zahnschmelz. Dadurch wurde deutlich, dass die Tiere nicht nur aus verschiedenen Regionen nach Neumark-Nord kamen, sondern dort zuvor auch unter unterschiedlichen Umweltbedingungen gelebt hatten.
Kurz zusammengefasst:
- Neandertaler jagten in Neumark-Nord offenbar nicht zufällig, sondern nutzten einen Ort gezielt, an dem immer wieder riesige Waldelefanten zusammenkamen.
- Die Analyse von vier Elefantenzähnen zeigt, dass einige Tiere vor ihrem Tod bis zu 300 Kilometer zurückgelegt hatten und aus unterschiedlichen Lebensräumen stammten.
- Zusammengenommen spricht das für Neandertaler, die ihre Umwelt gut kannten, große Beute planvoll nutzten und selbst sehr große Tiere organisiert zerlegen und verwerten konnten.
Übrigens: Während Neandertaler in Deutschland Elefanten gezielt jagten, zeigt ein Handabdruck aus Indonesien, wie früh Menschen bereits Kunst schufen und weite Wege zurücklegten. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Hodari Nundu, CC-BY-4.0
