Nicht jeder Wald kühlt – Aufforstung kann dem Klima sogar schaden
Aufforstung wirkt nicht überall gleich: In manchen Regionen können neue Wälder das Klima sogar messbar erwärmen.
Große Kampagnen pflanzen weltweit Milliarden Bäume für den Klimaschutz, doch nicht jeder Wald kühlt – der Standort entscheidet. © Freepik
Aufforstung gilt als einfache Lösung im Kampf gegen den Klimawandel: Neue Wälder sollen CO₂ binden und das Klima stabilisieren. Viele Programme setzen genau darauf. Milliarden Bäume sollen gepflanzt werden. Doch der Effekt ist komplexer. Entscheidend ist nicht nur die Anzahl der Bäume, sondern ihr Standort.
Eine Untersuchung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zeigt ein differenziertes Bild. Wälder können die Erde kühlen. Unter bestimmten Bedingungen können sie aber auch zur Erwärmung beitragen. „Der Standort entscheidet stärker über den Klimaeffekt als die Fläche“, heißt es in der Analyse.
Aufforstung beeinflusst das Klima oft nur begrenzt
Die Auswertung vergleicht mehrere globale Szenarien bis zum Jahr 2100. Dabei zeigt sich: Große Aufforstungsflächen führen nicht automatisch zu einer stärkeren Abkühlung. Je nach Szenario werden weltweit zwischen 440 und 926 Millionen Hektar aufgeforstet. Die Wälder binden dabei etwa 220 bis 435 Gigatonnen CO₂. Trotzdem sinkt die globale Temperatur nur um rund 0,13 bis 0,25 Grad Celsius.
Besonders auffällig ist ein Vergleich: Ein kleineres Szenario erreicht fast denselben Kühleffekt wie ein deutlich größeres. Der Unterschied bei der Fläche liegt bei rund 450 Millionen Hektar. Das entspricht ungefähr der Fläche der gesamten EU.
Parallel berechnete das Crowther Lab der ETH Zürich das globale Potenzial. Demnach könnten weltweit rund 0,9 Milliarden Hektar zusätzlich bewaldet werden, ohne Städte oder Landwirtschaft zu verdrängen. Diese Fläche entspricht ungefähr der Größe der USA. Neue Wälder könnten langfristig etwa 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern.

Tropische Wälder kühlen besonders effektiv
Die stärkste Wirkung zeigt sich in tropischen Regionen. Dazu gehören Amazonien, Zentralafrika und Teile Südostasiens. Dort speichern Bäume viel Kohlenstoff. Gleichzeitig verdunsten sie große Mengen Wasser.
Diese Verdunstung entzieht der Umgebung Wärme. Temperaturen sinken messbar. Auch Niederschläge verändern sich. In diesen Regionen verstärken sich mehrere Effekte gleichzeitig. Die Modelle zeigen ein stabiles Bild. Wo viel Wasser verdunstet, entsteht ein deutlicher Kühleffekt. Dieser bleibt auch unter veränderten Klimabedingungen erhalten.

In nördlichen Regionen kann es wärmer werden
In kälteren Regionen ergibt sich ein anderes Bild. Dazu zählen Kanada, Sibirien oder Teile Europas. Hier kann Aufforstung sogar zu höheren Temperaturen führen.
Der Grund liegt in der Oberfläche. Schnee reflektiert Sonnenlicht stark. Wälder sind dunkel und nehmen mehr Energie auf. Dadurch erwärmt sich die Umgebung. In einigen Regionen zeigen die Berechnungen:
- lokale Erwärmung von über +1 Grad Celsius
- zusätzliche Effekte durch veränderte Luftströmungen
- globale Gegenwirkung von etwa +0,09 Grad
Mehr Bäume bedeuten hier nicht automatisch mehr Klimaschutz.
Wälder beeinflussen das Klima weltweit
Aufforstung wirkt nicht nur lokal. Wälder verändern Luftströmungen und Meeresbewegungen. Dadurch verschieben sich Temperaturen auch in entfernten Regionen.
Ein Wald in Südamerika kann Effekte in Europa auslösen. Veränderungen im Atlantik spielen dabei eine Rolle. Die Studie beschreibt diese Zusammenhänge als „nicht-lokale Effekte“. „Die Pflanzmuster allein können sehr unterschiedliche Klimaeffekte auslösen“, heißt es in der Untersuchung. Die globale Verteilung entscheidet somit über die Wirkung.
Klimaeffekt bleibt trotz Potenzial begrenzt
Die Analyse zeigt also: Aufforstung kann große Mengen Kohlenstoff binden. Laut ETH Zürich könnten neue Wälder rund zwei Drittel der seit der Industrialisierung ausgestoßenen CO₂-Mengen aufnehmen. Gleichzeitig bleibt der Effekt begrenzt. Selbst große Projekte senken die globale Temperatur bis 2100 nur um maximal 0,25 Grad Celsius.
Hinzu kommt ein Zeitfaktor. Wälder brauchen Jahrzehnte, bis sie ihre volle Wirkung entfalten. Dürren oder Brände können den Effekt wieder verringern. Professor Tom Crowther warnt daher:
Aufforstung kann einen wichtigen Beitrag leisten, aber sie ersetzt keine schnellen Emissionssenkungen.
Was sich für die Klimapolitik ändert
Für zukünftige Klimaschutzmaßnahmen bedeutet das: Aufforstung muss gezielt geplant werden. Große Flächen allein reichen nicht aus. Diese Ansätze sind jetzt entscheidend:
- Tropische Regionen bieten das größte Potenzial
- nördliche Breiten müssen kritisch geprüft werden
- bestehende Flächen wie Städte und Landwirtschaft bleiben geschützt
- globale Planung ist wichtiger als Einzelprojekte
„Aufforstung muss gezielt und wissenschaftlich geplant werden“, so die Studienautoren. Nur dadurch lassen sich positive Effekte nutzen und unerwünschte Folgen vermeiden.
Kurz zusammengefasst:
- Aufforstung kann das Klima kühlen, aber der Effekt hängt stark vom Standort ab – in den Tropen wirkt sie deutlich, in nördlichen Regionen kann sie sogar erwärmen.
- Entscheidend ist nicht die Fläche, sondern die Platzierung: Ähnliche Kühleffekte sind mit deutlich weniger Fläche möglich, wenn gezielt gepflanzt wird.
- Insgesamt bleibt die Wirkung begrenzt (maximal etwa −0,25 °C bis 2100), daher ist Aufforstung nur ein ergänzender Baustein neben der Reduktion von Emissionen.
Übrigens: Klimaschutz beginnt oft dort, wo ihn kaum jemand vermutet – sogar im Friseursalon entstehen Gespräche, die den Alltag verändern können. Neue Studien zeigen, wie solche Begegnungen Gewohnheiten beeinflussen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Freepik
