Bluttest erkennt Demenz bei Frauen bis zu 25 Jahre vor den ersten Symptomen

Ein bestimmtes Eiweiß im Blut könnte bei Frauen Jahrzehnte vor ersten Gedächtnisproblemen auf ein erhöhtes Demenzrisiko hinweisen.

Ältere Frau denkt angestrengt nach

Im Blut von Frauen könnte ein bestimmter Biomarker schon bis zu 25 Jahre vor Ausbruch der Krankheit auf ein erhöhtes Demenzrisiko hinweisen. © Pexels

Demenz zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen im Alter. In Deutschland leben rund 1,8 Millionen Menschen mit der Diagnose. Tückisch ist der lange Vorlauf der Krankheit. Wenn Gedächtnislücken, Orientierungsprobleme oder Sprachstörungen auffallen, hat sich im Gehirn meist schon über Jahre eine krankhafte Entwicklung aufgebaut.

Darum richtet die Forschung zunehmend den Blick auf frühe Warnzeichen im Körper. Ein Bluttest könnte ein erhöhtes Risiko für Demenz lange vor den ersten Beschwerden anzeigen. Neue Ergebnisse legen nahe: Ein bestimmtes Eiweiß im Blut steht mit einem späteren Ausbruch der Krankheit in Verbindung. Die Veränderungen lassen sich möglicherweise bis zu 25 Jahre vor den ersten Symptomen nachweisen.

Ein Eiweiß im Blut zeigt frühe Veränderungen im Gehirn

Untersucht wurde vor allem ein Eiweiß namens phosphoryliertes Tau-Protein 217 (p-tau217). Dieses Molekül steht in engem Zusammenhang mit Prozessen, die bei Alzheimer im Gehirn ablaufen. Wenn sich dort krankhafte Ablagerungen bilden, verändert sich auch die Konzentration dieses Proteins im Blut. Die Ergebnisse stammen aus einer großen Langzeitstudie. Für die Analyse standen Blutproben von 2.766 Frauen zur Verfügung.

Zu Beginn der Untersuchung waren alle Teilnehmerinnen zwischen 65 und 79 Jahre alt und geistig gesund. Hinweise auf eine kognitive Störung gab es nicht. Die Frauen wurden anschließend über viele Jahre medizinisch begleitet und regelmäßig untersucht.

Die Blutproben aus der Startphase lagerten zunächst in einer Biobank. Erst viele Jahre später analysierten Wissenschaftler sie erneut und bestimmten die Konzentration des Proteins p-tau217.

Langzeitstudie begleitet Frauen über Jahrzehnte

Die Beobachtungszeit dieser Untersuchung ist ungewöhnlich lang. Einige Teilnehmerinnen wurden bis zu 25 Jahre medizinisch begleitet. Im Verlauf der Studie entwickelten zahlreiche Frauen Gedächtnisprobleme oder eine Demenz:

  • 1.311 Teilnehmerinnen erhielten später eine Diagnose von leichter kognitiver Störung oder Demenz
  • 849 Frauen entwickelten eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI)
  • 752 Frauen erkrankten an Demenz

Bei der Auswertung zeigte sich ein klarer Zusammenhang zwischen dem Blutmarker und dem späteren Risiko. Schon moderat erhöhte Werte von p-tau217 gingen mit deutlich höheren Erkrankungsraten einher.

„Unsere Studie deutet darauf hin, dass wir Frauen mit erhöhtem Demenzrisiko möglicherweise Jahrzehnte vor dem Auftreten von Symptomen erkennen können“, sagt Studienautor Aladdin H. Shadyab von der University of California San Diego.

Höhere p-tau217-Werte erhöhen das Demenzrisiko deutlich

Die Auswertung der Studiendaten zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Eiweiß im Blut und späteren Erkrankungen. Je höher der Wert des Biomarkers p-tau217, desto häufiger entwickelten die Teilnehmerinnen im Laufe der Jahre Gedächtnisprobleme oder Demenz.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Wenn der p-tau217-Wert anstieg, war das Risiko für Demenz oder eine leichte Gedächtnisstörung fast zweieinhalb Mal so hoch.
  • Betrachtet man Demenz allein, war das Risiko mehr als dreimal so hoch.
  • Frauen mit den höchsten gemessenen p-tau217-Werten hatten ein mehr als siebenfach erhöhtes Risiko, später an Demenz zu erkranken.

Alter, Gene und Hormone beeinflussen den Zusammenhang

Der Zusammenhang zwischen p-tau217 und späterer Demenz war nicht bei allen Teilnehmerinnen gleich stark. Einige bekannte Risikofaktoren verstärkten den Effekt deutlich.

Besonders ausgeprägt war der Zusammenhang bei:

  • Frauen über 70 Jahren
  • Trägerinnen des Alzheimer-Risikogens APOE ε4
  • Teilnehmerinnen mit Hormontherapie aus Östrogen und Gestagen

In dieser Gruppe fiel der Zusammenhang besonders deutlich aus. Frauen mit erhöhten p-tau217-Werten entwickelten deutlich häufiger eine Demenz.

Ein neuer Bluttest könnte die Demenz-Diagnostik vereinfachen

Alzheimer wird häufig erst festgestellt, wenn Gedächtnisprobleme im Alltag bereits deutlich auffallen. Für eine sichere Diagnose greifen Ärzte dann meist zu aufwendigen Untersuchungen.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Bildgebende Verfahren des Gehirns, etwa spezielle Hirnscans
  • Untersuchungen von Nervenwasser, das aus dem Rückenmark entnommen wird
  • ausführliche Gedächtnis- und Denktests

Ein Bluttest wäre deutlich einfacher. Er ließe sich schneller durchführen und könnte in Zukunft viel mehr Menschen erreichen.

„Blutbasierte Biomarker sind besonders vielversprechend, weil sie deutlich weniger invasiv und leichter zugänglich sind als Gehirnscans oder Untersuchungen des Nervenwassers“, sagt die Studienautorin Linda McEvoy.

Bluttest gehört noch nicht zur Routine

Trotz der starken Ergebnisse ist der Biomarker derzeit kein Routineinstrument in der medizinischen Praxis. Die Forscher sehen noch offene Fragen. Weitere Studien müssen klären:

  • wie ein solcher Test im Alltag eingesetzt werden kann
  • ob eine frühe Risikoerkennung den Verlauf der Krankheit tatsächlich verändern kann
  • welche Rolle Lebensstil, Medikamente oder Prävention in dieser frühen Phase spielen

Ein weiterer Punkt ist wichtig: Die Untersuchung umfasste ausschließlich ältere Frauen. Ob sich die Ergebnisse auch auf Männer übertragen lassen, müssen zukünftige Studien zeigen.

Die Daten liefern dennoch einen wichtigen Hinweis auf die Entstehung der Krankheit. Veränderungen im Gehirn können offenbar über viele Jahre unbemerkt entstehen, bevor erste Gedächtnisprobleme auftreten.

Parallel entsteht ein anderer Ansatz: Bluttest für Alzheimer bereits zugelassen

Auch in der Diagnostik hat sich zuletzt etwas bewegt. In den USA wurde bereits ein Bluttest zugelassen, der Alzheimer-Marker über zwei Eiweiße im Blut nachweisen kann. Das Verfahren „Lumipulse G pTau217/ß-Amyloid 1-42 Plasma Ratio“ misst das Verhältnis von p-Tau217 und Beta-Amyloid 1-42.

In Studien lag die Trefferquote bei über 90 Prozent. Der Test richtet sich vor allem an Menschen über 55 mit ersten Gedächtnisproblemen und könnte aufwendige Hirnscans oder Untersuchungen des Nervenwassers künftig teilweise ersetzen.

Kurz zusammengefasst:

  • Ein bestimmtes Eiweiß im Blut (p-tau217) kann bei Frauen Hinweise auf ein späteres Demenzrisiko liefern – möglicherweise bis zu 25 Jahre vor den ersten Gedächtnisproblemen.
  • In einer Langzeitstudie mit 2.766 zunächst gesunden Frauen zeigte sich: Je höher der Wert dieses Biomarkers, desto häufiger traten später Gedächtnisstörungen oder Demenz auf.
  • Ein Bluttest könnte deshalb künftig helfen, Demenz deutlich früher zu erkennen, auch wenn er derzeit noch kein Routineverfahren in der medizinischen Praxis ist.

Übrigens: Auch das Herz kann früh Hinweise auf spätere Gedächtnisprobleme geben. Ein bestimmter Blutwert zeigt schon in der Lebensmitte ein erhöhtes Demenzrisiko an – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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