Mehr als jede zweite Familie betroffen – Kita-Ausfälle zwingen Eltern zur Arbeitszeit-Kürzung
Mehr als jede zweite Familie meldet Ausfälle bei der Kinderbetreuung, fast jeder Dritte reduziert deshalb seine Arbeitszeit. Eine Befragung der Hans-Böckler-Stiftung zeigt hohe Belastung.
Mehr als jede zweite Familie muss wegen Kita-Ausfällen umplanen. In den meisten Fällen übernimmt ein Elternteil die Betreuung – meist sind es die Mütter, die zusätzlich einspringen. © Freepik
Während Politik und Wirtschaft längere Arbeitszeiten fordern, kämpfen viele Familien mit einem anderen Problem: In der Kinderbetreuung häufen sich Ausfälle, und Verlässlichkeit wird zur Ausnahme. 54 Prozent der erwerbstätigen oder arbeitssuchenden Eltern berichten von kurzfristigen Schließungen oder verkürzten Öffnungszeiten. Fast jeder Dritte reduziert deshalb seine Arbeitszeit. Damit bekommt die Debatte über mehr Erwerbsarbeit eine neue Realität.
Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Befragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung. Rund 900 Mütter und Väter mit betreuten Kindern nahmen im November und Dezember 2025 teil. Die Daten gelten als repräsentativ für Erwerbstätige in Deutschland.
Mehr als jede zweite Familie erlebt Ausfälle in der Kinderbetreuung
35 Prozent der Eltern erlebten innerhalb von drei Monaten mindestens eine ungeplante Schließung ihrer Kita oder Ganztagseinrichtung. 44 Prozent meldeten verkürzte Betreuungszeiten. Manche traf beides. Insgesamt summiert sich die Quote der Betroffenen auf 54 Prozent.
Im Vergleich zum Vorjahr sank der Wert leicht. Ende 2024 hatten noch 59 Prozent Probleme gemeldet. Doch Entwarnung gibt es nicht. Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI, sagt:
Unter den aktuellen Umständen können berufstätige Eltern nicht verlässlich planen.
Fast jeder Dritte arbeitet weniger
30 Prozent der betroffenen Eltern reduzierten ihre Arbeitszeit, um Betreuungslücken zu schließen. Männer sogar etwas häufiger als Frauen. 33 Prozent der Väter gaben an, weniger gearbeitet zu haben. Bei den Müttern waren es 26 Prozent. Die Forschenden vermuten einen Grund: Viele Frauen arbeiten bereits in Teilzeit.
In Partnerschaften springen weiterhin meist die Mütter ein. 73 Prozent der betroffenen Männer sagten, ihre Partnerin habe die Betreuung übernommen. Umgekehrt berichteten das nur 39 Prozent der Frauen über ihren Partner. 42 Prozent griffen zusätzlich auf Großeltern, Verwandte oder Freunde zurück.
Besonders kleine Kinder betroffen
Familien mit jüngeren Kindern trifft es besonders häufig. 40 Prozent der Eltern von unter Dreijährigen berichteten von mindestens einer Schließung. Bei den Drei- bis Sechsjährigen waren es 39 Prozent. Auch verkürzte Öffnungszeiten betreffen vor allem diese Altersgruppen. 49 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren meldeten Kürzungen. Bei den Drei- bis Sechsjährigen lag der Wert sogar bei 51 Prozent. Ältere Kinder sind deutlich seltener betroffen. Die Befragung zeigt klare regionale Unterschiede:
Schließungen mindestens an einem Tag:
- Ostdeutschland: 21 Prozent
- Westdeutschland: 39 Prozent
Verkürzte Betreuungszeiten:
- Ostdeutschland: 39 Prozent
- Westdeutschland: 45 Prozent
Eltern im Westen berichten deutlich häufiger von Problemen. Unterschiede bei Betreuungsquoten und Personalschlüsseln spielen dabei eine Rolle.
Betreuungsausfälle dauern oft mehrere Tage
Nicht immer bleibt es bei einem einzelnen Tag.
- 11 Prozent mussten einen Tag überbrücken
- 17 Prozent waren zwei bis fünf Tage betroffen
- 4 Prozent sogar sechs oder mehr Tage
Für viele Familien bedeutet das spontane Umorganisation. Für Unternehmen entstehen Fehlzeiten und Planungsunsicherheit.
Kritik an der Arbeitszeitdebatte
Vor diesem Hintergrund kritisiert Kohlrausch die aktuelle Diskussion um längere Arbeitszeiten. „Die Zahlen unterstreichen, dass die aktuelle Arbeitszeitdebatte vielfach falschherum aufgezäumt ist“, sagt sie. Beschäftigte würden aufgefordert, mehr zu arbeiten, während die Rahmenbedingungen nicht stimmen.
Sie fordert „massive Investitionen in eine wirklich verlässliche Infrastruktur für die frühe Bildung“ und eine bessere Personalausstattung. Zusätzlich fehlten „hunderttausende Betreuungsplätze“. Auch warnt sie vor weiteren Deregulierungen. „Man sollte alles unterlassen, was Arbeitszeiten für Beschäftigte noch schlechter planbar macht“, sagt sie mit Blick auf die geplante Abschaffung der täglichen Arbeitszeit-Höchstgrenze.
Ein Engpass mit Folgen für den Arbeitsmarkt
Kohlrausch beschreibt die Lage deutlich: „Zu geringes Angebot und mangelnde Verlässlichkeit bei Kitas und Ganztagsschulen sind längst ein kritischer Engpass für die Berufstätigkeit von Millionen Eltern.“ Unzuverlässige Betreuung verschärfe zudem die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen. Das erschwere insbesondere Frauen eine höhere Erwerbsbeteiligung.
Die Zahlen machen klar: Wer mehr Erwerbsarbeit fordert, braucht zuerst stabile Rahmenbedingungen in der Kinderbetreuung. Ohne verlässliche Infrastruktur bleibt die Forderung nach längeren Arbeitszeiten für viele Eltern kaum umsetzbar.
Kurz zusammengefasst:
- Wenn Kinderbetreuung durch häufige Ausfälle unzuverlässig wird, geraten Familien sofort unter Druck: 54 Prozent der Eltern erlebten 2025 kurzfristige Schließungen oder verkürzte Öffnungszeiten.
- Die Folgen spüren viele direkt im Beruf: 30 Prozent der Betroffenen reduzierten ihre Arbeitszeit, Männer mit 33 Prozent etwas häufiger als Frauen mit 26 Prozent; besonders Eltern kleiner Kinder sind stark betroffen.
- Regionale Unterschiede und fehlende Plätze verschärfen das Problem: In Westdeutschland berichten deutlich mehr Eltern von Betreuungslücken als im Osten, zugleich fehlen bundesweit hunderttausende Betreuungsplätze.
Übrigens: Während viele Eltern wegen instabiler Kinderbetreuung ihre Arbeitszeit kürzen müssen, gilt Teilzeit noch immer als Produktivitätsrisiko – zu Unrecht. Arbeitspsychologische Analysen zeigen, dass gut organisierte kürzere Arbeitszeiten Leistung, Motivation und Gesundheit sogar stärken können. Mehr dazu in unserem Artikel.
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