Der blinde Fleck der Ökonomie: Warum Frauen wirtschaftlich unterschätzt werden
Taylor Swift zeigt, wie es geht – dagegen werden viele Frauen wirtschaftlich unterschätzt und tauchen in ökonomischen Kennzahlen kaum auf.
Taylor Swift zeigt, wie wirtschaftliche Macht sichtbar wird, wenn Kontrolle über Zeit, Rechte und Eigentum zusammenkommt – ein Kontrast zu vielen Leistungen von Frauen, die statistisch unsichtbar bleiben. © Unsplash
Wenn Taylor Swift auf Tour geht, profitieren ganze Städte. Hotels melden Vollauslastung, Restaurants stellen zusätzliches Personal ein, der Nahverkehr fährt Sonderschichten. Ökonomisch betrachtet bleibt Swift eine Ausnahmeerscheinung: Sie behält die Kontrolle über ihre Musikrechte und entscheidet selbst über Einnahmen und Verwertung. Der Superstar zeigt, wie sichtbar wirtschaftliche Macht sein kann, wenn sie gezählt wird.
Für viele Frauen gilt das Gegenteil. Ihre Leistungen sichern Betriebe, Arbeitsmärkte und den Alltag, doch sie tauchen in ökonomischen Kennzahlen oft nur am Rand auf. Frauen werden wirtschaftlich unterschätzt, obwohl ihr Beitrag Wachstum, Beschäftigung und Stabilität prägt. Die US-Ökonomin Misty Heggeness von der University of Kansas nutzt in ihrem Buch „Swiftynomics: How Women Mastermind and Redefine Our Economy“ Swifts Erfolg als Kontrastfolie. Es geht nicht um Popkultur, sondern um die Frage, wer Wirtschaft trägt – und warum diese Leistung so häufig unsichtbar bleibt.
Frauen prägen Wirtschaft oft jenseits der Schlagzeilen
Heggeness analysierte für ihre Auswertung Daten zu Arbeit, Einkommen und Zeitnutzung. Besonders sichtbar wurden die Unterschiede während der Corona-Pandemie. Erwerbsarbeit lief weiter. Gleichzeitig kamen Betreuung und Pflege hinzu. Die verfügbare Zeit blieb gleich. „Die Daten zeigten unterschiedliche Ergebnisse für Mütter und für Frauen ohne Kinder“, sagt die Ökonomin. Mütter reduzierten häufiger ihre Arbeitszeit und nahmen Einkommenseinbußen in Kauf, während Frauen ohne Kinder ihre Erwerbstätigkeit meist stabiler fortsetzen konnten.
Viele Frauen stellten ihren Alltag um. Sie verschoben Arbeitszeiten. Sie übernahmen zusätzliche Verantwortung für Familie und Betreuung. Diese Leistungen hielten Betriebe, Verwaltungen und Dienstleistungen am Laufen. In klassischen Wirtschaftsstatistiken tauchten sie kaum auf.
Pflege und Betreuung als unsichtbare Wirtschaftsleistung
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Pflege- und Betreuungsarbeit. Organisation, Betreuung und Fürsorge sichern den Alltag. Sie ermöglichen Erwerbstätigkeit und wirtschaftliche Teilhabe – auch jenseits der Pandemie. Trotzdem erscheint Care-Arbeit kaum in volkswirtschaftlichen Kennzahlen.
Um diese Lücke zu schließen, gründete Heggeness 2025 das Projekt „The Care Board“. Die Plattform bündelt Daten aus verschiedenen Quellen und macht sichtbar, welchen wirtschaftlichen Wert Pflege-, Betreuungs- und Organisationsarbeit tatsächlich hat. Ziel ist es, Leistungen abzubilden, die für das Funktionieren von Arbeitsmärkten unverzichtbar sind, in klassischen Statistiken jedoch oft fehlen.
Pandemie verschob Arbeit, Zeit und Verantwortung
Die Pandemie wirkte wie ein Vergrößerungsglas. Aufgaben, die zuvor verteilt waren, bündelten sich plötzlich in Haushalten. Vor allem Frauen trugen diese zusätzliche Last. Gleichzeitig blieb der Leistungsdruck hoch. „Es fühlte sich an, als müssten viele von uns ihre Arbeitszeiten neu ordnen und deutlich mehr Pflege- und Betreuungsarbeit übernehmen und dabei mit denselben 24 Stunden am Tag noch produktiver sein“, sagt Heggeness. „Taylor hatte ebenfalls einen Weg gefunden, weiter produktiv zu bleiben. Das hat mich beeindruckt.“
In dieser Phase veröffentlichte Taylor Swift die Alben „Folklore“ und „Evermore“. Für Heggeness wurde das zum Auslöser für ihr Buch. Wirtschaftliche Leistung hängt aus ihrer Sicht von Anpassungsfähigkeit ab. Sie hängt von Planung ab. Und sie hängt davon ab, wer über Zeit und Rechte verfügt.
Eigentum wurde zum Schlüssel wirtschaftlicher Kontrolle
Ein zentrales Kapitel des Buches widmet sich der „Eras Tour“. Konzerte, Kinofilme und Merchandising erzielten weltweit Milliardenumsätze. Parallel dazu ging Swift einen ungewöhnlichen Schritt. Sie nahm frühere Alben neu auf, um die Rechte an ihren Werken zurückzugewinnen. Damit stärkte sie ihre wirtschaftliche Kontrolle deutlich.
Eigentum entscheidet über wirtschaftliche Macht. Wer Rechte besitzt, bestimmt Einnahmen. Dieses Prinzip gilt nicht nur in der Musikbranche, sondern auch für Unternehmen, Marken und Patente. Die Analyse zeigt, dass Frauen in den vergangenen Jahren häufiger Eigentum aufbauen konnten. Sie gründeten Firmen, entwickelten eigene Marken und stärkten ihre Kaufkraft.
Das Jahr 2023 markiert dabei einen sichtbaren Höhepunkt. In diesem Zeitraum wuchs der wirtschaftliche Einfluss von Frauen deutlich. Diese Entwicklung kam nicht plötzlich. Sie baute auf Trends der vergangenen zehn Jahre auf und wurde erst durch konkrete Umsätze und Beschäftigungseffekte greifbar.
Frauen wirkten früh – die Anerkennung kam spät
Die Untersuchung blickt auch zurück. Sie erinnert an Frauen, die früh wirtschaftspolitisch wirkten. Ein Beispiel ist Frances Perkins, die erste Arbeitsministerin der USA. Sie prägte Arbeitsrecht und Sozialpolitik nachhaltig. Dennoch blieb ihr Beitrag lange wenig beachtet. „Frauen haben sich immer als wirtschaftliche Akteure eingebracht, doch die Geschichte hat das oft ignoriert“, sagt Heggeness.
Diese Lücke wirkt bis heute nach. Lehrbücher und Statistiken bilden wirtschaftliche Macht oft unvollständig ab. Die Analyse sammelt deshalb Biografien und Daten. Sie zeigt Kontinuitäten. Frauen wirkten in Wirtschaft und Politik. Sie behaupteten sich in männlich dominierten Strukturen. Anerkennung folgte häufig spät oder gar nicht. Heggeness will das ändern. Sie ordnet diese Leistungen neu ein und hebt Frauen ins Rampenlicht – damit sie genauso bejubelt werden können wie Taylor Swift auf der Bühne.
Kurz zusammengefasst:
- Ein großer Teil der Wirtschaft entsteht außerhalb von Börsen und Konzernen, etwa durch Arbeitsorganisation, Zeitmanagement, Eigentum und Sorgearbeit – meist getragen von Frauen.
- Ein Buch der US-Ökonomin Misty Heggeness zeigt, wie Frauen die Wirtschaft prägen, von milliardenschweren Erfolgen wie bei Taylor Swift bis zur oft unsichtbaren Care-Arbeit im Alltag.
- Eigentum, verfügbare Zeit und gesellschaftliche Anerkennung bestimmen wirtschaftliche Macht, weshalb Betreuung und Pflege zentrale Grundlagen für Wachstum, Jobs und Stabilität sind.
Übrigens: Wirtschaft gerät nicht nur durch Kriege oder Pandemien ins Wanken – schon das Sparverhalten einer kleinen, sehr reichen Minderheit kann ganze Volkswirtschaften aus dem Gleichgewicht bringen. Warum soziale Ungleichheit Krisen wahrscheinlicher macht und wie schon 0,1 Prozent der Haushalte eine Kettenreaktion auslösen können, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Unsplash
