Physiker suchten jahrelang nach diesem mysteriösen Teilchen – warum sie jetzt aufgeben
Neue Messungen finden keinen Hinweis auf ein steriles Neutrino. Frühere Anomalien lassen sich nicht durch ein zusätzliches Teilchen erklären.
Neutrinos lassen sich nicht direkt beobachten – sie werden über seltene Wechselwirkungen und präzise Messungen nachgewiesen. (Symbolbild) © Unsplash
Seit Jahren berichten Physiker von Messungen, die nicht ganz ins Bild passen. Winzige Abweichungen, kleine Überschüsse, unerwartete Lücken. Solche Auffälligkeiten entscheiden darüber, ob bewährte Modelle stimmig bleiben oder korrigiert werden müssen. Lange galt ein zusätzliches Teilchen als mögliche Erklärung. Es sollte klären, warum sich Neutrinos in einigen Experimenten anders verhielten als berechnet. Der Name klang technisch, die Idee dahinter war radikal. Das sterile Neutrino hätte das bekannte Teilchenmodell erweitert und neue Annahmen über den Aufbau des Universums nötig gemacht.
Nun bringt ein umfangreiches Experiment Klarheit. Die Auswertung findet keinen Hinweis auf dieses Teilchen. Damit endet eine Suche, die die Teilchenphysik über Jahre beschäftigt hat. Für die Forschung bedeutet das weniger Spekulation und eine klarere Ausgangslage. Verantwortlich für die Analyse ist die MicroBooNE Collaboration, ein internationales Team, das Neutrinos mit hoher Genauigkeit vermisst.
Das sterile Neutrino als Störfaktor im bekannten Teilchenbild
Neutrinos gehören zu den ungewöhnlichsten bekannten Teilchen. Sie besitzen fast keine Masse, tragen keine elektrische Ladung und durchqueren Materie nahezu ungehindert. Milliarden von ihnen passieren jede Sekunde die Erde, ohne Spuren zu hinterlassen. Bekannt sind drei Varianten (Elektron-, Myon- und Tau-Neutrino). Diese können unterwegs ihre Identität wechseln. Dieses Verhalten lässt sich mit dem bisherigen Modell gut erklären.
Probleme tauchten auf, als mehrere Experimente Ergebnisse meldeten, die nicht dazu passten. Einige registrierten mehr Elektron-Neutrinos als erwartet. Andere sahen ein scheinbares Verschwinden dieser Teilchen. Die einfachste Erklärung schien ein weiteres Neutrino zu sein, noch schwerer nachweisbar als alle bekannten. Es sollte nicht einmal über die schwache Kernkraft wechselwirken, sondern ausschließlich über Gravitation. Genau das machte das sterile Neutrino zugleich attraktiv und schwer überprüfbar.
Zwei Neutrino-Strahlen liefern den entscheidenden Test
Das aktuelle Experiment wählte einen Ansatz, der frühere Unsicherheiten gezielt vermeidet. Ein einzelner Detektor misst Neutrinos aus zwei verschiedenen Beschleunigerstrahlen. Der erste Strahl besteht fast ausschließlich aus Myon-Neutrinos. Der zweite enthält einen deutlich höheren Anteil an Elektron-Neutrinos. Dieser Vergleich erlaubt es, Effekte voneinander zu trennen, die sich sonst überlagern.
Die Datengrundlage ist groß. Für einen Strahl wurden rund 6,4 × 10²⁰ Protonen eingesetzt, für den zweiten mehr als 10 × 10²⁰. Der Detektor selbst enthält etwa 85 Tonnen flüssiges Argon. Trifft ein Neutrino zufällig auf ein Argonatom, entstehen Lichtsignale und elektrische Spuren. Daraus lassen sich Energie, Richtung und Art des Teilchens rekonstruieren.
Die Messungen liefern ein klares Ergebnis
Die Auswertung zeigt weder ein zusätzliches Auftreten von Elektron-Neutrinos noch ein systematisches Verschwinden dieser Teilchen. Die Daten passen sehr gut zum bekannten Drei-Neutrino-Modell. Statistisch ergibt sich kein Hinweis auf einen weiteren Zustand.
Die Forscher fassen das Ergebnis deutlich zusammen: „Wir finden keinen Hinweis auf Myon-zu-Elektron-Neutrino-Übergänge oder auf ein Verschwinden von Elektron-Neutrinos, das auf nicht standardmäßige Oszillationen hindeuten würde.“ Und weiter: „Frühere Beobachtungen, die mit solchen Übergängen vereinbar schienen, lassen sich nicht durch die Einführung eines einzelnen sterilen Neutrino-Zustands erklären.“
Frühere Erklärungen verlieren ihre Grundlage
Mit diesen Daten schrumpft der mögliche Raum für ein einzelnes zusätzliches Neutrino erheblich. Erklärungen, die auf früheren Kurzstreckenexperimenten beruhten, halten dem Vergleich nicht stand. Auch Deutungen aus Reaktor- und Gallium-Messungen geraten unter Druck. Konkret heißt das:
- Ein einzelnes leichtes steriles Neutrino erklärt die bekannten Abweichungen nicht.
- Das Drei-Neutrino-Modell beschreibt die aktuellen Daten sehr gut.
- Frühere Auffälligkeiten benötigen andere Erklärungen, etwa komplexere Modelle oder bislang unterschätzte Effekte.
Ein Ausschluss schafft Ordnung im Teilchenbild
Das Ergebnis vereinfacht die Lage. Es zeigt, dass die Natur an dieser Stelle nicht komplizierter ist als bislang angenommen. Gleichzeitig bleibt Raum für neue Ideen. Denkbar sind mehrere zusätzliche Neutrinos oder ganz andere Mechanismen, etwa Zerfälle unbekannter Teilchen oder Effekte jenseits des bisherigen Modells. Solche Ansätze sind anspruchsvoller, aber nun klarer abgegrenzt.
Am selben Forschungsstandort laufen bereits weitere Experimente. Zusätzliche Detektoren stehen in unterschiedlicher Entfernung zur Quelle. Sie sollen feinere Effekte sichtbar machen. Auch internationale Projekte planen neue Messreihen mit höherer Empfindlichkeit.
Kurz zusammengefasst:
- Ein lange vermutetes zusätzliches Teilchen, das sterile Neutrino, sollte Abweichungen in Neutrino-Messungen erklären, lässt sich aber mit neuen, präzisen Daten nicht nachweisen.
- Ein großes Experiment mit zwei unterschiedlichen Neutrino-Strahlen zeigt: Weder tauchen zusätzliche Elektron-Neutrinos auf, noch verschwinden sie systematisch – das bekannte Drei-Neutrino-Modell passt weiterhin sehr gut.
- Das klare Nein zum sterilen Neutrino schafft Ordnung in der Teilchenphysik und lenkt die Suche nach neuer Physik auf andere, komplexere Erklärungen.
Übrigens: Während die Teilchenphysik das sterile Neutrino gerade als ausgeschlossen meldet, zeigt ein anderes Projekt, wie schwer sich selbst die realen „Geisterteilchen“ wiegen lassen. Am KIT liefert die präziseste Waage der Welt neue Hinweise darauf, wie leicht Neutrinos tatsächlich sind – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Unsplash
