Partnerwahl in der Tierwelt: Wie Mitläufer plötzlich den falschen Typ nach vorn bringen

Bei der Partnerwahl gehen viele davon aus, dass sich am Ende der Beste durchsetzt. Doch eine Studie zeigt: Schon wenn rund 40 Prozent einem Trend folgen, kann ein biologisch unterlegener Typ dominieren.

Zwei Vögel stehen sich gegenüber und haben die Köpfe nah beieinander.

Je nachdem, wie stark Tiere bei der Partnerwahl anderen folgen, bleibt die Vielfalt erhalten – oder ein einzelner Typ setzt sich durch. © Pexels

In der Tierwelt gilt bei der Partnerwahl eine einfache Vorstellung: Am Ende setzt sich der Stärkste oder Gesündeste durch. Doch eine neue Studie zeigt, dass diese Regel nicht immer stimmt. Schon wenn rund 40 Prozent einer Gruppe dem Verhalten anderer folgen, kann sich plötzlich ein biologisch unterlegener Typ durchsetzen.

Das wirkt überraschend. Schließlich sollte in der Evolution der genetisch beste Typ gewinnen. Doch soziale Dynamik verändert das Kräfteverhältnis – ein Trend kann wichtiger werden als Qualität.

Wenn ein Partnerwahl-Trend stärker wirkt als gute Gene

Hinter den Ergebnissen steht ein Forschungsteam der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Beteiligt waren außerdem Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum und von der Universität Halle-Wittenberg. Kern der Studie bildet ein Verhalten, das Biologen „Mate Copying“ nennen. Gemeint ist das Abschauen bei der Partnerwahl. Wer beobachtet, dass andere ein bestimmtes Männchen wählen, orientiert sich daran. So entsteht ein Partnerwahl-Trend.

„In der klassischen Evolutionsbiologie gilt seit langem das Dogma, dass Individuen eine angeborene Präferenz bei der Partnerwahl haben“, erklärt der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Chaitanya Gokhale. Jedes Tier nutze demnach eigene Eindrücke, also sogenannte private Informationen.

Doch viele Tiere verlassen sich zusätzlich auf öffentliche Informationen. Sie beobachten andere und passen ihr Verhalten an.

Abschauen spart Aufwand – und verändert alles

Gokhale vergleicht das Prinzip mit einem Beispiel aus der Menschenwelt: „Man kann diesen Prozess mit der Wahl eines Restaurants vergleichen: Anstatt die Speisekarte, also eine private Information, im Detail zu prüfen, setzt man sich bevorzugt dorthin, wo bereits viele Gäste sitzen.“

In der Natur funktioniert es ähnlich. Ein Männchen wirkt attraktiver, wenn es bereits oft gewählt wurde. Dadurch entsteht eine Art Selbstverstärkung. Wer häufig gewählt wird, wird noch häufiger gewählt.

Viele ältere Modelle behandelten Partnerwahl wie eine einfache Entscheidung zwischen zwei Männchen-Typen. Das neue Modell lässt mehrere Typen gleichzeitig zu, so wie es in vielen Tierarten tatsächlich vorkommt. Dadurch kann es realistischer berechnen, wie stark Abschauen und Mitlaufen Trends erzeugen – und ob dadurch Vielfalt erhalten bleibt oder ein einzelner Typ am Ende alles dominiert.

Die kritische Grenze liegt bei rund 38 Prozent

Besonders wichtig ist eine Zahl: rund 38 Prozent. Dieser Wert beschreibt die sogenannte kritische Kopierwahrscheinlichkeit. Wird dieser Anteil überschritten, kippt das System.

Das heißt konkret: Wenn etwa vier von zehn Individuen bei der Partnerwahl dem Trend folgen, kann ein biologisch unterlegener Typ dominieren. Seine Gene sind nicht besser. Seine Sichtbarkeit ist es. Das bedeutet also:

  • Qualität allein entscheidet nicht.
  • Häufigkeit wirkt wie ein Gütesiegel.
  • Soziale Bestätigung verstärkt sich selbst.

Dieser Mechanismus kann dazu führen, dass sich ein weniger geeigneter Typ langfristig durchsetzt.

Zwei Arten von Mitläufertum mit unterschiedlichen Folgen

Die Studie unterscheidet zwischen zwei Verhaltensweisen. Bei Konformität folgt die Mehrheit dem Trend. Das begünstigt die Dominanz eines einzelnen Typs.

Bei Antikonformität wählen Individuen bewusst seltene Typen. Das sorgt für Stabilität und Vielfalt. Mehrere Männchen-Typen bleiben erhalten.

Die Forscher fanden außerdem einen Ausgleichsmechanismus. Wenn die Wahl eines häufigen, aber biologisch schwächeren Männchens Nachteile bringt, sinkt die Bereitschaft zum Kopieren. So kann sich ein Gleichgewicht einstellen.

Warum Vielfalt trotz Selektion bestehen bleibt

Die Ergebnisse helfen auch, ein bekanntes Rätsel der Evolutionsbiologie zu verstehen. In sogenannten Lek-Systemen versammeln sich viele Männchen an einem Ort und werben um Weibchen. Eigentlich müsste sich dort ein einziger Typ durchsetzen.

Trotzdem bleibt in vielen Arten Vielfalt bestehen. Das neue Modell zeigt, dass soziale Orientierung diesen Effekt erklären kann. Trends verhindern, dass allein die genetische Qualität entscheidet.

Mate Copying wurde unter anderem bei Wirbeltieren und bei der Fruchtfliege Drosophila melanogaster beobachtet. Das neue Modell erweitert nun das theoretische Verständnis.

Evolution ist mehr als Gene

Die Studie macht deutlich: Evolution hängt nicht nur von Genen ab. Auch Informationen innerhalb einer Gruppe spielen eine Rolle. Wer wen beobachtet, wer sich anpasst und wie stark dieser Effekt wirkt, beeinflusst die Entwicklung einer Population.

Die wichtigste Erkenntnis bleibt einfach formuliert: Schon wenn rund 40 Prozent bei der Partnerwahl dem Trend folgen, kann sich der Falsche durchsetzen. Gute Gene allein reichen nicht immer aus. Manchmal entscheidet die Dynamik der Gruppe.

Kurz zusammengefasst:

  • Schon wenn rund 40 Prozent bei der Partnerwahl dem Trend folgen, kann sich ein biologisch unterlegener Typ durchsetzen.
  • Dieses „Mate Copying“ verstärkt soziale Sichtbarkeit – Häufigkeit wirkt dann stärker als genetische Qualität.
  • Evolution hängt deshalb nicht nur von guten Genen ab, sondern auch davon, wie stark Individuen sich am Verhalten anderer orientieren.

Übrigens: Während soziale Trends selbst unsere Partnerwahl beeinflussen können, verstärkt TikTok laut einer Studie gezielt Verschwörungsvideos – fast 45 Prozent dieser Clips schüren Misstrauen gegen Staat, Medien oder Wissenschaft. Wie der Algorithmus Echokammern erzeugt und Vertrauen untergräbt, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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