Warum Bauchschmerzen mehr Empathie auslösen als sichtbare Verletzungen

Innere Schmerzen lösen mehr Mitgefühl aus als sichtbare Verletzungen. Eine Studie erklärt, warum Bauchschmerzen emotional stärker wirken.

Junge Frau hält sich den Bauch

Unwohlsein, Magengrummeln, Bauchweh: Der Schmerz aus dem Körperinnern ist häufig diffus, schwer zu lokalisieren – und furchteinflößend. © Vecteezy

Warum empfinden wir Mitgefühl nicht bei jedem Schmerz gleich stark? Eine aktuelle psychologische Studie zeigt, dass weniger die Stärke des Schmerzes zählt als seine Quelle. Innere Beschwerden wie Bauchschmerzen rufen intensivere emotionale Reaktionen hervor als sichtbare Verletzungen, selbst wenn beide gleich belastend sind. Dieser Unterschied wirkt sich spürbar auf den Alltag aus – in Partnerschaften, in Familien, in der Pflege und in der medizinischen Kommunikation.

Die Forschung weist zudem darauf hin, dass dieser Effekt nicht nur im Moment entsteht. Auch mit zeitlichem Abstand bleiben innere Schmerzen emotional präsenter. Wer sie selbst erlebt oder bei vertrauten Personen beobachtet, reagiert länger und stärker. Das verändert, wie Krankheit wahrgenommen wird – und erklärt, warum unsichtbare Beschwerden oft ernster genommen werden als äußere Verletzungen.

Wie Teilnehmende Bauchschmerzen wahrnehmen

Die Untersuchung stammt von Forschenden der Ruhr-Universität Bochum. Die Teilnehmenden erlebten zwei Schmerzarten. Ein Hitzereiz traf die Haut im Bauchbereich. Ein zweiter Reiz erzeugte Druck im Inneren des Bauchs. Beide Empfindungen lagen auf vergleichbarem Intensitätsniveau.

Trotzdem bewerteten die Teilnehmenden den inneren Schmerz als unangenehmer. Er löste mehr Unruhe aus und wirkte emotional belastender. „Innere, sogenannte viszerale Schmerzen rufen stärkere kognitive, affektive und empathische Reaktionen hervor als Schmerzen, die von außen kommen“, erklärt Studienleiterin Milena Pertz. Das Gehirn stuft diese Signale offenbar als schwerer kontrollierbar ein.

Nähe verstärkt unser Mitgefühl deutlich

Besonders ausgeprägt fiel der Effekt aus, wenn es um vertraute Personen ging. Die Teilnehmenden sollten sich vorstellen, dass ihr Partner oder ihre Partnerin Schmerzen erleidet. „Der Effekt war am stärksten, wenn die Perspektive des Partners oder der Partnerin eingenommen wurde“, so Pertz. Nähe wirkt hier wie ein emotionaler Verstärker. Innere Beschwerden berühren stärker, wenn sie Menschen betreffen, die einem nahestehen.

Ein weiterer Teil der Studie betrifft die Erinnerung. Die Teilnehmenden wurden nicht nur direkt nach dem Schmerz, sondern erneut mehrere Tage später befragt. Innere Schmerzen wurden weiterhin als belastender erinnert, die emotionale Reaktion hielt an. „Auch in der Erinnerung acht Tage nach dem Erleben des Schmerzes blieb dieser Unterschied erhalten“, sagt Pertz. Viszeraler Schmerz prägt sich tiefer ein als äußerer.

Warum sichtbare Verletzungen weniger berühren

Ein verbrannter Finger wirkt dramatisch, aber überschaubar. Ursache und Verlauf lassen sich meist erklären. Das vermittelt Kontrolle. Innere Beschwerden entziehen sich dieser Klarheit. Sie wirken unberechenbar und schwer einschätzbar.

Für das Mitgefühl zählt deshalb weniger das Sichtbare, entscheidend ist die empfundene Bedrohung. Bauchschmerzen aktivieren im Gehirn Alarmsysteme, die auch Emotionen steuern. Diese Reaktionen entstehen selbst dann, wenn man den Schmerz nur beobachtet oder erinnert.

Was dieses Wissen im Alltag verändert

Die Ergebnisse helfen, viele Spannungen besser einzuordnen. Menschen mit inneren Beschwerden fühlen sich oft stärker beeinträchtigt, auch ohne sichtbare Befunde. Angehörige reagieren emotionaler und schneller erschöpft.

Das Wissen um diese Mechanismen schafft Verständnis. Bauchschmerzen verlangen oft mehr Aufmerksamkeit, weil das Gehirn sie anders verarbeitet. Das betrifft Partnerschaften, Pflege und medizinische Betreuung gleichermaßen. Mitgefühl folgt dabei weniger dem Auge als den inneren Warnsystemen des Körpers.

Kurz zusammengefasst:

  • Innere Schmerzen wie Bauchschmerzen lösen stärkeres Mitgefühl aus als sichtbare Verletzungen, weil das Gehirn sie als schwer kontrollierbar und potenziell bedrohlicher einstuft.
  • Nähe verstärkt diese Empathie zusätzlich: Besonders bei vertrauten Personen reagieren Menschen emotional intensiver und erinnern sich länger an den Schmerz.
  • Diese Mechanismen erklären viele Alltagsreaktionen in Beziehungen, Familien und Pflege, da Bauchschmerzen emotionale Alarmsysteme aktivieren, auch ohne sichtbare Anzeichen.

Übrigens: Selbst beim Zuschauen fühlt das Gehirn mit – Filmszenen mit Schmerz aktivieren dieselben Areale wie echte Berührung und erklären, warum wir unwillkürlich zusammenzucken. Wie eng Sehen, Körpergefühl und Empathie verknüpft sind, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Vecteezy

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