Keine Blue Zones, keine Diät – warum Menschen in Brasilien trotzdem über 110 werden
Brasiliens Supercentenarians bleiben auch jenseits der 110 biologisch stabil – dank robuster Immunabwehr und genetischer Vielfalt.
In Brasilien leben einzelne Menschen, die selbst jenseits der 110 biologisch stabil bleiben. Die extrem Alten sind über das ganze Land verteilt – auch in Regionen wie Santa Catarina, fernab klassischer Blue Zones. © Adam Jones
Sehr hohes Alter verbindet man meist mit Gebrechlichkeit, Medikamenten und langen Arztlisten. Doch dieses Bild passt nicht zu allen. In Brasilien leben Menschen, die 110 Jahre und älter sind – und dabei körperlich sowie geistig erstaunlich fit sind. Ihr Altern verläuft nicht entlang des üblichen Musters. Der Körper scheint sich biologisch anders zu organisieren. Besonders auffällig: Das Immunsystem baut nicht stetig ab, sondern stellt sich um. Diese Beobachtung macht die Gruppe der sogenannten Supercentenarians in Brasilien für die Altersforschung so interessant.
Die Daten stammen aus einer aktuellen Auswertung, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Genomic Psychiatry bei Genomic Press. Hauptautorin ist die brasilianische Genetikerin Mayana Zatz von der Universität São Paulo, gemeinsam mit Kollegen ihres Forschungszentrums für Humangenom und Stammzellen.
„Als wir ab 2012 begannen, moderne genetische Analysemethoden einzusetzen, wurde mir klar, dass uns etwas Entscheidendes fehlte: ein verlässlicher Vergleich aus der eigenen Bevölkerung“, erklärt Zatz gegenüber SMART UP NEWS. „Bei jüngeren Menschen weiß man nie, ob sie später noch altersbedingte Krankheiten entwickeln. Wer mit 100 oder 110 noch gesund ist, liefert dagegen besonders aussagekräftige Hinweise im Erbgut.“
Warum Brasilien Supercentenarians anders altern
Das Immunsystem dieser superalten Menschen zeigt kein typisches Verschleißbild. Bestimmte Abwehrzellen bleiben aktiv, während sie bei den meisten Menschen im hohen Alter deutlich seltener werden. Dazu zählen CD8⁺-T-Zellen, γδ-T-Zellen und natürliche Killerzellen. Sie erkennen virusbefallene oder entartete Zellen und schalten sie gezielt aus.
Auffällig ist zudem eine Zellform, die sonst kaum vorkommt: stark zytotoxische CD4⁺-T-Zellen. Bei jüngeren Erwachsenen spielen sie kaum eine Rolle. Bei den brasilianischen Supercentenarians gehören sie dagegen zur normalen Immunabwehr. Das deutet auf eine Umstellung hin, bei der das Immunsystem präziser arbeitet und Fehlreaktionen begrenzt.
Zellreinigung hält den Körper stabil
Auch im Inneren der Zellen zeigen sich Unterschiede. Systeme, die beschädigte Bestandteile abbauen, arbeiten weiter effizient. Dazu zählt das Proteasom, eine Art zelluläre Recyclinganlage für defekte Eiweiße. Ebenso aktiv bleibt die Autophagie, bei der alte Zellbestandteile zerlegt und wiederverwertet werden.
Beide Prozesse gelten als wichtig, um Zellstress zu begrenzen. Bei vielen Menschen lassen sie mit zunehmendem Alter nach. Bei den untersuchten Supercentenarians erreichen sie Werte, wie sie sonst eher bei deutlich Jüngeren gemessen werden. Das hält Zellen funktionsfähig und verhindert schädliche Ablagerungen.
Gene, die Entzündungen bremsen
Ein weiterer Schlüssel liegt im Erbgut. Zatz und ihr Team identifizierten seltene Varianten in Immun-Genen wie HLA-DQB1, HLA-DRB5 und IL7R. Diese Gene beeinflussen, wie stark Entzündungsreaktionen ausfallen und wie präzise das Immunsystem reagiert. Bei den extrem alten Menschen aus Brasilien scheinen sie dazu beizutragen, Abwehrprozesse wirksam zu halten, ohne den Körper dauerhaft zu belasten.
Auffällig ist dabei der genetische Hintergrund. Brasiliens Bevölkerung ist über Jahrhunderte hinweg stark durchmischt worden. Diese lange genetische Vermischung hat zu einer Vielfalt geführt, die in vielen globalen Datenbanken kaum abgebildet ist. Insgesamt sind in Brasilien mehr als acht Millionen genetische Varianten bekannt. Dazu gehören auch Varianten im HLA-System, also in Genen, die eine zentrale Rolle für die Immunabwehr spielen und in globalen Vergleichsstudien bislang fehlen.
„Das bedeutet, dass genetische Varianten, die in Europa als krankheitsauslösend gelten, im brasilianischen Genmix eine andere Wirkung haben können“, erklärt Zatz.
COVID-19 als unerwarteter Härtetest
Besonders aufschlussreich war eine Beobachtung aus der Zeit vor den Impfkampagnen in Brasilien: Mehrere der untersuchten Supercentenarians infizierten sich mit SARS-CoV-2, noch bevor Impfstoffe verfügbar waren. Sie überstanden die Infektion ohne schwere Verläufe. In ihren Blutproben fanden sich stabile neutralisierende Antikörper, Entzündungsmarker blieben niedrig.
„Zu Beginn der COVID-19-Pandemie identifizierten wir Menschen über 100, teils sogar über 110 Jahre, die mit dem Virus in Kontakt kamen und entweder nur leichte Symptome entwickelten oder die Infektion überstanden“, sagt Zatz. „Das lenkte unseren Blick gezielt auf besonders widerstandsfähige Hochbetagte.“
Ein Sonderfall im weltweiten Vergleich
Auch international fällt Brasilien auf. Drei der zehn ältesten bestätigten Männer weltweit stammen aus dem Land. Altersangaben überprüften unabhängige Organisationen wie LongeviQuest und die Gerontology Research Group. Der älteste bestätigte Mann der Welt kommt ebenfalls aus Brasilien und ist im Guinness World Records verzeichnet.

Auffällig ist zudem der Lebenskontext vieler dieser Menschen. Viele lebten ohne dauerhafte medizinische Betreuung. Moderne Vorsorgeprogramme oder spezialisierte Kliniken spielten oft keine Rolle. Die erreichte Lebensspanne lässt sich daher kaum mit exzellenter Versorgung erklären.
Keine Blue Zones in Brasilien
Die Ergebnisse liefern keine einfachen Rezepte für ein langes Leben. Sie zeigen jedoch, dass Altern verschiedene biologische Wege nehmen kann. Bei den brasilianischen Superalten führt er offenbar zu einem Zustand kontrollierter Stabilität. Das Immunsystem bleibt aktiv, ohne sich selbst zu schaden. Zellen halten Ordnung, statt Entzündungen anzuhäufen.
„Wir haben in Brasilien keine Blauen Zonen und keine spezielle Langlebigkeits-Diät. Unsere sehr alten Menschen leben über das ganze Land verteilt. Was sie verbindet, ist offenbar eine außergewöhnliche genetische Widerstandskraft. Dieses biologische Prinzip wollen wir besser verstehen – in der Hoffnung, dass es auch Menschen ohne ein solches ‚Premium-Genom‘ hilft, gesünder zu altern“, so Zatz gegenüber SMART UP NEWS.
Kurz zusammengefasst:
- Supercentenarians in Brasilien werden über 110 Jahre alt, weil ihr Immunsystem stabil bleibt: Abwehrzellen, Zellreinigung und Reparatur funktionieren ähnlich wie bei Jüngeren.
- Eine außergewöhnliche genetische Vielfalt schützt vor Entzündungen: Seltene Genvarianten wirken im brasilianischen Genmix anders als in europäischen Populationen.
- Langes Leben entsteht hier ohne Blue Zones oder Diäten: Entscheidend ist eine messbare biologische Widerstandskraft, selbst gegenüber Infektionen wie COVID-19.
Übrigens: Während in Brasilien genetische Vielfalt und ein robustes Immunsystem Menschen selbst über 110 erstaunlich stabil halten, zeigen neue Daten aus Italien, dass uralte Gene aus der Frühgeschichte Europas ebenfalls über Langlebigkeit entscheiden. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Adam Jones unter CC BY 2.0
