Im Sommer können Stadtbäume mehr CO₂ aufnehmen als Autos ausstoßen

Stadtbäume können im Sommer zeitweise so viel CO₂ aufnehmen, wie der Verkehr einer Großstadt ausstößt. Doch viele Rasenflächen setzen jährlich mehr CO₂ frei als sie binden.

Sommer in den Straßen von Berlin

Stadtbäume senken laut Modell besonders stark die CO₂-Belastung in Städten und können im Sommer zeitweise den Verkehrsausstoß ausgleichen. © Unsplash

Autos, Heizungen und Industrie stoßen in Städten täglich große Mengen CO₂ aus. Ein Teil dieses Kohlendioxids verschwindet jedoch wieder aus der Luft – und zwar direkt vor unserer Haustür. Stadtbäume übernehmen dabei eine wichtige Aufgabe: Neue Berechnungen zeigen, wie viel CO₂ die grünen Helfer tatsächlich aus der Luft aufnehmen.

Besonders im Sommer wird ihre Wirkung sichtbar. Wenn die Blätter viel Sonnenlicht bekommen, läuft die Photosynthese auf Hochtouren. An sonnigen Tagen kann die CO₂-Aufnahme der Stadtbäume zeitweise so hoch sein, dass sie den Ausstoß des gesamten Verkehrs einer Großstadt erreicht oder sogar übertrifft.

Stadtbäume binden in Städten besonders viel CO₂

Die Ergebnisse stammen aus einer Untersuchung der Technischen Universität München (TUM). Ein Forschungsteam entwickelte dafür ein hochauflösendes Modell, das erstmals sehr genau berechnet, wie viel CO₂ städtische Pflanzen aufnehmen oder freisetzen. Im Durchschnitt kann die Vegetation in München etwa zwei Prozent der städtischen CO₂-Emissionen ausgleichen. Besonders stark wirken dabei Bäume. Sie leisten laut Modell den größten Beitrag zur CO₂-Bindung in der Stadt.

„Während des Sommers kann die CO₂-Aufnahme der Vegetation tagsüber den gesamten menschlichen Ausstoß erreichen oder sogar übertreffen“, heißt es in der Studie. Die Forschenden überprüften ihre Berechnungen zusätzlich mit Feldmessungen in Parks. Zwischen April 2024 und Februar 2025 untersuchten sie unter anderem Pflanzenwachstum und CO₂-Flüsse direkt vor Ort.

Stadtbäume binden CO₂ – Rasenflächen setzen oft mehr frei

Doch nicht jede Grünfläche hilft automatisch beim Klimaschutz. Besonders Rasenflächen schneiden deutlich schlechter ab als Bäume. Der Grund liegt im Boden. Dort leben Mikroorganismen, die organisches Material abbauen. Bei diesem Prozess entsteht Kohlendioxid. Dieser Vorgang wird als Bodenatmung bezeichnet.

Wenn diese Bodenprozesse stärker wirken als die Photosynthese der Pflanzen, entsteht eine negative Bilanz. Dann wird mehr CO₂ freigesetzt als gebunden. Genau das passiert bei vielen Rasenflächen. Die Unterschiede zwischen den Vegetationstypen sind deutlich:

  • Immergrüne Bäume binden CO₂ über das ganze Jahr hinweg.
  • Laubbäume nehmen vor allem im Frühling und Sommer Kohlendioxid auf.
  • Rasenflächen setzen im Jahresmittel häufig mehr CO₂ frei als sie aufnehmen.

Neue Modelle erkennen erstmals einzelne Stadtbäume

Ein wichtiger Fortschritt der Studie liegt in der Genauigkeit der Daten. Frühere Modelle arbeiteten mit Satellitenbildern, deren Auflösung bei etwa 500 Metern lag. Kleine Parks, einzelne Bäume oder schmale Grünstreifen ließen sich damit kaum erkennen. Das neue Modell der TUM arbeitet dagegen mit einer Auflösung von zehn Metern. Dadurch lassen sich auch einzelne Baumreihen entlang von Straßen oder kleine Grünflächen zwischen Gebäuden analysieren.

„Erst unsere hochaufgelöste Analyse zeigt, welche Flächen tatsächlich klimawirksam sind“, sagt Umweltwissenschaftlerin Jia Chen von der Technischen Universität München. Die Forschenden kombinierten dafür verschiedene Datenquellen, darunter Satellitenbilder des europäischen Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-2 sowie Wetterdaten wie Temperatur, Sonneneinstrahlung und Luftfeuchtigkeit.

Stadtgrün gleicht einen Teil der Emissionen aus

Trotz der unterschiedlichen Wirkung einzelner Vegetationstypen bleibt der Beitrag der Stadtvegetation beachtlich. Für München berechnete das Forschungsteam eine jährliche CO₂-Aufnahme zwischen etwa 167 und 236 Kilotonnen.

Zum Vergleich: Die gesamten menschlichen Emissionen im untersuchten Gebiet liegen bei rund 8.341 Kilotonnen CO₂ pro Jahr. Stadtgrün gleicht damit etwa zwei bis knapp drei Prozent der Emissionen aus. Besonders im Sommer steigt die Wirkung deutlich. Dann arbeiten die Blätter besonders effizient. Parks, Baumreihen und Grünflächen können kurzfristig CO₂-Mengen aufnehmen, die mit dem gesamten Verkehrsaufkommen vergleichbar sind.

Stadtbäume leisten mehr als nur Klimaschutz

Neben der CO₂-Bindung haben Grünflächen noch weitere Vorteile für Städte. Sie beeinflussen das Mikroklima und verbessern die Lebensbedingungen für Menschen. Zu den wichtigsten Effekten gehören:

  • Kühlung der Stadt an heißen Sommertagen
  • bessere Luftqualität
  • Speicherung von Regenwasser im Boden
  • höhere Lebensqualität in dicht bebauten Vierteln

Rund 35 Prozent der Vegetationsflächen in Städten liegen teilweise auf versiegeltem Untergrund. Asphalt oder Beton verändern das Mikroklima und erschweren das Wachstum von Pflanzen. Trotzdem zeigen die neuen Berechnungen, dass selbst einzelne Bäume entlang von Straßen einen messbaren Beitrag leisten können.

Langfristig sollen die neuen Methoden auch in anderen Städten eingesetzt werden. Dadurch ließe sich genauer berechnen, welchen Beitrag Stadtgrün weltweit zum Klimaschutz leisten kann.

Kurz zusammengefasst:

  • Stadtbäume können erstaunlich viel CO₂ aufnehmen: An sonnigen Sommertagen bindet die Vegetation einer Großstadt zeitweise so viel Kohlendioxid, wie der gesamte Verkehr ausstößt.
  • Nicht jede Grünfläche hilft automatisch beim Klimaschutz: Viele Rasenflächen setzen im Jahresdurchschnitt sogar mehr CO₂ frei, weil Mikroorganismen im Boden beim Abbau organischer Stoffe Kohlendioxid erzeugen.
  • Stadtgrün bleibt dennoch wichtig: In München binden Bäume, Parks und andere Pflanzen zusammen jährlich rund 167 bis 236 Kilotonnen CO₂ und gleichen damit etwa zwei bis drei Prozent der städtischen Emissionen aus.

Übrigens: Nicht nur Stadtbäume können den Klimaschutz im Alltag beeinflussen. Auch ein Ort, den Millionen Menschen regelmäßig besuchen, spielt dabei eine überraschende Rolle: der Friseursalon. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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