Erstmals dokumentiert: Größte bekannte Schimpansen-Gemeinschaft spaltet sich – dann folgt tödliche Gewalt
Bei Schimpansen eskaliert Gewalt nach einer Spaltung der Gruppe: 24 Angriffe fordern mindestens 7 Männchen und 17 Jungtiere.
Schimpansen der westlichen Gruppe greifen 2019 Mitglieder der Zentralgruppe an – ein dokumentierter Angriff nach der Spaltung der Gemeinschaft. © Aaron Sandel
Jahrelang lebten diese Schimpansen in Uganda in einer großen, eng vernetzten Gemeinschaft. Sie jagten zusammen, hielten Kontakt über viele Untergruppen hinweg und teilten ein gemeinsames Revier. Dann kippte das Gefüge: Aus einer Gruppe wurden zwei, aus früherer Nähe wurde tödliche Gewalt.
Eine im Fachjournal Science veröffentlichte Studie dokumentiert nun erstmals lückenlos, wie eine dauerhafte Spaltung bei wildlebenden Schimpansen entstand – und wie ehemalige Gruppenmitglieder später einander angriffen und töteten.
Die Beobachtungen stammen aus dem Kibale-Nationalpark in Uganda. Ein Team unter Beteiligung der University of Texas at Austin wertete dafür Daten aus rund 30 Jahren aus. Die Forscher konzentrierten sich auf die Schimpansengemeinschaft von Ngogo, eine der größten bislang untersuchten Gruppen.
Flexible Kontakte hielten die Gemeinschaft lange zusammen
Insgesamt bezogen die Forscher 219 Tiere in ihre Netzwerkanalyse ein. Über Jahre blieb die Gemeinschaft stabil, obwohl die Tiere nicht ständig als geschlossener Verband unterwegs waren. Stattdessen bildeten sie kleinere Untergruppen, die sich immer wieder neu zusammensetzten. Dieses flexible Muster gilt als typisch für Schimpansen.
Wie eng das Netzwerk anfangs war, zeigen mehrere Befunde:
- Im Schnitt wechselten 29 Prozent der Tiere pro Jahr ihre Untergruppe.
- Viele Tiere hatten Kontakte in mehrere Cluster zugleich.
- 44 Prozent der Jungtiere stammten von Eltern aus unterschiedlichen Clustern.
Feste Lager waren also zunächst nicht erkennbar, was die spätere Entwicklung so auffällig macht.
2015 beginnt die Gemeinschaft auseinanderzudriften
Ein Wendepunkt zeichnete sich im Jahr 2015 ab. Bei einer Begegnung im gemeinsamen Revier fanden die Tiere diesmal nicht wieder zusammen. Stattdessen zog sich eine Gruppe zurück, während die andere nachsetzte. In den Wochen danach gingen sich beide Seiten weiter aus dem Weg.
Von da an nutzten die Tiere zunehmend verschiedene Bereiche. Begegnungen wurden seltener, die Trennung deutlicher. Zugleich geriet auch das innere Gefüge der Gemeinschaft unter Druck. Kurz zuvor waren mehrere erwachsene Männchen gestorben, die Rangordnung hatte sich verschoben, und Krankheiten belasteten die Gruppe zusätzlich.
Solche Verluste können soziale Bindungen schwächen. Wenn Tiere wegfallen, die zuvor zwischen mehreren Teilgruppen vermittelten, zerfällt ein Netzwerk leichter.
Bis 2018 entstehen zwei Gruppen mit eigenen Territorien
Drei Jahre später war die Spaltung vollzogen. Aus einer Gemeinschaft waren zwei klar getrennte Gruppen geworden, die in eigenen Gebieten lebten. Auch bei der Fortpflanzung verlief nun alles innerhalb der jeweiligen Gruppe.
Die beiden Seiten unterschieden sich deutlich in ihrer Größe:
- Westgruppe: 10 Männchen, 22 Weibchen
- Zentralgruppe: 30 Männchen, 39 Weibchen
Es blieb aber nicht bei einer räumlichen Trennung.
Nach der Spaltung beginnt tödliche Gewalt
Zwischen 2018 und 2024 registrierten die Forscher 24 Angriffe. Dabei starben nach Studienangaben mindestens sieben erwachsene Männchen und 17 Jungtiere der Zentralgruppe. Besonders bemerkenswert daran ist, gegen wen sich die Gewalt richtete: gegen Tiere, die früher Teil derselben Gemeinschaft gewesen waren.
Studienleiter Aaron Sandel, Anthropologe an der University of Texas, sagt: „Besonders auffällig ist, dass die Schimpansen frühere Gruppenmitglieder töten.“ Viele dieser Tiere hatten zuvor jahrelang zusammengelebt. Sandel sagt weiter: „Die neuen Gruppenidentitäten überlagern Beziehungen, die über Jahre bestanden haben.“
Ab 2021 nahmen die Angriffe auf Jungtiere zu. Im Mittel starben pro Jahr etwa ein erwachsenes Männchen und zwei Jungtiere.
Der Fall ist selten und für die Forschung besonders wertvoll
Dauerhafte Spaltungen dieser Art gelten bei Schimpansen als extrem selten. Schätzungen zufolge kommen sie im Schnitt nur etwa alle 500 Jahre vor. Ein ähnlicher Fall aus den 1970er-Jahren in Tansania wird bis heute diskutiert. In Ngogo konnten Forscher den gesamten Verlauf nun erstmals lückenlos dokumentieren.
Wichtig ist dabei auch die Art der Beobachtung: Die Tiere wurden nicht gefüttert. Das Verhalten gilt deshalb als besonders nah am natürlichen Zustand.
Auffällig war zudem, dass sich die kleinere Westgruppe in den Auseinandersetzungen wiederholt durchsetzte. Nach Einschätzung der Forscher könnte der innere Zusammenhalt dabei wichtiger gewesen sein als reine Gruppengröße.
Was die Studie über Konflikte zeigt
Die Arbeit liefert neue Hinweise darauf, wie kollektive Gewalt entstehen kann. Bei den Schimpansen spielten Unterschiede wie Sprache, Religion oder Herkunft keine Rolle. Trotzdem bildeten sich neue Lager, die sich später feindlich gegenüberstanden.
Sandel mahnt allerdings zur Vorsicht: „Ich würde davor warnen, das als Bürgerkrieg zu bezeichnen.“ Zugleich sieht er eine allgemeine Parallele: „Die Polarisierung und kollektive Gewalt, die wir beobachten, kann uns Hinweise auf unsere eigene Spezies geben.“
Kurz zusammengefasst:
- Eine große Schimpansen-Gemeinschaft mit 219 Tieren lebte jahrzehntelang eng vernetzt, zerfiel ab 2015 in zwei Gruppen und war ab 2018 dauerhaft getrennt – sozial, räumlich und bei der Fortpflanzung.
- Nach der Spaltung kam es unter den Schimpansen zu tödlicher Gewalt: 24 Angriffe forderten mindestens sieben erwachsene Männchen und 17 Jungtiere.
- Der Fall macht deutlich, dass schon Veränderungen in Beziehungen und Gruppendynamik schwere Konflikte auslösen können – auch ohne kulturelle Unterschiede wie Sprache oder Herkunft.
Übrigens: Während bei Schimpansen soziale Dynamiken über Nähe und Gewalt entscheiden, spielt bei vielen Tieren etwas ganz anderes eine zentrale Rolle – ihre Wahrnehmung. Neue Kameratechnik zeigt, wie stark sich die Welt für Tiere unterscheidet und welche Signale wir gar nicht sehen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Aaron Sandel
