Radar gegen das große Sterben: So wollen Tech-Pioniere Insekten retten

Versteckte Helden der Natur: Insekten sind entscheidend für Ökosysteme. Ein Berliner Startup zeigt, wie Technologie helfen kann, sie zu retten.

Wie Tech-Pioniere Insekten retten wollen

Innovation im Umweltschutz: SPAIA entwickelt ein globales Netzwerk zur Überwachung von Insekten. © Collette Wasielewski / SPAIA

In deutschen Gärten summt es wieder – doch nicht mehr so wie früher. Seit 1990 ist die Insektenbiomasse in Deutschland laut einer Studie von 2017 um mehr als 75 Prozent gesunken. Für Collette Wasielewski und Tom Cox war das der Auslöser, ihr Leben grundlegend zu verändern. Gemeinsam gründeten sie SPAIA – die Society of People Against the Insect Apocalypse. Ihr Ziel – Insekten retten und das mithilfe moderner Technologie.

Die beiden Gründer sehen in Insekten nicht nur faszinierende Lebewesen, sondern auch eine Art lebendige Sensoren für das, was in unserer Umwelt geschieht. „Wenn Insekten die Echtzeit-Vitaldaten der Natur sind, warum hören wir dann nicht auf sie?“, fragt Cox. Um den Zugang zu diesen Daten zu ermöglichen, entwickeln sie gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) ein weltweit skalierbares Insekten-Monitoring-System.

Von Banalität zu Biodiversität

Collette Wasielewski arbeitete früher in der Werbebranche. Irgendwann verlor sie jedoch den Glauben an ihre Arbeit: „Zuckerhaltige Getränke an Jugendliche und Kreditkarten an Familien zu verkaufen, die nicht noch mehr Schulden brauchen, gefiel mir einfach nicht mehr.“ Stattdessen widmete sie sich ihrer alten Faszination – den Insekten. Besonders als Kind in Südafrika habe sie bemerkt, wie Tiere und Insekten langsam verschwanden. „Ich wollte verstehen, warum das so ist.“

Tom Cox kommt aus der Welt der Technologie, entwickelte Software für Wildbienenprojekte und lernte dabei: „Die Daten waren einfach nicht vorhanden. Nicht einmal für Bienen – die wohl beliebtesten Insekten.“ Diese Lücke wollen sie nun schließen.

Digitale Sensoren für natürliche Prozesse

SPAIA setzt dabei auf eine Kombination aus kostengünstiger Hardware und künstlicher Intelligenz. Die Geräte erkennen Insektenbewegungen und analysieren die Umgebung. „Wir bauen ein globales Netzwerk intelligenter Insekten-Monitoring-Systeme auf“, sagt Wasielewski. Diese sollen helfen, Insektenaktivität mit Umweltveränderungen in Beziehung zu setzen.

Einige Geräte arbeiten mit Kameras und Bildanalyse, andere mit Radar. Dafür arbeiteten sie eng mit der Abteilung R3S des Fraunhofer IZM zusammen. „Wir haben ein 60-GHz-Radar getestet, um zu sehen, welche Größe von Insekten wir damit erkennen können“, erklärt Cox. Die Zusammenarbeit sei zentral: „Ohne das Radar-Team hätten wir Zehntausende Euro und unzählige Stunden investieren müssen.“

Daten für den Erhalt von Artenvielfalt

Die Daten sollen helfen, die Bedingungen zu verstehen, unter denen Insektenpopulationen wachsen oder schrumpfen. Bisher gebe es kaum belastbare Langzeitdaten – vor allem nicht aus dem globalen Süden, wo ein Großteil der Artenvielfalt zu Hause ist. Wasielewski erklärt: „Derzeit können wir einfach nicht sagen, wie viele Insekten es auf dem Planeten gibt und welche Bedingungen sie brauchen.“

Doch gerade Insekten „sind die Grundlage gesunder Ökosysteme“, so die Gründerin. „Trotzdem fehlen uns immer noch qualitativ hochwertige Echtzeitdaten über Insekten, die für eine proaktive Entscheidungsfindung erforderlich sind.“

Mehr als Artenrettung: Insekten beeinflussen ganze Industrien

Laut den beiden Gründern ist Rückgang der Artenvielfalt kein rein ökologisches Problem. Tom Cox sagt: „Wenn Bestäuber verschwinden, fallen Ernten aus. Wenn Wälder sterben, brechen Lieferketten zusammen.“ Die ökonomischen Auswirkungen wären gewaltig. Nur ein Drittel der 9.000 Unternehmen, die im größten Staatsfonds der Welt vertreten sind, erfüllt laut der Norges Bank grundlegende Erwartungen im Bereich Biodiversitäts-Risikomanagement.

Wasielewski ergänzt: „Das Wort Biodiversität ist aktuell ein Trendwort. Wir verwenden viel Zeit und Geld auf die Erhaltung seltener Arten wie Pandas und Nashörner. Aber viele der häufigeren Arten sind in Wirklichkeit wichtiger für funktionierende Ökosysteme, denn diese Arten sind die Nahrungsquelle für andere oder tragen zur Bestäubung und zur Bodengesundheit für das Pflanzenwachstum bei. Es gibt Insektenpopulationen, deren Verlust zum jetzigen Zeitpunkt den Zusammenbruch der Ökosysteme zur Folge hätte.“

Offen, skalierbar, gemeinschaftlich

Die Vision von SPAIA geht über den rein wissenschaftlichen Ansatz hinaus. Das System soll Open Source funktionieren. „Wir freuen uns sehr, unsere Arbeit zu teilen und zu veröffentlichen“, sagt Cox. Jeder könne eigene Geräte bauen und die Daten beisteuern. Die ersten 25 Geräte entstanden in Zusammenarbeit mit der MotionLab-Community in Berlin. Der nächste Schritt ist eine Serie von 100 Geräten, die in verschiedenen Regionen getestet werden.

Tom Cox und Collette Wasielewski entwickeln ein System, das Insektenbewegungen nutzt, um Umweltveränderungen in Echtzeit sichtbar zu machen. © Claudia Brall / Fraunhofer IZM
Tom Cox und Collette Wasielewski entwickeln ein System, das Insektenbewegungen nutzt, um Umweltveränderungen in Echtzeit sichtbar zu machen. © Claudia Brall / Fraunhofer IZM

Auch die Nutzer sollen direkt von den Daten profitieren. Jede Monitoring-Station bekommt eine eigene Seite, auf der man nachsehen kann, ob Insekten vor Ort vorkommen. „Wir werden diese Daten nutzen, um unsere Algorithmen zu verbessern“, sagt Cox.

Der richtige Ort für neue Lösungen

Deutschland sei dabei nicht zufällig als Standort für ihr Vorhaben gewählt. „Aus der Sicht der Forschung verfügt Deutschland über unglaubliche Einrichtungen, die sich mit der biologischen Vielfalt und der Ökologie der Arteninteraktion befassen“, sagt Wasielewski. Besonders die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IZM hat sich als wertvoll erwiesen. In enger Abstimmung mit den Experten des Instituts plant SPAIA derzeit neue Pilotprojekte – etwa in städtischen Miniwäldern wie dem „Moawald“ in Berlin-Moabit.

Der Rückhalt aus Wissenschaft und Tech-Community hilft den Gründern dabei, ihre Idee weiterzuentwickeln. „Es gibt einen Grund, warum man es ‚Hard Tech‘ nennt“, sagt Wasielewski. „Denn es ist schwierig.“ Doch die Begeisterung für die unsichtbare Intelligenz der Insekten treibt sie an, die unscheinbaren Helden unserer Umwelt zu retten.

Kurz zusammengefasst:

  • Insekten gelten als präzise Frühwarnsysteme für Umweltveränderungen, doch weltweit fehlen belastbare Daten zu ihrem Vorkommen.
  • Das Start-up SPAIA entwickelt gemeinsam mit dem Fraunhofer IZM ein KI-gestütztes, globales Monitoring-System, das Insektenbewegungen erfasst und Umweltzustände sichtbar macht.
  • Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen Insekten und Umwelt besser zu verstehen und so fundierte Entscheidungen für Arten- und Klimaschutz zu ermöglichen.

Bild: © Collette Wasielewski / SPAIA

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert