Planet ohne Stern: Forscher entdecken einsamen Gasriesen im All
Ein fast Saturn-schwerer Planet zieht ohne Sonne durch die Milchstraße. Präzise Messungen zeigen: Er wurde aus einem Planetensystem hinausgeschleudert.
Die Milchstraße über Deutschland: Auch von Rheinland-Pfalz aus wirkt sie ruhig und geordnet – doch neue Beobachtungen zeigen, dass dort draußen selbst ganze Planeten aus ihren Systemen geschleudert werden. © Wikimedia
Ein Planet, fast so groß wie der Saturn, zieht durch die Milchstraße – ohne Sonne, ohne festen Platz. Solche Objekte galten lange als schwer greifbare Randerscheinung. Nun liegt erstmals ein Fall vor, bei dem sich mehr sagen lässt als nur: Er existiert. Damit wird klar, dass viele dieser Welten keine exotischen Sonderlinge sind. Sie stammen aus ganz normalen Planetensystemen – und wurden später hinausgeschleudert.
Der Fund berührt eine Grundfrage der Astronomie. Wie stabil sind Planetensysteme wirklich? Und was passiert, wenn ihre Ordnung kippt? Der entdeckte Gasriese liefert darauf eine selten klare Antwort. Subo Dong von der Universität Peking und sein Team konnten in ihrer Studie erstmals Masse und Entfernung eines solchen Objekts bestimmen. Das beweist: Der Planet gehörte einst zu einem normalen System.
Warum ein Planet ohne Stern unsichtbar bleibt
Planeten ohne Sonne senden kaum eigenes Licht aus. Sie reflektieren nichts, sie leuchten nicht. Für klassische Teleskope bleiben sie unsichtbar. Selbst große Instrumente können sie nicht direkt abbilden. Trotzdem verraten sie sich – nicht durch Licht, sondern durch Gewicht.
Nach Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie krümmt jede Masse den Raum um sich herum. Zieht ein kompakter Körper vor einem weit entfernten Stern vorbei, wird dessen Licht abgelenkt. Es wirkt kurzzeitig heller. Der Vordergrundkörper funktioniert wie eine Lupe. Genau auf diesem Effekt beruht der Nachweis.
Microlensing: Ein kurzer Lichtmoment verrät alles
Astronomen nennen dieses Verfahren Gravitations-Microlensing. Der Zusatz „Micro“ beschreibt nicht die Bedeutung, sondern die Größenordnung. Anders als bei bekannten Gravitationslinsen, bei denen ganze Galaxien Licht verzerren, reicht hier ein einzelner Planet. Das Signal hält oft nur Stunden oder Tage an. Dann ist es wieder verschwunden.
Auch beim Ereignis KMT-2024-BLG-0792/OGLE-2024-BLG-0516 zeigte sich dieser Effekt. Solche kurzen Lichtblitze liefern jedoch meist nur begrenzte Informationen. Masse und Entfernung lassen sich kaum trennen. Genau diese Unschärfe machte frei umherziehende Planeten lange zu reinen Statistikobjekten. In diesem Fall gelang erstmals der Durchbruch.
Zwei Blickwinkel lösen das Rätsel
Das entscheidende Detail: Das Ereignis wurde gleichzeitig von der Erde und aus dem All beobachtet. Mehrere bodengebundene Teleskope registrierten das Aufhellen ebenso wie das Weltraumteleskop Gaia. Die unterschiedlichen Standorte führten zu minimalen Zeitverschiebungen im Signal. Diese Parallaxe erlaubte es, Masse und Entfernung getrennt zu berechnen.
Das Resultat ist eindeutig. Der Planet besitzt rund ein Drittel der Jupitermasse. Damit liegt er nahe an Saturn. Seine Position befindet sich mehrere tausend Parsec vom Zentrum der Milchstraße entfernt. Es handelt sich nicht um einen gescheiterten Stern, sondern um einen echten Gasriesen.

Kein Einzelgänger von Geburt an
Die Masse verrät auch die Herkunft. Das Objekt ist zu leicht, um wie ein Stern entstanden zu sein. Seine Eigenschaften passen zu einem Planeten, der sich einst in einer Scheibe aus Gas und Staub um einen Stern gebildet hat. Spätere dynamische Prozesse haben ihn aus dem System herausgerissen.
Die Studie formuliert es klar: „Dieses Objekt entstand wahrscheinlich wie ein Planet und nicht isoliert wie ein Brauner Zwerg.“ Damit erhält eine lange vermutete Erklärung erstmals eine direkte Bestätigung.
Wenn Planetensysteme instabil werden
Solche Auswürfe gelten als Folge chaotischer Phasen. Mehrere große Planeten können sich gegenseitig stören. Auch enge Doppelsterne erhöhen den Druck. Ein kurzer instabiler Abschnitt reicht aus. Ein Planet verliert seine Bahn und driftet davon.
Der neue Fund zeigt, dass dieses Schicksal auch Gasriesen trifft. Bisher fehlten dafür belastbare Messungen. Nun steht ein konkretes Beispiel zur Verfügung. Es deutet darauf hin, dass frei umherziehende Planeten häufiger sind als lange angenommen.
Kurz zusammengefasst:
- Ein fast Saturn-schwerer Planet zieht ohne Stern durch die Milchstraße; erstmals konnten Masse und Entfernung eines solchen Objekts präzise bestimmt werden.
- Der Nachweis gelang über Gravitations-Microlensing: Die Masse des Planeten verstärkte kurzzeitig das Licht eines fernen Sterns, beobachtet gleichzeitig von der Erde und aus dem All.
- Die Messungen zeigen, dass der Planet nicht allein entstand, sondern ursprünglich zu einem normalen Planetensystem gehörte und später durch dynamische Prozesse herausgeschleudert wurde.
Übrigens: Auch das James-Webb-Teleskop stößt auf extreme Ausnahmen – ein jupitergroßer Planet wird von einem toten Stern in die Länge gezogen zu einer Zitronenform und besitzt eine ungewöhnlich kohlenstoffreiche Atmosphäre. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Zwiebackgesicht via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
