Dieses Tier könnte eines Tages den Menschen ablösen – es lebt im Meer

Keine Art bleibt dauerhaft dominant: Ein Evolutionsbiologe sieht Oktopusse als mögliche Nachfolger des Menschen.

Oktopus

Oktopusse zählen zu den intelligentesten und anpassungsfähigsten Tieren der Erde – Eigenschaften, die sie laut eines Oxford-Forschers zu möglichen Nachfolgern des Menschen machen könnten. © Unsplash

Der Mensch prägt Städte, Technik und ganze Ökosysteme. Doch biologisch betrachtet ist auch unsere Art nur ein Abschnitt der Erdgeschichte. Seit vier Milliarden Jahren entstehen und verschwinden Lebewesen. Dominanz ist in der Evolution kein Dauerzustand. Evolutionsforscher stellen sich deshalb eine ganz nüchterne Frage: Wer könnte langfristig unseren Platz auf diesem Planeten einnehmen – als möglicher Nachfolger des Menschen?

Der Evolutionsbiologe Tim Coulson von der University of Oxford denkt dieses Szenario konsequent zu Ende. In einem Interview und in seinem Buch beschreibt er ein Gedankenexperiment auf Basis bekannter Evolutionsmechanismen. Seine überraschende These: Sollten Menschen eines Tages aussterben, könnten ausgerechnet Oktopusse zu den intelligentesten Lebewesen des Planeten aufsteigen.

Evolution kennt keine Dauerlösung

Die Erde existiert seit rund vier Milliarden Jahren. Tiere tauchten vor etwa 600 Millionen Jahren auf. Der moderne Mensch hingegen lebt erst seit rund 250.000 Jahren. In dieser gewaltigen Zeitspanne wirkt unsere Dominanz wie ein kurzer Zeitraum.

Coulson erklärt Evolution als einen langsamen Prozess von Veränderung und Anpassung. „Die meisten Mutationen sind schädlich, aber einige verschaffen einen Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteil“, sagt er. Solche genetischen Vorteile setzen sich durch, weil ihre Träger mehr Nachkommen haben. Ebenso klar formuliert er die Konsequenz:

Das Schicksal aller Arten ist das Aussterben – auch des Menschen.

Primaten kommen kaum als Nachfolger des Menschen infrage

Naheliegend wäre die Annahme, dass unsere nächsten Verwandten folgen könnten. Schimpansen oder Bonobos besitzen Greifhände, nutzen Werkzeuge und zeigen soziale Intelligenz. Dennoch sieht Coulson hier große Hürden.

Primaten leben meist in begrenzten Lebensräumen. Ihre Populationen sind vergleichsweise klein. Sie vermehren sich langsam. Zudem sind Primaten „stark von sozialen Netzwerken abhängig“, sagt Coulson. Jagd, Pflege und Verteidigung erfolgen im Verbund. Solche Systeme reagieren empfindlich auf massive Umweltveränderungen. Auch andere Tiergruppen zeigen beeindruckende Fähigkeiten:

  • Krähen, Raben und Papageien lösen komplexe Aufgaben
  • Termiten bauen große, organisierte Kolonien
  • Delfine verfügen über ausgeprägte Kommunikation

Doch vielen dieser Arten fehlen präzise Greifwerkzeuge, um dauerhaft komplexe technische Strukturen zu entwickeln.

Diese Fähigkeiten machen Oktopusse so besonders

Hier wird Coulsons Argument ungewöhnlich. Er hält Oktopusse für besonders geeignet, in einer posthumanen Welt neue ökologische Rollen einzunehmen. Mehrere Eigenschaften sprechen aus seiner Sicht dafür:

  • ausgeprägte Problemlösungsfähigkeit
  • Werkzeuggebrauch
  • hohe Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Lebensräume
  • dezentrales Nervensystem mit komplexer Struktur

„Ihre Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen und Objekte zu manipulieren, könnte ihnen in einer veränderten Welt Vorteile verschaffen“, sagt Coulson.

Oktopusse leben von flachen Küstengewässern bis in die Tiefsee. Manche Arten erreichen eine Länge von bis zu sechs Metern und wiegen rund 50 Kilogramm. Ihre Arme arbeiten unabhängig voneinander. Ein großer Teil der Nervenzellen befindet sich nicht im Kopf, sondern in den Tentakeln. Das erlaubt flexible und präzise Bewegungen.

Intelligenz entsteht nicht nur an Land

Der Mensch verbindet technische Entwicklung meist mit Säugetieren. Doch Intelligenz ist kein exklusives Merkmal einer Tiergruppe. Evolution verläuft nicht geradlinig. Sie reagiert auf Umweltbedingungen, Zufälle und genetische Variationen.

Coulson formuliert es so: „Zufällige Mutationen, unerwartete Aussterbeereignisse und Engpässe in Populationen können die Richtung der Evolution stark beeinflussen.“

Ob Oktopusse jemals Städte unter Wasser errichten oder sogar Wege finden würden, sich dauerhaft an Land zu bewegen, steht auf einem anderen Blatt. Ihr fehlendes Skelett erschwert schnelle Bewegungen außerhalb des Wassers. Dennoch hält Coulson langfristige Anpassungen nicht für ausgeschlossen. Evolution arbeitet über Hunderttausende oder Millionen Jahre.

Keine Art bleibt für immer dominant

Die Debatte um einen möglichen Nachfolger des Menschen ist kein Untergangsszenario. Sie führt vielmehr zu einer nüchternen Erkenntnis: Der Mensch ist Teil eines langen biologischen Prozesses. Unsere Existenz steht nicht außerhalb der Natur. Coulson sagt schließlich über Oktopusse:

Sie könnten eines Tages die Gehirne der Meere werden.

Ob es tatsächlich so kommt, kann niemand vorhersagen. Evolution bleibt unberechenbar. Sicher ist nur eines: Die Geschichte des Lebens endet nicht mit einer einzelnen Art.

Kurz zusammengefasst:

  • Evolution wirkt seit rund vier Milliarden Jahren, bringt ständig neue Arten hervor und führt am Ende jede Art zum Aussterben – auch den Menschen.
  • Als möglicher Nachfolger des Menschen gelten nicht automatisch Primaten, da sie kleine Populationen, langsame Fortpflanzung und starke soziale Abhängigkeiten aufweisen.
  • Oktopusse besitzen Problemlösefähigkeit, Werkzeuggebrauch, hohe Anpassungsfähigkeit und ein komplexes Nervensystem – Eigenschaften, die ihnen in einer posthumanen Welt langfristige Vorteile verschaffen könnten.

Übrigens: Während Forscher darüber diskutieren, wer eines Tages den Planeten dominieren könnte, kämpfen andere Arten bereits ums Überleben – Korallenriffe verschwinden oft, bevor sie überhaupt geschützt werden. Eine neue Studie zeigt, wie Gesetze hinterherhinken und warum ganze Ökosysteme dadurch in Gefahr geraten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert