Kein Ozean bleibt verschont – Chemikalien des Menschen überall nachweisbar
Neue Daten zeigen: Meeresverschmutzung durch Chemikalien erreicht selbst entlegene Ozeane und bleibt dauerhaft messbar.
In Küstengewässern stammt ein großer Teil der organischen Stoffe inzwischen aus menschengemachten Chemikalien. © Unsplash
Rückstände aus Medikamenten, Kosmetik und Pflanzenschutzmitteln gelangen über Abwasser in Flüsse und von dort ins Meer. Viele dieser Stoffe bauen sich kaum ab. Strömungen verteilen sie über große Distanzen. So entsteht dauerhafte Meeresverschmutzung durch Chemikalien, die lange unsichtbar bleibt – und inzwischen selbst in Regionen messbar ist, die lange als unberührt galten.
Neue Daten zeigen, wie weit dieser Effekt reicht. Die Ozeane wirken nicht wie ein unendlicher Verdünnungsraum. Stattdessen bleiben viele Stoffe im Wasser erhalten. Sie verteilen sich über Strömungen und reichern sich messbar an. Eine große Analyse im Fachjournal Nature Geoscience wertete 2.315 Wasserproben aus. Die Daten stammen aus mehr als 20 Studien weltweit. Untersucht wurden Küstengewässer und offene Ozeane im Pazifik, Atlantik und Indischen Ozean.
Chemikalien verteilen sich global
Insgesamt fanden sich 248 menschengemachte Stoffe. Im Durchschnitt machen sie etwa 2 Prozent der gelösten organischen Substanz im Meer aus. In Küstenregionen steigt dieser Anteil deutlich. Dort erreicht er bis zu 20 Prozent. In besonders belasteten Gebieten, etwa an Flussmündungen, liegt er sogar über 50 Prozent. Im offenen Ozean sinkt der Wert auf etwa 0,5 Prozent.
Selbst mehr als 20 Kilometer vor der Küste bleiben Spuren erhalten. Dort liegt der Anteil noch bei rund 1 Prozent. „Auf globaler Ebene ist das eine enorme Menge an Material“, erklärt Daniel Petras von der University of California, Riverside, der die Studie leitete.
Meeresverschmutzung durch Chemikalien erreicht selbst abgelegene Regionen
Rückstände aus Medikamenten und Pestiziden finden sich vor allem in Küstennähe. Industriechemikalien dagegen verbreiten sich über große Entfernungen. Dazu zählen Stoffe aus Kunststoffen, Schmiermitteln oder Alltagsprodukten. „Es gab praktisch keinen Ort, den wir untersucht haben, ohne chemischen Einfluss des Menschen“, sagt Erstautor Jarmo Kalinski.
Besonders auffällig ist der Befund in Korallenriffen. Selbst diese empfindlichen Ökosysteme tragen messbare Spuren menschlicher Chemikalien. „Selbst an Orten, die wir als unberührt betrachten, fanden wir klare chemische Fingerabdrücke menschlicher Aktivität“, so Petras.

Alltagschemikalien gelangen unbemerkt und dauerhaft ins Meer
Viele der Stoffe stammen aus ganz gewöhnlichen Quellen. Dazu gehören Reinigungsmittel, Verpackungen, Kosmetik oder Medikamente. Regen spült Rückstände von Straßen in Flüsse. Kläranlagen entfernen viele Stoffe nur unvollständig. So gelangen Chemikalien kontinuierlich ins Meer. „Was wir an Land verwenden, verschwindet nicht. Es landet oft im Ozean“, sagt Kalinski.
Die Studie zeigt, dass dieser Einfluss lange unterschätzt wurde. Neben bekannten Schadstoffen treten viele Substanzen auf, die bisher kaum überwacht werden.
Industriechemikalien dominieren den chemischen Fingerabdruck
Besonders verbreitet sind industrielle Stoffe. Sie machen den größten Anteil der gemessenen Chemikalien aus. Dazu zählen etwa Phthalate aus Kunststoffen oder andere Zusatzstoffe aus Konsumprodukten. Diese Stoffe haben Eigenschaften, die ihre Verbreitung begünstigen:
- Sie sind stabil und bauen sich nur langsam ab.
- Sie lösen sich gut im Wasser.
- Sie werden in großen Mengen produziert.
„Industrielle Chemikalien machen den Großteil des menschlichen chemischen Signals aus“, erklärt Kalinski. Ein Teil dieser Stoffe liegt an der Grenze zwischen klassischen Molekülen und sehr kleinen Kunststoffpartikeln. Dadurch verschwimmt die Trennung zwischen chemischer Verschmutzung und Plastikbelastung.
Chemikalien verändern messbar die Zusammensetzung der Ozeane
Die Stoffe bleiben nicht nur im Wasser. Sie werden Teil der organischen Substanz im Meer. Damit verändern sie die chemische Zusammensetzung der Ozeane. „Diese Chemikalien tragen erheblich zur organischen Materie im Meer bei“, sagt Petras. Sie könnten auch natürliche Prozesse beeinflussen. Dazu zählen etwa der Kohlenstoffkreislauf oder die Aktivität von Mikroorganismen.
Noch ist unklar, welche Folgen das langfristig hat. Viele Stoffe treten gemeinsam auf. Ihre Wirkung lässt sich deshalb schwer einschätzen.
Tatsächliches Ausmaß wohl noch größer
Die Analyse gehört zu den umfassendsten ihrer Art. Dennoch bleiben große Lücken. Viele Regionen sind bisher kaum untersucht. Besonders in Teilen Asiens, Afrikas und der Südhalbkugel fehlen Daten. Kalinski warnt:
Dass Daten fehlen, bedeutet nicht, dass das Problem dort nicht existiert.
Kurz zusammengefasst:
- Meeresverschmutzung durch Chemikalien entsteht im Alltag, gelangt über Abwasser ins Meer und bleibt selbst fern der Küsten nachweisbar.
- In einer globalen Analyse fanden sich 248 Stoffe. Sie machen im Schnitt 2 Prozent der organischen Substanz aus, in Küstenregionen bis zu 20 Prozent.
- Industriechemikalien verbreiten sich besonders stark, verändern messbar die Zusammensetzung der Ozeane und könnten langfristig Ökosysteme und Nahrungsketten beeinflussen.
Übrigens: Während Chemikalien bereits weltweit die Meere verändern, zeigt eine neue Analyse, wie stark auch der Klimawandel die Ozeane wirtschaftlich belastet – mit deutlich höheren Kosten als bisher angenommen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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