Diese Stadt in Europa atmet im Winter so viel Schmutz ein wie kaum eine andere weltweit
Im Winter erreicht die Luftbelastung hier weltweit extreme Werte – verursacht nicht von Industrie, sondern direkt aus Wohnungen und Küchen.
Smog liegt über der Stadt: Rauch und Schadstoffe stauen sich im engen Tal, die Luftqualität verschlechtert sich deutlich. © Wikimedia
An Winterabenden bleibt in Sarajevo oft kaum Luft zum Atmen. Rauch hängt zwischen den Häusern, der Geruch von Holzfeuern und Grills zieht durch die Straßen. Fenster bleiben geschlossen, viele klagen über brennende Augen oder kratzende Kehlen. Die Luftverschmutzung in der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina erreicht in diesen Stunden Werte, die selbst im internationalen Vergleich auffallen. Messdaten zeigen: In der kalten Jahreszeit liegt die Feinstaubbelastung zeitweise sogar über den Werten der chinesischen Hauptstadt Peking – und das mitten in Europa.
Wer nach großen Industrieanlagen sucht, liegt jedoch falsch. Die Belastung entsteht im Alltag der Stadt. Holz- und Kohleöfen in Wohnungen treiben die Werte am Abend nach oben, dazu kommen Abgase aus Restaurantküchen. Die gefährlichsten Schadstoffquellen liegen oft nur wenige Meter entfernt – direkt dort, wo Menschen wohnen und leben.
Warum die Luftverschmutzung in Sarajevo abends explodiert
Tagsüber wirkt die Luft in der Stadt vergleichsweise gleichmäßig belastet. Doch mit Einbruch der Dunkelheit verändert sich das Bild. In vielen Vierteln werden Holz- und Kohleöfen angeheizt. Besonders in Wohngebieten außerhalb des Zentrums steigt die Feinstaubkonzentration dann sprunghaft an. Mobile Messfahrten haben gezeigt, dass sich die Belastung von Straße zu Straße stark unterscheidet. Teilweise liegen zwischen zwei benachbarten Quartieren Welten.
In manchen Wohnlagen stammen bis zu 60 Prozent der organischen Feinstaubpartikel aus Holzheizungen. Hinzu kommt Kohle, oft verbrannt in alten, ineffizienten Öfen. Diese Kombination sorgt für besonders hohe Schadstoffwerte – und für Stoffe, die als krebserregend gelten.
Wenn Wohnviertel zu Smog-Hotspots werden
Die Messungen erfassen nicht nur Mittelwerte, sondern Spitzen. Kurzzeitig wurden Konzentrationen von mehreren hundert Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft gemessen. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Tagesgrenzwert von 15 Mikrogramm für besonders feine Partikel (PM2,5). Rund zwei Drittel aller Messungen in Sarajevo lagen darüber.
Auffällig ist dabei die räumliche Ungleichheit. Während das Stadtzentrum tagsüber relativ gleichmäßig belastet ist, entstehen abends regelrechte Hotspots in Wohngebieten. Die topografische Lage Sarajevos verschärft das Problem zusätzlich. Die Stadt liegt in einem engen Tal, umgeben von Hügeln. Kalte Luft bleibt stehen, Schadstoffe sammeln sich an.

Restaurantküchen als unterschätzte Schadstoffquelle
Auch im historischen Zentrum, rund um die Altstadt Baščaršija, ist die Luft belastet. Hier hat der Smog jedoch eine andere Quelle. Zahlreiche Restaurants grillen Fleisch über offener Flamme. Die Abgase aus den Küchen tragen messbar zur Feinstaubbelastung bei. In diesen Bereichen stammt ein erheblicher Teil der Partikel aus der Gastronomie.
Der Effekt ist lokal begrenzt, aber deutlich. In einzelnen Straßenzügen machen Koch-Emissionen einen zweistelligen Prozentanteil an der Feinstaubmenge aus. Für Anwohner bedeutet das: Auch ohne eigene Heizung kann die Luft vor der Haustür stark belastet sein.
Giftige Stoffe in der Atemluft
Besonders problematisch sind polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Diese entstehen bei unvollständiger Verbrennung von Holz und Kohle und gelten als krebserregend. In der im Fachjournal Environment International veröffentlichten Studie wurden sie in Sarajevo in auffällig hoher Konzentration nachgewiesen, vor allem dort, wo alte und ineffiziente Öfen im Einsatz sind. Die Messungen stammen vom Schweizer Paul Scherrer Institut (PSI), das mit einem mobilen Hochpräzisionslabor durch die Stadt fuhr und Schadstoffe straßengenau erfasste.
Hinzu kommt Schwefeldioxid. Die Studie zeigt, dass 81 Prozent der europäischen Emissionen dieses Gases aus dem Westbalkan stammen, vor allem aus alten Kohlekraftwerken. Sobald die Messfahrzeuge Bosnien-Herzegowina erreichten, stiegen die Werte deutlich an und blieben erhöht, besonders in Tallagen. Schwefeldioxid fördert die Bildung sekundärer Feinstaubpartikel und belastet Atemwege sowie Herz-Kreislauf-System.
Tausende Todesfälle gelten als vermeidbar
Die gesundheitlichen Folgen sind gravierend. Luftschadstoffe gelten als einer der größten Umwelt-Risikofaktoren weltweit. Auf Basis internationaler Vergleichsdaten, an denen auch das Paul Scherrer Institut beteiligt war, wird Sarajevo als einer der kritischsten urbanen Hotspots Europas eingeordnet. Schätzungen zufolge könnten in Bosnien-Herzegowina jährlich rund 5.000 Todesfälle vermieden werden, wenn sich die Luftverschmutzung halbieren ließe.
Dabei geht es nicht nur um die Menge des Feinstaubs. Die Studie betont ausdrücklich die chemische Zusammensetzung als entscheidenden Faktor. Bestimmte Partikel lösen in der Lunge oxidativen Stress aus. Dieser begünstigt Herzinfarkte, Schlaganfälle und chronische Atemwegserkrankungen – selbst dann, wenn die Belastung nur zeitweise extrem ansteigt.
Warum pauschale Messwerte lange täuschten
Lange Zeit basierten Luftdaten vor allem auf festen Messstationen. Sie liefern Durchschnittswerte, glätten extreme Ausschläge. Mobile Messungen zeigen nun ein anderes Bild. Die Belastung schwankt stark – je nach Uhrzeit, Viertel und sogar Straßenseite. Gerade abends entgehen viele Spitzen klassischen Messnetzen.
Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Viele Häuser sind schlecht gedämmt und nicht an ein Gasnetz angeschlossen. Der Umstieg auf saubere Heizsysteme kostet Geld und Zeit. Dennoch gilt der Heizsektor als größter Hebel. Effizientere Pelletheizungen oder der Anschluss an zentrale Netze könnten die Belastung deutlich senken.
Auch der Ausbau besserer Messnetze spielt eine Rolle. Fachleute fordern feste Messstationen, die dauerhaft Daten liefern. Nur so lässt sich nachvollziehen, ob Maßnahmen wirken – und wo nachjustiert werden muss.
Kurz zusammengefasst:
- Im Winter zählt Sarajevo zu den Städten mit der höchsten Feinstaubbelastung weltweit. Ursache sind vor allem Holz- und Kohleöfen in Wohnungen sowie Emissionen aus Restaurantküchen – nicht Industrie oder Verkehr.
- Mobile Messungen belegen extreme Unterschiede innerhalb weniger Straßen. Abends stammen in manchen Vierteln bis zu 60 Prozent der Partikel aus Heizungen, Spitzenwerte lagen um ein Vielfaches über dem WHO-Grenzwert.
- Besonders gefährlich ist die chemische Mischung der Luft. Krebserregende Stoffe und stark belastende Gase erhöhen das Risiko für Herz- und Lungenerkrankungen deutlich; bei deutlich sauberer Luft ließen sich tausende Todesfälle pro Jahr vermeiden.
Übrigens: Was in europäischen Städten nur an wenigen Wintertagen passiert, wird in Neu-Delhi zur Dauerbelastung – eine Kältewelle hält den Smog fest, Feinstaubwerte steigen dort teils auf ein Vielfaches dessen, was in Deutschland als Extrem gilt. Warum kalte Luft die Schadstoffe einschließt und die Metropole wochenlang in giftigem Dunst gefangen bleibt, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Milan Suvajac via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
