Unsichtbare Gefahr: Hochwasser überlastet deutsche Kliniken – und gefährdet Leben
Eine deutschlandweite Studie zeigt: Hochwasser belasten Krankenhäuser oft indirekt über gesperrte Straßen und Staus. 75 Kliniken könnten ihre Kapazitätsgrenze überschreiten – auch fernab der Flüsse.
Überflutete Straßen und gesperrte Brücken können Rettungswege verlängern und die Erreichbarkeit von Kliniken stark einschränken. © Pexels
Hochwasser hinterlässt immer sichtbare Schäden: Überflutete Straßen, zerstörte Häuser, gesperrte Brücken. Eine neue Studie zeigt nun jedoch eine weniger offensichtliche Gefahr dieser Naturkatastrophe. Wenn Überschwemmungen das Verkehrsnetz lahmlegen, geraten auch Krankenhäuser unter Druck – selbst dann, wenn sie trocken bleiben. Dieses Risiko ist allerdings bislang in vielen Notfallplänen kaum mit einkalkuliert.
Ein Forschungsteam um Dr. Seth Bryant vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung hat bundesweit untersucht, wie sich Verkehrsbehinderungen nach Hochwasser auf die medizinische Versorgung in Deutschland auswirken. Die Studie erschien im Fachjournal Communications Earth & Environment. Der Fokus liegt auf einem indirekten Effekt: Staus und Umleitungen verschieben Patientenströme und erhöhen die Belastung einzelner Kliniken deutlich.
Wenn Hochwasser das Verkehrsnetz stört, geraten Kliniken in Bedrängnis
Die Forscher analysierten 2.475 Krankenhäuser in der Bundesrepublik. Sie kombinierten ein regionales Hochwassermodell mit einer Verkehrssimulation. So konnten sie berechnen, wie viele zusätzliche Patienten eine Klinik aufnehmen müsste, wenn Straßen ausfallen oder Brücken nicht passierbar sind.
Das Ergebnis ist alarmierend: 75 Krankenhäuser könnten bei extremen Ereignissen mehr als 30 Prozent zusätzliche Patienten versorgen müssen. Diese Marke gilt als typische Kapazitätsgrenze. 29 Einrichtungen kämen sogar über 50 Prozent Mehrbelastung. In neun Fällen errechnete das Team eine Zunahme zwischen 86 und 395 Prozent.
Viele gefährdete Krankenhäuser liegen überraschend weit vom Wasser entfernt
Rund ein Drittel der 75 besonders betroffenen Kliniken befindet sich mehr als zehn Kilometer vom nächsten Überschwemmungsgebiet entfernt, 13 Krankenhäuser liegen sogar über 15 Kilometer entfernt. Zwei Standorte befinden sich mehr als 30 Kilometer vom Wasser entfernt und überschreiten dennoch die 30-Prozent-Schwelle.
„Wir identifizieren Krankenhäuser, die selbst selten überflutet werden, aber dennoch einer großen Belastung ausgesetzt sein könnten, weil Patienten aufgrund von Verkehrsbeeinträchtigungen in der Umgebung umgeleitet werden“, erklärt Bryant. Diese indirekten Effekte seien bislang kaum berücksichtigt worden. „Im Gegensatz zu früheren Studien können wir mit unserem Ansatz diese versteckten Schwachstellen genau lokalisieren und aufzeigen, wie sie sich weit über das Hochwassergebiet hinaus auswirken“ so der Experte weiter.
Schon 30 Zentimeter Wasser können Straßen unpassierbar machen
Für die Simulation setzten die Forscher eine klare Grenze. Steht Wasser höher als 30 Zentimeter auf einer Straße, gilt sie als nicht mehr befahrbar. Diese Höhe reicht aus, um ganze Verkehrsnetze zu beeinträchtigen.
Die Grundlage bildete eine umfangreiche Modellrechnung. 5.000 Jahre Wettergeschehen wurden simuliert. Daraus entstanden rund 20.000 Hochwasserereignisse. Für die Detailanalyse wählte das Team 193 repräsentative Extremfälle aus. Sie verteilten sich auf sieben große Flusseinzugsgebiete in Deutschland. Besonders anfällig zeigte sich die Region Niederrhein. Auch Ballungsräume wie Köln und Frankfurt wiesen erhöhte Risiken auf.
Warum Staus in Notfällen gefährlich sind
Wenn Straßen gesperrt sind, verlängern sich Anfahrtszeiten. Rettungswagen verlieren Minuten. Gleichzeitig verteilen sich Patienten auf weniger erreichbare Kliniken. Das führt zu einer doppelten Belastung: längere Wege und steigende Fallzahlen pro Haus.
Internationale Beispiele machen die Problematik greifbar: Nach der Flut in England im Jahr 2009, bei der mehrere Brücken zerstört wurden, lagen die Fahrzeiten zeitweise achtmal höher und blieben über Monate stark verlängert. In den USA stieg bei großflächigen Verkehrsblockaden, etwa während Stadt-Marathons, die Sterblichkeit um 13 Prozent.
Mögliche Auswirkungen auf den Klinikalltag:
- Notaufnahmen erreichen schneller ihre Belastungsgrenze
- Medikamententransporte verzögern sich
- geplante Operationen müssen verschoben werden
Systemisches Risiko statt einzelner Schadensorte
Nicht die reine Zahl der Hochwasser entscheidet über das Risiko, sondern das Zusammenspiel von Bevölkerungsdichte, Verkehrswegen und Klinikstandorten. Sechs Krankenhäuser überschritten in den Simulationen sogar mindestens zehn Mal ihre Kapazitätsgrenze. Auch im Ausland zeigten 51 Kliniken deutliche Mehrbelastungen, etwa in den Niederlanden, Österreich und Belgien.
Um die Versorgungssituation planbarer zu machen, stellen die Forscher interaktive Karten bereit. Sie helfen Behörden und Klinikleitungen, Schwachstellen früh zu erkennen. „Unsere Ergebnisse liefern Planern klare, praktische Informationen, um wichtige Verkehrsverbindungen zu stärken und Umleitungen im Voraus zu planen“, so Bryant.
Kurz zusammengefasst:
- Hochwasser gefährden Krankenhäuser nicht nur durch Überflutung, sondern vor allem durch blockierte Straßen, Staus und Umleitungen, die Patientenströme verschieben und Kliniken unerwartet überlasten.
- Eine Studie zeigt: 75 von 2.475 deutschen Kliniken könnten bei extremen Ereignissen mehr als 30 Prozent zusätzliche Patienten aufnehmen müssen – selbst Häuser in über zehn Kilometern Entfernung vom Wasser sind betroffen.
- Schon 30 Zentimeter Wasser auf Straßen reichen aus, um Verkehrsnetze massiv zu stören, Rettungszeiten zu verlängern und die medizinische Versorgung regional und grenzüberschreitend ins Wanken zu bringen.
Übrigens: Während Hochwasser Krankenhäuser durch Staus belasten, kann eine neue KI Tage früher vor steigenden Pegeln warnen. Wie das System Überschwemmungen präziser vorhersagt, lesen Sie in unserem Artikel.
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