Neue DNA-Daten zeigen: Genpool der Neandertaler schrumpfte vor dem Aussterben drastisch

Europas letzte Neandertaler gingen zuletzt auf eine kleine Gruppe zurück – ihr Aussterben begann viel früher als gedacht.

Ausgrabungen in der Höhle von Tourtoirac in Frankreich, wo Überreste von drei in der Studie untersuchten Neandertalern gefunden wurden.

Forschende fanden in der Höhle von Tourtoirac in Frankreich Überreste von Neandertalern, die zur Analyse der letzten europäischen Population beitrugen. © Luc Doyon

Die Neandertaler verschwanden nicht plötzlich von der Bildfläche – neue genetische Daten zeigen, dass ihr Aussterben lange vorher begann und sich über Tausende Jahre entwickelte. Die Population schrumpfte dabei stark und bestand am Ende fast nur noch aus einer einzigen Abstammungslinie.

Damit verändert sich der Blick auf ihr Verschwinden: Nicht ein einzelnes Ereignis entschied, sondern eine schrittweise Entwicklung. Rückgänge, Isolation und geringe Vielfalt machten die Neandertaler immer anfälliger.

Neandertaler vor dem Aussterben: Eine Linie dominiert

Die Daten stammen aus einer internationalen Studie unter Beteiligung der Eberhard Karls Universität Tübingen und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Analysiert wurden DNA-Spuren aus Knochen und Zähnen. Insgesamt flossen 59 Individuen in die Auswertung ein, darunter zehn neu untersuchte Funde aus Europa. Das Ergebnis ist deutlich: „Nahezu alle späten Neandertaler gehören zu einer einzigen mitochondrialen Linie.“

Studienleiter Cosimo Posth erklärt: „Wir haben Belege, dass die Neandertaler Europa durchgehend zwischen 400.000 bis 40.000 Jahren vor heute besiedelten.“ Gleichzeitig betont er eine zentrale Lücke im bisherigen Wissen: „Doch im Einzelnen ist ihre Bevölkerungsgeschichte nur bruchstückhaft bekannt.“

Royal Belgian Institute of Natural Sciences Skelettteile von Neandertalern aus den Höhlen von Goyet in Belgien, wovon drei in der Studie untersucht wurden. © Royal Belgian Institute of Natural Sciences

Kältephase zwingt Neandertaler in ein Refugium

Der Ausgangspunkt liegt in einer extremen Klimaphase. Vor etwa 75.000 Jahren verschlechterten sich die Bedingungen deutlich. Lebensräume schrumpften, Nahrung wurde knapper. Die Daten deuten darauf hin, dass sich Neandertaler damals in ein Rückzugsgebiet zurückzogen.

„Aus unseren Daten ließ sich geografisch rekonstruieren, dass sich die Neandertaler in das heutige Südwestfrankreich zurückgezogen hatten“, so Posth. „Dort entstand vor rund 65.000 Jahren eine neue Population, die sich später über ganz Europa ausbreitete.“

Genetische Vielfalt geht verloren

Mit dieser Ausbreitung ging ein entscheidender Verlust einher. Frühere genetische Unterschiede verschwanden weitgehend. Die Population wurde immer einheitlicher. Das hat Folgen. Geringe Vielfalt bedeutet weniger Anpassungsfähigkeit. Krankheiten, Umweltveränderungen oder plötzliche Krisen können sich stärker auswirken.

Posth ordnet das vorsichtig ein: „Denkbar ist, dass die geringe genetische Vielfalt – und möglicherweise auch die anschließende Isolation kleiner Gruppen – zum Verschwinden der Neandertaler beigetragen haben.“

Kurz vor dem Aussterben bricht die Population ein

Die Daten zeigen auch, wann sich die Lage zuspitzte. Die Entwicklung verlief nicht langsam, sondern in einem schnellen Einbruch:

  • ab etwa 45.000 Jahren: deutlicher Rückgang
  • um 42.000 Jahre: Tiefpunkt erreicht
  • kurz danach: endgültiges Aussterben

Die Studie hält fest: „Die Zahl der Neandertaler ging vor 45.000 bis 42.000 Jahren schnell und stark zurück.“ Dieser Zeitraum liegt direkt vor ihrem Verschwinden.

Moderne Menschen nicht allein entscheidend

Lange galt der Homo sapiens als Hauptursache. Konkurrenz um Ressourcen schien eine einfache Erklärung. Die neuen Daten zeichnen ein differenzierteres Bild. Denn die Neandertaler waren bereits geschwächt. Ihre Population war klein. Die genetische Vielfalt gering. Viele Gruppen lebten isoliert.

Auch deshalb interessierten sich die Forschenden gezielt für diese Phase. Posth sagt: „Wir wissen bisher vor allem wenig darüber, welche evolutionäre Entwicklung ihrem Aussterben vor rund 40.000 Jahren vorausging.“ Die Kombination aus genetischen Daten und archäologischen Funden ergibt ein klares Muster:

  • Rückzug in kleinere Lebensräume
  • spätere Ausbreitung aus einem Refugium
  • zunehmende genetische Vereinheitlichung
  • schließlich ein schneller Populationsrückgang

Diese Abfolge passt zu den Klimaschwankungen der Eiszeit. Besonders kalte und trockene Phasen setzten die Neandertaler unter Druck. Ein weiterer Punkt verstärkt die Entwicklung. Kleine Gruppen hatten weniger Kontakt untereinander. Das reduzierte den genetischen Austausch zusätzlich.

Kurz zusammengefasst:

  • Europas letzte Neandertaler stammen fast alle von einer einzigen kleinen Gruppe ab, die sich nach einer Kältephase vor rund 65.000 Jahren ausbreitete.
  • Das Aussterben der Neandertaler begann lange vor Homo sapiens, als ihre Population schrumpfte und genetisch immer einheitlicher wurde.
  • Schon ab etwa 45.000 Jahren nahm die Zahl stark ab, erreichte um 42.000 Jahre ein Minimum und endete kurz danach.

Übrigens: Während Europas Neandertaler genetisch auf eine kleine Gruppe schrumpften, zeigt ein Handabdruck aus Indonesien, wie früh Menschen bereits Kunst schufen. Der Fund ist über 67.000 Jahre alt und verbindet erstmals frühe Kultur mit der Besiedlung Australiens. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Direction de l’archéologie du Pas-de-Calais/Benoît Clarys

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