Die Pest war schon vor 5.500 Jahren tödlich – Neue Studien verändern unser Bild der Seuche

Neue DNA-Analysen zeigen, wie die Pest schon vor 5.500 Jahren Menschen tötete und warum sie über Jahrhunderte immer wieder zurückkehrte.

Eine Aufnahme mit dem Rasterelektronenmikroskop zeigt Pestbakterien (Yersinia pestis) im Verdauungstrakt eines Flohs. Der Erreger verursachte bereits vor 5.500 Jahren tödliche Infektionen, obwohl frühe Varianten noch nicht effizient durch Flöhe übertragen werden konnten. © Rocky Mountain Laboratories, NIAID, NIH / Wikimedia Commons, Public Domain

Eine Aufnahme mit dem Rasterelektronenmikroskop zeigt Pestbakterien (Yersinia pestis) im Verdauungstrakt eines Flohs. Der Erreger verursachte bereits vor 5.500 Jahren tödliche Infektionen, obwohl frühe Varianten noch nicht effizient durch Flöhe übertragen werden konnten. © Rocky Mountain Laboratories, NIAID, NIH / Wikimedia Commons, Public Domain

Die Pest forderte bereits vor 5.500 Jahren Menschenleben. Am Baikalsee in Sibirien, nahe dem aktuellen mutmaßlichen Pest-Fall in Irkutsk, traf sie bereits in der Vorzeit kleine Gemeinschaften von Jägern und Sammlern, darunter auffallend viele Kinder. Das Bakterium besaß damals noch nicht alle Eigenschaften, die später große Pestepidemien begünstigten. Trotzdem konnte es offenbar ganze Familien treffen.

Ein internationales Forschungsteam um Eske Willerslev von den Universitäten Kopenhagen und Cambridge hat die frühen Ausbrüche untersucht. In der Fachzeitschrift Nature berichten die Wissenschaftler von bislang unbekannten Varianten des Pesterregers Yersinia pestis. Besonders überraschend ist die hohe Zahl der Infektionen, obwohl die Menschen damals noch nicht in festen Gemeinschaften oder größeren Siedlungen, sondern in kleinen, mobilen Gruppen lebten.

Vor allem Kinder und Jugendliche starben

Die Forscher untersuchten menschliche Überreste aus vier vorgeschichtlichen Begräbnisstätten nahe dem Baikalsee. In 39 Prozent der Überreste, in 18 von 46 untersuchten Menschen fanden sie Erbgut des Pesterregers. Dieser Anteil lässt allerdings keine Rückschlüsse darauf zu, wie viele Menschen der damaligen Bevölkerung tatsächlich erkrankten.

Besonders auffällig waren die vielen Kinder und Jugendlichen unter den Toten. Einige Geschwister und Eltern mit ihren Kindern fanden ihre letzte Ruhestätte im selben Grab. Zeitliche Untersuchungen ergaben, dass zahlreiche Menschen innerhalb kurzer Zeit starben. Insgesamt ließen sich zwei Phasen von Pestausbrüchen erkennen, zwischen denen etwa 400 bis 600 Jahre lagen. Der Archäologe Andrzej Weber von der Universität Alberta erklärt dazu: „Die ungewöhnlich hohe Zahl an Kindern und der kurze Zeitraum waren ein Rätsel, das wir seit den 1990er-Jahren zu lösen versuchen.“

Weshalb besonders viele Kinder starben, lässt sich auch mit der aktuellen Forschung nicht abschließend erklären. Eine mögliche Ursache liegt im Erbgut der frühen Pestbakterien. Sie besaßen ein sogenanntes Superantigen, das außergewöhnlich schwere Entzündungsreaktionen auslösen kann. Ähnliche Bakteriengifte stehen heute mit anderen Erkrankungen in Verbindung, die vor allem Kinder betreffen. Denkbar ist auch, dass Erwachsene durch frühere Infektionen bereits einen gewissen Immunschutz entwickelt hatten.

Die frühe Pest brauchte keine Flöhe

Die frühen Pest-Bakterien besaßen noch nicht sämtliche genetischen Voraussetzungen für eine effiziente Übertragung durch Flöhe, wie es in späteren Ausbrüchen der Fall war. Diese Übertragungsweise über Parasiten machte die Beulenpest im Mittelalter so gefährlich. Dennoch waren die frühen Erreger offenbar auch so tödlich genug. Die genetischen Untersuchungen sprechen vor allem dafür, dass sich die Krankheit innerhalb kleiner Familiengruppen von Mensch zu Mensch verbreitet haben könnte, was bei modernen Pesterregern weniger der Fall ist.

Ein möglicher Grund für die vielen Opfer liegt eher in dem bereits erwähnten Superantigen, welches die Wissenschaftler in einem genetischen Abschnitt der prähistorischen Pestbakterien fanden. Sie können das Immunsystem übermäßig aktivieren und heftige Entzündungsreaktionen auslösen, die sich in schweren bis tödlichen Krankheitsverläufen äußern.

Ob dieser Mechanismus tatsächlich für die vielen Todesfälle, auch unter Kindern, verantwortlich war, bleibt offen. Denn auch eine Übertragung von infizierten Murmeltieren auf Menschen kommt infrage. Die großen Nagetiere leben bis heute in Regionen, in denen der Pesterreger vorkommt. In Europa gilt die Krankheit allerdings nicht mehr als bedeutende öffentliche Gesundheitsgefahr.

Mit dem Schwarzen Tod kehrte die Pest zurück

Jahrtausende später verursachte Yersinia pestis eine der verheerendsten Pandemien der europäischen Geschichte. Zwischen 1347 und 1353 starben viele Millionen Menschen in ganz Europa am Schwarzen Tod. Doch die Krankheit verschwand danach nicht. Über mehr als vier Jahrhunderte kam es immer wieder zu neuen Epidemien, teilweise mit verheerenden Folgen für ganze Städte und Regionen, die dadurch entvölkert wurden.

Wie sich der Erreger während dieser Zeit ausbreitete, untersuchte aktuell ein internationales Team unter Leitung der Universität Tartu. Die Arbeit wurde im September 2026 im Fachjournal PNAS veröffentlicht. Die Wissenschaftler rekonstruierten darin 26 Erregergenome aus elf archäologischen Fundorten. Die Proben stammen aus Estland, Russland, England, den Niederlanden und der Schweiz. Das Forschungsteam aus Tartu konnte die historischen Pestgenome aus dem Zeitraum vom 14. bis zum 18. Jahrhundert dokumentierten Ausbrüchen zuordnen.

Neue Erregerlinien verbreiteten sich über ganz Europa

Zwischen etwa 1450 und 1500 entstanden drei größere genetische Zweige des Pesterregers. Möglicherweise konnten sich diese in unterschiedlichen Nagetierpopulationen dauerhaft etablieren. Solche natürlichen Reservoire könnten erklären, weshalb die Krankheit über lange Zeiträume erneut auftrat. Auch klimatische Veränderungen könnten die Ausbreitung beeinflusst haben, ein ursächlicher Zusammenhang ist jedoch nicht belegt.

Zudem gelangte die Pest offenbar wiederholt von außen auf den europäischen Kontinent und in einzelne europäische Regionen. Die Archäogenetikerin Kristiina Tambets berichtet: „Wir fanden Hinweise auf wiederholte Einschleppungen der Pest nach Estland bereits ab dem späten 14. Jahrhundert und identifizierten mehrere bisher unbekannte genetische Linien, sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten.“

Auch menschliche Bewegungen beeinflussten die Verbreitung. Während des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 und des Großen Nordischen Krieges von etwa 1700 bis 1721 folgte der Erreger offenbar den Wegen von Soldaten, Flüchtlingen und Händlern. Im Jahr 1710 traf eine Pestepidemie während der Belagerung Tallinns sowohl Soldaten als auch die Zivilbevölkerung.

Die genetischen Befunde sprechen dafür, dass wiederholte Einschleppungen zur Rückkehr der Pest beitrugen. Welchen Anteil Kriege und andere menschliche Bewegungen daran hatten, lässt sich jedoch nicht eindeutig bestimmen.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Pest war schon vor 5.500 Jahren tödlich: Bereits in der Steinzeit erkrankten Menschen in kleinen Gemeinschaften Sibiriens an dem Pesterreger Yersinia pestis, darunter auffallend viele Kinder.
  • Frühe Pestbakterien waren auch ohne effiziente Flohübertragung gefährlich: Ein sogenanntes Superantigen könnte schwere Entzündungsreaktionen ausgelöst haben, doch seine Rolle bei den Todesfällen ist noch nicht geklärt.
  • Die Pest kehrte über Jahrhunderte immer wieder zurück: Nach dem Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert verbreiteten sich verschiedene Erregerlinien, wobei Kriege, Handelswege und möglicherweise infizierte Nagetiere neue Ausbrüche begünstigten.

Übrigens: Während neue DNA-Funde die jahrtausendealte Geschichte der Pest aufdecken, sorgt ein rätselhafter Todesfall in einem russischen Forschungslabor für Besorgnis. Wie groß die Gefahr für Deutschland tatsächlich ist und warum Experten dennoch keine neue Pandemie erwarten, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Rocky Mountain Laboratories, NIAID, NIH via Wikimedia unter Public domain

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