Bis zu 10.000-mal weniger Mikroplastik in der Luft als angenommen – Landflächen sind die Hauptquelle

Neue Messdaten korrigieren frühere Annahmen: In der Atmosphäre zirkuliert deutlich weniger Mikroplastik als gedacht, der Großteil stammt von Landflächen.

Beim Abbremsen auf der Landebahn entsteht feiner Reifenabrieb, der als Mikroplastik in die Luft gelangt.

Beim Abbremsen auf der Landebahn entsteht feiner Reifenabrieb, der als Mikroplastik in die Luft gelangt. © Unsplash

Wer Mikroplastik hört, denkt meist an Ozeane, Strände und vermüllte Küsten. Doch ein Teil dieser winzigen Kunststoffpartikel zirkuliert nicht im Wasser, sondern in der Atmosphäre. Sie werden eingeatmet, lagern sich auf Böden ab und erreichen selbst entlegene Regionen. Lange galt die Annahme, dass die Luft stark belastet sei – und dass vor allem die Meere diese Partikel freisetzen. Neue Auswertungen globaler Messdaten rücken dieses Bild nun zurecht.

Die wichtigste Erkenntnis: Mikroplastik in der Luft kommt deutlich seltener vor als bislang angenommen. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Hauptquelle nicht der Ozean ist, sondern der Alltag an Land. Straßenverkehr, Textilien und aufgewirbelter Staub belasten die Atmosphäre weit stärker als Meeresgischt.

Die Ergebnisse stammen aus einer aktuellen Studie, veröffentlicht im Fachjournal Nature. Ein Team um den Atmosphärenforscher Andreas Stohl vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Wien hat dafür Messdaten aus aller Welt systematisch ausgewertet und mit gängigen Rechenmodellen verglichen. Der Befund betrifft nicht nur Umweltfragen, sondern auch die Einschätzung möglicher Gesundheitsrisiken – und die Prioritäten künftiger Maßnahmen.

Wie viel Mikroplastik tatsächlich in der Luft schwebt

Grundlage der neuen Einordnung sind 2.782 Messungen aus 76 Studien, erhoben zwischen 2014 und 2024 an 283 Orten weltweit. Die Daten stammen aus Städten, ländlichen Regionen, Küstengebieten und vom offenen Meer. Sie erlauben erstmals einen globalen Vergleich zwischen gemessenen Konzentrationen und modellierten Werten.

Die Messwerte liegen deutlich unter früheren Erwartungen. Im weltweiten Durchschnitt enthält ein Kubikmeter Luft etwa 0,03 Mikroplastikpartikel – also im Mittel ein einzelnes Teilchen auf mehr als 30 Kubikmeter Luft. Über Land steigt der Wert auf rund 0,08 Partikel, was etwa ein Partikel auf 12 Kubikmeter Luft bedeutet. Über dem Meer sinkt die Konzentration auf 0,003 Partikel pro Kubikmeter, also ein Teilchen auf mehr als 300 Kubikmeter Luft. Die Luft über Ozeanen ist damit im Durchschnitt rund 27-mal weniger belastet als über Land.

Warum frühere Schätzungen so sehr danebenlagen

Über Jahre stützten sich viele Einschätzungen vor allem auf Modelle. Direkte Messungen, vor allem über dem offenen Meer, waren selten. Tauchte dort dennoch Mikroplastik auf, schien die Erklärung naheliegend: Das Meer selbst müsse die Quelle sein. Brechende Wellen, Gischt und platzende Luftblasen galten als effektiver Transportmechanismus.

Der Vergleich mit echten Messungen machte ein grundlegendes Problem sichtbar. Die bisherigen Rechenmodelle lagen weit daneben. Sie gingen von Mengen aus, die deutlich höher waren als das, was tatsächlich in der Luft gemessen wurde. In manchen Fällen überschätzten sie die Belastung um das 100- bis 10.000-Fache. Besonders stark zeigte sich dieser Fehler über Land. Um dennoch zu erklären, warum sich über dem Meer messbares Mikroplastik fand, schrieben die Modelle dem Ozean immer größere Emissionsmengen zu.

Land schlägt Meer – zumindest bei der Anzahl der Partikel

Nach der Neuberechnung zeigt sich ein klares Verhältnis. Pro Jahr gelangen weltweit rund 610 Billiarden Mikroplastikpartikel von Landflächen in die Atmosphäre. Aus den Meeren stammen etwa 26 Billiarden Partikel. Landflächen setzen damit mehr als zwanzigmal so viele Teilchen frei wie der Ozean.

„Die nun skalierten Emissionsabschätzungen zeigen, dass an Land über 20-mal mehr Mikroplastikpartikeln emittiert werden als vom Ozean“, sagt Stohl. Diese Aussage bezieht sich ausdrücklich auf die Anzahl der Partikel. Dies erklärt, warum frühere Einschätzungen in eine andere Richtung gingen.

Masse und Anzahl erzählen unterschiedliche Geschichten

Ozeanische Mikroplastikteilchen sind im Schnitt größer und schwerer als jene aus landbasierten Quellen. Rechnet man in Gewichtseinheiten, erscheinen die Meere deshalb bedeutender. Erstautorin Ioanna Evangelou erklärt:
„Die emittierte Masse ist allerdings über dem Ozean sogar höher als über dem Land, was durch die im Schnitt größeren ozeanischen Partikel zustande kommt.“

Für die Belastung der Luft ist jedoch die Anzahl entscheidend. Viele sehr kleine Partikel bleiben länger schwebend, werden leichter eingeatmet und über größere Distanzen transportiert. Genau diese stammen überwiegend von Landflächen.

Wie Mikroplastik aus dem Meer überhaupt in die Atmosphäre gelangt

Der Transportmechanismus über dem Meer existiert, bleibt aber begrenzt. Wenn Wellen brechen, reißen sie Luftblasen ins Wasser. Diese steigen auf, platzen an der Oberfläche und schleudern winzige Tröpfchen in die Luft. In ihnen können Mikroplastikpartikel enthalten sein. Verdunstet das Wasser, bleiben feste Teilchen zurück.

Doch dieser Weg ist ineffizient. Nur sehr kleine und leichte Partikel schaffen es in die Atmosphäre. Größere Teilchen fallen rasch zurück ins Wasser. Messungen über dem offenen Meer bestätigen das: Die Konzentrationen bleiben niedrig.

An Land entstehen Mikroplastikpartikel direkt dort, wo Luftbewegungen sie erfassen. Reifenabrieb gelangt unmittelbar in Straßennähe in die Atmosphäre. Textilfasern lösen sich beim Tragen und Trocknen. Staub wirbelt bereits vorhandenes Mikroplastik erneut auf. Diese Partikel müssen keine Wasser-Luft-Grenze überwinden. Sie gelangen leichter und in großer Zahl in die Luft.

Kurz zusammengefasst:

  • Neue Messdaten zeigen: Mikroplastik in der Luft kommt 100- bis 10.000-mal seltener vor als frühere Modelle annahmen; im Durchschnitt schwebt weniger als ein Partikel pro 30 Kubikmeter Luft.
  • Die Hauptquelle liegt an Land: Straßenverkehr, Textilien und aufgewirbelter Staub setzen über 20-mal mehr Mikroplastikpartikel frei als die Meere – auch wenn diese größere, schwerere Teilchen abgeben.
  • Der Irrtum früherer Schätzungen: Rechenmodelle überschätzten die Belastung stark, weil sie mit wenigen Messdaten arbeiteten und Masse mit Anzahl verwechselten; der Abgleich mit 2.782 Messungen weltweit korrigiert dieses Bild.

Übrigens: Brechende Wellen lassen die Meere spürbar mehr CO₂ aufnehmen als bisher berechnet. Wie dieser physikalische Mechanismus Klimamodelle verändert und warum er lange übersehen wurde, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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