Kamera zeigt, wie Tiere die Welt sehen – mit Farben, die Menschen sonst verborgen bleiben

Forscher zeigen in Videos, wie Tiere Farben sehen. Die Technik macht unsichtbare Lichtbereiche sichtbar.

Biologe Daniel Hanley von der George Mason University und die Studentin Anna Siegle

Der Biologe Daniel Hanley von der George Mason University und die Studentin Anna Siegle demonstrieren mit dem Kamerasystem, wie eine Biene heimische Wildblumen sieht. © Evan Cantwell / George Mason University

Wie Tiere Farben sehen, unterscheidet sich deutlich von unserer Wahrnehmung. Viele Arten erkennen Lichtbereiche, die für das menschliche Auge unsichtbar bleiben – darunter ultraviolettes Licht. Eine Kameratechnik zeigt anhand realistischer Videos, wie Sehen bei Tieren tatsächlich funktioniert.

Die faszinierenden Einblicke helfen, tierisches Verhalten besser zu verstehen – etwa bei der Bestäubung von Blüten oder der Partnersuche von Vögeln. Außerdem entstehen dank der Technik neue Perspektiven für Forschung, Naturschutz und die Darstellung der Natur in Dokumentationen.

Wie Tiere sehen geht über menschliche Farben hinaus

Menschen besitzen drei Arten von Farbrezeptoren im Auge. Viele Tiere haben andere Kombinationen. Vögel verfügen häufig über vier Rezeptortypen. Dadurch können sie zusätzlich ultraviolettes Licht wahrnehmen. Bienen orientieren sich stark an UV-Mustern auf Blüten. Für sie wirkt eine Blume anders strukturiert als für Menschen. Einige Beispiele zeigen die Unterschiede in der Wahrnehmung deutlich:

  • Bienen sehen UV-Muster, die direkt zum Nektar führen
  • Vögel erkennen Farbsignale im Gefieder bei der Balz
  • Rentiere nutzen UV-Licht, um Fressfeinde im Schnee besser zu erkennen

Die Natur sendet also mehr visuelle Informationen, als Menschen erfassen können. Viele dieser Signale entscheiden über Überleben und Fortpflanzung.

Kamera bildet Tierfarben realistisch ab

Ein internationales Forschungsteam hat ein System entwickelt, das diese unsichtbaren Farbinformationen sichtbar macht. Die Studie erschien im Fachjournal PLOS Biology. Beteiligt war unter anderem der Biologe Daniel Hanley von der George Mason University sowie Vera Vasas von der University of Sussex. „Wir waren lange fasziniert davon, wie Tiere die Welt sehen“, so Hanley.

Bisher konnten Wissenschaftler mithilfe spezieller Messgeräte berechnen, wie eine statische Szene für ein Tier aussehen könnte. Bewegte Motive ließen sich kaum analysieren. Doch Tiere treffen wichtige Entscheidungen oft bei Bewegung – etwa beim Erkennen von Nahrung oder bei der Bewertung eines Partners.

Vier Farbkanäle erfassen auch UV-Licht

Das neue System arbeitet mit zwei handelsüblichen Kameras und einem Strahlteiler. Dieses Bauteil trennt ultraviolettes Licht vom sichtbaren Bereich. Die Kamera nimmt gleichzeitig in vier Kanälen auf:

  • Ultraviolett
  • Blau
  • Grün
  • Rot

Eine Software berechnet daraus sogenannte Wahrnehmungseinheiten. Diese basieren auf bekannten Daten zu den Photorezeptoren verschiedener Tierarten. So entstehen Videos, die möglichst realistisch zeigen, wie Tiere Farben sehen.

Über 92 Prozent Genauigkeit

Die Forscher verglichen ihr System mit klassischen Spektralmessungen. Das Ergebnis überraschte selbst das Team. Die Übereinstimmung lag bei über 92 Prozent. Hanley sagt dazu: „Wir waren sehr überrascht, wie genau die Methode bei bewegten Objekten ist.“

Für die Forschung ist das ein wichtiger Schritt. Bisherige Methoden waren zeitaufwendig, lichtabhängig und konnten keine Bewegungen erfassen. Die neue Kamera funktioniert unter natürlichen Lichtbedingungen und liefert auch bei dynamischen Szenen zuverlässige Daten.

Technik ist offen zugänglich

Ein weiterer Vorteil: Das System basiert auf kommerziell erhältlichen Kameras. Das Gehäuse ist modular und 3D-gedruckt. Die Software steht als Open-Source-Lösung zur Verfügung. Das bedeutet, andere Forschungsteams können sie nutzen und weiterentwickeln.

Davon profitieren nicht nur Wissenschaftler. Auch Filmemacher können künftig realistischere Naturdokumentationen produzieren. Tierperspektiven lassen sich nun dynamisch und wissenschaftlich fundiert darstellen.

UV-Muster zeigen, wie unterschiedlich Tiere die Welt sehen

Die ersten Aufnahmen zeigen, wie stark sich die Wahrnehmung unterscheidet. Schmetterlingsflügel enthalten UV-Muster, die Menschen nicht sehen. Pfauenfedern leuchten im ultravioletten Bereich deutlich intensiver. Selbst ein Regenbogen besitzt für manche Tiere mehr Farbbänder als für uns.

Die Technik zeigt, welche Farbsignale Tiere in ihrer Umgebung erkennen. Viele davon bleiben für Menschen unsichtbar. In dem Beispiel unten erscheinen Blüten im UV-Licht kontrastreich gemustert. Diese Strukturen wirken wie Wegweiser für Insekten. Sie zeigen an, wo sich der Nektar befindet.

Das neue Kamerasystem zeigt Tiersehen realitätsnah: Drei Orange-Schwefelfalter (Colias eurytheme) erscheinen in Farben, wie Tiere sie wahrnehmen.
Das Bild zeigt drei männliche Orange-Schwefelfalter (Colias eurytheme) in einer Darstellung, die ihre Farben aus tierischer Perspektive sichtbar macht. © Daniel Hanley (CC BY 4.0)

Kurz zusammengefasst:

  • Viele Tiere sehen Farben außerhalb des menschlichen Sichtbereichs, etwa Ultraviolett, und erkennen dadurch Muster und Signale, die für Menschen unsichtbar bleiben.
  • Eine Kamera, entwickelt unter Beteiligung der George Mason University, zeigt in Videos, wie Tiere sehen und macht verborgene Farben sichtbar.
  • Die Technik hilft, Verhalten, Kommunikation und Lebensräume von Tieren besser zu verstehen, etwa bei Bestäubung, Tarnung oder Balz – und eröffnet neue Möglichkeiten für Forschung und Naturschutz.

Übrigens: Während eine Kameratechnik zeigt, wie Tiere Farben sehen, gerät Europas Wald durch Insekten massiv unter Druck – die Baumsterblichkeit hat sich seit 2000 verfünffacht. Warum Klimastress Schädlingen Tür und Tor öffnet und was das für Holz, Biodiversität und CO₂-Bindung bedeutet, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Evan Cantwell / George Mason University

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