Neue KI-Halsmanschette macht Sprechen nach einem Schlaganfall wieder möglich
Nach einem Schlaganfall fällt Sprechen oft schwer. Eine KI-Halsmanschette setzt Kehlkopf-Signale zu verständlichen Sätzen zusammen.
Diese unscheinbare Manschette misst Kehlkopfsignale, ergänzt sie mit Emotionen und formt daraus vollständige Sätze. © Occipinti Group / University of Cambridge
Viele Menschen verlieren nach einem Schlaganfall die Fähigkeit, sich klar auszudrücken. Gedanken bleiben vollständig erhalten, doch Lippen, Zunge und Kehlkopf reagieren nicht mehr zuverlässig. Sätze kommen stockend, Worte bleiben hängen, Gespräche brechen ab. Arztbesuche, Telefonate oder kurze Absprachen im Alltag werden zur Belastung. Der Bedarf an Unterstützung wächst schnell, denn Verständigung entscheidet über Selbstständigkeit, Teilhabe und Würde.
Bisherige Sprachhilfen erwiesen sich allerdings bisher oft als mühsam oder technisch sperrig. Viele Systeme verlangten Geduld, Buchstaben mussten einzeln ausgewählt werden. Die Kommunikation verlief langsam und wirkte unnatürlich. Für Betroffene fühlte sich das selten wie echtes Sprechen an. Hinzu kommt, dass invasive Eingriffe wie Gehirnimplantate für viele unverhältnismäßig erscheinen: Sie können helfen, bringen aber Risiken mit sich. Eine neue Entwicklung schenkt Betroffenen nun Hoffnung.
Halsmanschette lässt Betroffene wieder ganze Sätze sprechen
Entwickelt wurde das System von Forschenden der University of Cambridge. Die neue Technik wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Eine flexible Manschette liegt locker am Hals und erinnert eher an ein Kleidungsstück als an ein medizinisches Gerät. Im Inneren sitzen hochsensible Sensoren und eine intelligente Auswertung. Ziel ist es, Sprache dort wieder aufzubauen, wo sie stockt.
Die Manschette greift nicht aktiv in den Körper ein. Sie misst lediglich Signale, die ohnehin entstehen. Genau darin liegt der Unterschied zu vielen bisherigen Ansätzen. Die Technik tritt in den Hintergrund, während die Kommunikation wieder in den Vordergrund rückt.
Manschette liest winzige Kehlkopf-Signale
Der Ansatz verzichtet bewusst auf invasive Verfahren. Statt direkt im Gehirn anzusetzen, nutzt die Manschette Körpersignale, die bei vielen Betroffenen erhalten bleiben. Dazu zählen feine Vibrationen der Kehlkopfmuskulatur und Veränderungen des Herzschlags.
Selbst lautlos geformte Worte erzeugen messbare Muster. Zwei KI-Module werten diese Daten aus. Das erste rekonstruiert Wörter aus den Muskelbewegungen. Das zweite ergänzt sie sinnvoll und ordnet sie in einen Kontext ein. So entstehen vollständige Sätze nahezu in Echtzeit.
Warum Emotionen beim Sprechen entscheidend sind
Sprache besteht nicht nur aus korrekt erkannten Worten. Tonfall, Dringlichkeit und Situation prägen die Bedeutung. Auch diesen Punkt berücksichtigt das System. Ein erhöhter Puls kann auf Stress oder Frustration hinweisen. Die Tageszeit liefert Hinweise auf Müdigkeit oder Eile. Diese Informationen fließen in die Satzbildung ein.
Wie das konkret wirkt, zeigt ein Beispiel aus der Studie: Eine Testperson formte lautlos nur die Worte „Wir Krankenhaus gehen“. Das System registrierte erhöhte Anspannung und die späte Uhrzeit. Daraus entstand der vollständige Satz: „Auch wenn es schon spät ist, fühle ich mich unwohl. Können wir jetzt ins Krankenhaus fahren?“ So wird aus wenigen Wortfragmenten eine verständliche, situationsgerechte Aussage.
Erste Studie zeigt präzise Ergebnisse
Getestet wurde die Technik in einer ersten klinischen Untersuchung. Fünf Menschen mit Dysarthrie nahmen teil. Diese Sprechstörung betrifft rund die Hälfte aller Schlaganfallpatienten. Zusätzlich wirkten zehn gesunde Personen mit. Alle formten kurze Wortfolgen, ohne laut zu sprechen.
Die Fehlerquote bei einzelnen Wörtern lag bei rund vier Prozent. Auf Satzebene sank sie unter drei Prozent. Viele Teilnehmende berichteten von deutlich höherer Zufriedenheit im Vergleich zu bekannten Hilfsmitteln. Besonders auffällig war die Geschwindigkeit der Sprachausgabe.
Wo Therapie allein oft nicht reicht
Nach einem Schlaganfall gehört Logopädie zum Standard. Wiederholungen und gezielte Übungen helfen, Muskelabläufe neu zu trainieren, wodurch viele Betroffene Fortschritte machen. Doch offene Gespräche bleiben schwierig. Spontane Antworten erfordern eine fein abgestimmte Koordination.
Hier kann technische Unterstützung entlasten. Die neue Sprachhilfe ersetzt keine Therapie, überbrückt aber eine Lücke im Alltag. Gespräche mit Ärzten, Angehörigen oder Pflegekräften lassen sich wieder führen, ohne ständig unterbrochen zu werden.
Typische Entlastungen im Alltag entstehen durch:
- kürzere Gesprächspausen
- weniger Missverständnisse
- mehr Selbstständigkeit außerhalb der Therapie
Für wen die Halsmanschette gedacht ist
Die Technik richtet sich an Menschen, deren Sprachzentren im Gehirn weitgehend intakt sind. Das trifft auf viele Schlaganfallpatienten zu. Da sich die Sprachfähigkeit bei vielen Betroffenen zumindest teilweise zurückbildet, erscheint ein Implantat für sie unverhältnismäßig. Die Manschette bleibt abnehmbar, leicht und mobil.
Weitere Einsatzmöglichkeiten sehen die Forschenden auch bei Menschen mit Parkinson oder Motoneuronerkrankungen. Geplant sind größere klinische Studien. Perspektivisch soll das System mehrere Sprachen unterstützen.
„Es geht darum, Menschen ihre Selbstständigkeit zurückzugeben“, sagt Studienleiter Luigi Occhipinti. Kommunikation bleibe grundlegend für Würde und Erholung. Dabei soll die KI-Halsmanschette gezielt unterstützen.
Kurz zusammengefasst:
- Nach einem Schlaganfall bleibt das Denken oft klar, doch das Sprechen fällt schwer, weil Kehlkopf- und Gesichtsmuskeln nicht mehr zuverlässig zusammenarbeiten und viele bestehende Sprachhilfen im Alltag zu langsam oder umständlich sind.
- Eine neue Halsmanschette aus Cambridge nutzt winzige Kehlkopf-Signale und Herzschlagdaten, kombiniert sie mit KI und setzt lautlos geformte Wortfragmente samt emotionalem Kontext wieder zu verständlichen, flüssigen Sätzen zusammen – ganz ohne operativen Eingriff.
- Erste Studien zeigen geringe Fehlerraten und hohe Zufriedenheit, sodass die Technik klassische Therapie sinnvoll ergänzt, Gespräche erleichtert und Betroffenen mehr Selbstständigkeit und Teilhabe im Alltag ermöglicht.
Übrigens: KI drängt nun auch in einen anderen sensiblen Bereich vor – OpenAI startet mit „ChatGPT Gesundheit“ einen eigenen Raum für medizinische Fragen, streng getrennt von normalen Chats. Wie das Angebot funktionieren soll, wo klare Grenzen gezogen werden und warum Experten trotzdem zur Vorsicht mahnen, steht in unserem Artikel.
Bild: © Occipinti Group / University of Cambridge
