Schulnote 4- für den deutschen Wald: Kohlenstoffquelle statt Klimaretter?
Deutsche Wälder tragen nicht mehr zum Klimaschutz bei. Stattdessen geben sie inzwischen mehr Kohlenstoff ab, als sie speichern.

Forstwirtschaft und der Klimawandel bedrohen deutsche Wälder. © Unsplash
„Der Wald ist mittlerweile zu einer Quelle von Kohlenstoff geworden“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) am Dienstag (8. Oktober 2024), als er die neue Inventur zum Zustand der deutschen Wälder vorstellte. Die Untersuchung erfasst den Wuchs der Bäume, deren Schäden und die Verteilung der Baumarten. Sie informiert auch über die Holznutzung. Förster und Sachbuchautor Peter Wohlleben äußerte sich in einem Interview mit dem WDR zum Zustand der Wälder und kritisierte die Folgen intensiver Forstwirtschaft.
Echter Wald versus Plantagen
Die neue Bundeswaldinventur zeigt, dass die Waldfläche in Deutschland leicht zugenommen hat. Doch klimabedingte Schäden wie Trockenheit und Schädlinge setzen den Wäldern schwer zu. Sie geben inzwischen mehr Kohlenstoff ab, als sie aufnehmen können. „Das bedeutet, der Verlust an Biomasse ist durch Stürme und Dürre sowie Käferbefall größer als der Zuwachs an lebender Biomasse“, erklärt Özdemir laut Tagesschau. Damit tragen sie nicht mehr so stark zum Klimaschutz bei wie früher. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament, gab dem Zustand des deutschen Waldes die Schulnote 4-.
Peter Wohlleben betont jedoch den Unterschied zwischen dem natürlichen Wald und den Plantagenwäldern, die forstwirtschaftlich genutzt werden.
Echtem Wald geht es erstaunlicherweise noch gut. Echter Wald heißt: alte Buchen, alte Eichen,
Peter Wohlleben
Diese natürlichen Wälder haben eine hohe Biomasse und sind widerstandsfähiger. Im Gegensatz dazu leiden Plantagenwälder mit Fichten und Kiefern stark unter dem Klimawandel und der intensiven Nutzung. Bereits vor über 160 Jahren hat man vor der starken Anpflanzung von Fichten gewarnt.
Wohlleben kritisiert, dass die Forstwirtschaft oft durch den Einsatz schwerer Maschinen den Bäumen schadet. „Bäume können Wolken bilden, die kühlen. Der Unterschied kann im Sommer bis zu zehn Grad betragen“, sagte er. Wenn die Wälder stark durchforstet werden, fehlt dieser kühlende Effekt, was die Bäume zusätzlich belastet.

Übrigens: Für einen tieferen Einblick in das Ökosystem Wald geht es hier zum Podcast von Peter Wohlleben.
Forstwirtschaft und Klimawandel
„Der Klimawandel stresst auch alte Laubwälder“, so Wohlleben. Allerdings könnten diese im Vergleich zu Fichtenwäldern besser mit den veränderten Bedingungen umgehen. Er warnt jedoch davor, die wirtschaftliche Nutzung der Wälder als Lösung darzustellen, wenn diese stark geschädigt sind. „Das ist dann schon Forstwirtschaft“, sagte er deutlich, wenn tote Bäume allein dem Klimawandel zugeschrieben werden.
Zum Thema Holznutzung betont Wohlleben: „Holz ist ein toller Rohstoff.“ Allerdings muss die Frage gestellt werden, wie viel der Wald tatsächlich abgeben kann, ohne geschädigt zu werden. Er kritisiert, dass die Behörden oft im Holzverkauf involviert sind und der Schutz der Wälder dabei in den Hintergrund tritt. „Das ist so, als würde man Schwerkranken noch kräftig Aderlass verschreiben“, sagt er mit Blick auf die aktuelle Forstpolitik.
Waldschutz versus Holznutzung
Wohlleben sprach sich dafür aus, den Holzeinschlag zu reduzieren, um den Wäldern mehr Zeit zur Regeneration zu geben. Besonders die Laubwälder müssten besser geschützt werden.
Wir müssen gucken, wo der Patient krank oder durch den Klimawandel angeschossen ist, und da kräftig auf die Bremse drücken.
Peter Wohlleben
Er kritisiert, dass die Waldinventur vor allem den Fokus auf die Holzmengen legt, während ökologische Aspekte kaum Beachtung finden. „Die Bundeswaldinventur müsste eigentlich Bundesholzinventur heißen“, stellte Wohlleben fest. Faktoren wie die Artenvielfalt oder die Bedeutung von Tieren wie Rehen und Käfern werden kaum beachtet, obwohl diese ebenfalls zum Wald gehören. Ein Wald, der nicht durch die Forstwirtschaft beeinträchtigt wird, könnte wichtige Funktionen wie Kühlung und Regenbildung übernehmen.
Wenn wir die Wahl haben zwischen 40, 50 Grad und Rekord-Dürre oder etwas weniger Holz, dann weiß ich, wofür ich mich entscheide.
Peter Wohlleben
Nachhaltige Lösungen für die Zukunft
Wohlleben forderte, den Einsatz von Holz für die Energiegewinnung zu überdenken. „Aktuell wird rund die Hälfte des Holzes, das in Deutschland verbraucht wird, sofort verheizt“, sagte er. Es gibt aber bereits bessere Alternativen, wie zum Beispiel Wärmepumpen. Auch der hohe Papierverbrauch, zum Beispiel durch Postwurfsendungen, sollte reduziert werden. „Das kostet so zehn Millionen jüngere Bäume das Leben pro Jahr für Dinge, die sofort wieder in den Abfall wandern“, rechnete Wohlleben vor.
Was du dir merken solltest:
- Die neue Bundeswaldinventur zeigt, dass klimabedingte Schäden wie Trockenheit und Schädlinge den Wäldern in Deutschland schwer zusetzen und diese inzwischen mehr Kohlenstoff abgeben, als sie aufnehmen.
- Peter Wohlleben betont den Unterschied zwischen natürlichen Wäldern, die widerstandsfähiger sind, und Plantagenwäldern, die durch intensive Forstwirtschaft und den Klimawandel besonders belastet werden.
- Wohlleben kritisiert die Fokussierung auf Holznutzung und fordert, den Wald besser zu schützen, um seine ökologischen Funktionen wie Kühlung und Regenbildung zu bewahren.
Übrigens: Statt weiterhin auf heimische Baumarten wie Eiche, Fichte und Buche zu setzen, fordern Forscher eine gezielte „assistierte Baum-Migration“, um europäische Wälder vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Mehr dazu erfährst du in unserem Artikel.
Bild: © Unsplash
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