Monate später noch erschöpft: Neue Studie liefert Hinweise auf die Ursache von Long COVID

Long COVID betrifft viele nach leichten Verläufen. Die Ursache liegt offenbar in anhaltenden Entzündungsprozessen im Blut.

Älterer Mann mit Maske

Bei Long COVID bleibt das Immunsystem bei manchen Betroffenen dauerhaft aktiviert. Veränderte Immunzellen im Blut könnten erklären, warum Erschöpfung und Atemprobleme lange anhalten. © Freepik

Ist der Test nach einer Corona-Infektion wieder negativ, gilt man offiziell als genesen. Bei vielen bleibt jedoch auch Wochen später etwas zurück: Die Kraft reicht nicht, Wege fallen schwerer, die Luft wird schneller knapp. Long COVID ist längst kein Randphänomen mehr. In Deutschland entwickelt laut Schätzungen bis zu jeder Zehnte nach einer Infektion anhaltende Beschwerden. Die Suche nach der Ursache beschäftigt Betroffene ebenso wie Ärztinnen und Ärzte.

Auffällig ist dabei ein Widerspruch: Long COVID trifft besonders häufig Menschen, deren akute Infektion mild verlief. Kein Krankenhaus, kein Sauerstoff, oft nicht einmal Fieber. Trotzdem halten Symptome wie starke Erschöpfung, Atemprobleme oder Konzentrationsstörungen über Monate an. Lange fehlte eine schlüssige Erklärung. Eine große immunologische Analyse liefert nun einen Ansatz, der zeigt, was im Körper aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Immunzellen liefern Hinweise auf die Ursache von Long COVID

Eine besondere Rolle spielen CD14⁺-Monozyten, spezialisierte Zellen der weißen Blutkörperchen. Sie zirkulieren im Blut, reagieren auf Entzündungen und helfen normalerweise dabei, Infektionen zu kontrollieren. Bei vielen Menschen mit Long COVID verhalten sich diese Zellen jedoch anders als erwartet.

Die Studie beschreibt einen speziellen inneren Zustand dieser Monozyten. Forschende sprechen von einem veränderten Aktivitätsmuster bestimmter Gene. Dieser Zustand, intern als „LC-Mo“ bezeichnet, tritt besonders häufig bei Menschen auf, die zuvor eine milde oder moderate Corona-Infektion hatten. Diese Gruppe entwickelt auffällig oft Long COVID, ohne zuvor schwer erkrankt gewesen zu sein.

Entzündungsstoffe halten den Körper in Alarmbereitschaft

Begleitend zeigt das Blut vieler Betroffener erhöhte Entzündungswerte. Dazu zählen unter anderem die Botenstoffe TNF, CCL2 und CXCL11. Diese Stoffe signalisieren dem Immunsystem Gefahr. Das Problem: Sie bleiben aktiv, obwohl das Virus längst verschwunden ist. Der Körper findet nicht zurück in einen normalen Ruhezustand.

Diese dauerhafte Alarmbereitschaft bleibt kein abstrakter Laborwert. Sie hat spürbare Folgen. Je ausgeprägter der veränderte Monozyten-Zustand ist, desto stärker fällt oft die Erschöpfung aus. Auch Atemprobleme treten häufiger auf. Messungen zeigen dabei teils leicht verringerte Sauerstoffwerte im Blut. Sie liegen oft noch im Normbereich, reichen aber aus, um Belastung deutlich anstrengender zu machen.

Immunzellen verändern das Lungengewebe spürbar

In Proben aus den Atemwegen fanden Forschende zudem Immunzellen mit ähnlichen Eigenschaften. Diese Zellen tragen Gene, die mit Umbauprozessen im Gewebe zusammenhängen. Fachleute sprechen von profibrotischen Programmen. Vereinfacht gesagt: Das Lungengewebe kann an Elastizität verlieren. Das passt zu der Luftnot, über die viele Betroffene berichten, selbst bei leichter körperlicher Aktivität.

Die Beschwerden wirken damit weniger zufällig. Erschöpfung und Atemprobleme lassen sich auf gemeinsame Prozesse im Immunsystem zurückführen, die sich gegenseitig verstärken können.

Ein biologischer Zwischenzustand mit Folgen

Normalerweise reagiert das Immunsystem flexibel. Es fährt hoch, bekämpft Erreger und schaltet danach wieder zurück. Bei Long COVID scheint dieser Mechanismus gestört. In Labortests reagierten Monozyten mit dem beschriebenen Zellzustand deutlich schwächer auf neue Reize. Ihre Interferon-Antwort, ein wichtiger Teil der Virusabwehr, fiel gedämpft aus. Andere Abwehrsignale blieben ebenfalls zurück.

Das wirkt widersprüchlich. Einerseits herrscht Entzündung, andererseits reagiert das Immunsystem träge. Genau diese Mischung könnte erklären, warum sich Beschwerden festsetzen. Der Körper bleibt in einem Zwischenzustand gefangen. Long COVID bekommt damit ein biologisches Profil, das sich klar von klassischen Erschöpfungssyndromen unterscheidet.

Langzeitdaten machen Veränderungen im Blut sichtbar

Die Auswertung stützt sich auf mehrere Patientengruppen, die über Monate begleitet wurden. Blut- und Zellproben stammen aus unterschiedlichen Phasen nach der Infektion. Auffällig war ein zeitliches Muster. Der veränderte Monozyten-Zustand trat häufig ab dem dritten Monat nach der Infektion deutlicher hervor und hielt teils bis fast ein Jahr an. Wichtige Beobachtungen aus den Daten:

  • Der spezielle Zellzustand kommt besonders häufig nach milden Corona-Verläufen vor.
  • Höhere Anteile dieser Monozyten gehen mit stärkerer Fatigue einher.
  • Atemprobleme korrelieren mit erhöhten Entzündungswerten und veränderten Immunzellen.

Diese Zusammenhänge erklären nicht jeden Einzelfall. Sie liefern aber einen Rahmen, der Symptome und Laborwerte miteinander verbindet.

Zusammenhänge werden greifbarer

An der Analyse waren mehrere Forschungseinrichtungen beteiligt, darunter das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Nature Immunology. Studienleiterin Yang Li beschreibt Long COVID als „äußerst komplexe Erkrankung mit verschiedenen Ausprägungen“. Der identifizierte Zellzustand sei ein weiterer Mosaikstein, nicht die abschließende Erklärung.

Den Forschenden zufolge zeigen die Ergebnisse Zusammenhänge, beweisen aber keine direkte Ursache-Wirkungs-Kette. Dennoch lassen sich konkrete biologische Prozesse messen und vergleichen.

Neue Ansatzpunkte für Diagnose und Therapie

Für viele Erkrankte hat diese Erkenntnis eine wichtige Wirkung. Ihre Beschwerden erhalten eine nachvollziehbare Grundlage. Sie lassen sich nicht mehr allein als diffuse Nachwirkung abtun. Gleichzeitig eröffnet der Befund neue Perspektiven für Therapien. Denkbar sind Ansätze, die gezielt Entzündungssignale dämpfen oder fehlgeleitete Immunzellen beeinflussen. Zwei Punkte stechen besonders hervor:

  • Die Ursache von Long COVID liegt nicht zwingend in schweren Akutverläufen.
  • Veränderungen im Immunsystem können lange nach der Infektion bestehen bleiben.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Ursache von Long COVID liegt häufig in einem dauerhaft veränderten Zustand bestimmter Immunzellen, der auch nach milden Corona-Infektionen Entzündungen im Körper aufrechterhält.
  • Dieser veränderte Zellzustand geht mit erhöhten Entzündungswerten im Blut einher und steht in engem Zusammenhang mit Erschöpfung und Atemproblemen.
  • Die Befunde erklären, warum Beschwerden lange anhalten können, obwohl das Virus verschwunden ist, und liefern eine messbare biologische Grundlage für Long COVID.

Übrigens: Anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder Schlafstörungen nach Corona ähneln oft Long COVID – können aber auch auf eine unbehandelte Depression hinweisen. Eine große deutsche Studie warnt vor Fehldiagnosen und verpasster Hilfe. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert