Metastasen streuen erneut – Krebs breitet sich anders aus als gedacht

Neue Daten zeigen: Metastasen wachsen nicht nur lokal, manche streuen früh erneut Krebszellen – teils noch vor dem MRT-Nachweis.

Neue Daten zeigen: Metastasen wachsen nicht nur lokal, manche streuen früh erneut Krebszellen – teils noch vor dem MRT-Nachweis.

Bestimmte Metastasen können früh einzelne Krebszellen freisetzen, die sich im selben Organ neu ansiedeln und weitere Tumorherde bilden. © Unsplash

Metastasen galten lange als Endpunkt einer Krebserkrankung. Hatten sie sich in einem Organ festgesetzt, wuchsen sie dort zwar weiter, Ärzte gingen jedoch davon aus, dass diese Herde nicht erneut streuen. Ein Forschungsteam aus Regensburg und Erlangen kommt nun zu einem anderen Ergebnis.

Bestimmte Metastasen bleiben nicht auf ihren Entstehungsort beschränkt. Sie können erneut einzelne Krebszellen freisetzen. Diese Zellen wandern innerhalb desselben Organs weiter und bilden neue Herde. Teilweise wachsen diese sogar schneller als die ursprüngliche Metastase. Besonders bemerkenswert: Dieser Prozess beginnt offenbar sehr früh – häufig noch bevor ein MRT eine Metastase zuverlässig sichtbar macht.

Metastasen verhalten sich unterschiedlich – manche streuen erneut

An der Studie beteiligt war unter anderem die Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III des Universitätsklinikums Regensburg. Seit über zehn Jahren untersucht das Team um Dr. Raquel Blazquez und Professor Tobias Pukrop, wie sich Metastasen nach ihrer Ansiedlung im Körper weiterentwickeln. Die Wissenschaftler beschreiben unterschiedliche Wachstumsformen. Manche Metastasen bleiben lokal begrenzt. Andere verhalten sich deutlich aggressiver. Sie geben früh Krebszellen ab, die sich im selben Organ neu ansiedeln.

Im Fokus der Untersuchung standen Hirnmetastasen. Dort zeigte sich besonders deutlich, wie unterschiedlich sich Tumorabsiedlungen entwickeln können:

  • Einige wachsen kompakt an einer Stelle.
  • Andere setzen schon früh einzelne Zellen frei.
  • Diese siedeln sich an neuen Punkten im Gehirn an.
  • Manche dieser neuen Herde wachsen schneller als der ursprüngliche Tumor.

Damit widersprechen die Daten der bisherigen Annahme, Metastasen würden lediglich lokal wachsen.

Die Grafik zeigt, wie Metastasen erneut streuen und innerhalb eines Organs neue Tumorherde bilden können. © UKR
Die Grafik zeigt, wie Metastasen erneut streuen und innerhalb eines Organs neue Tumorherde bilden können. © UKR

Zusätzliche Tumorherde machen den Verlauf komplexer

Das Gehirn reagiert empfindlich auf zusätzliche Raumforderungen. Schon kleine Tumorherde können Ausfälle verursachen, etwa Lähmungen, Sprachprobleme oder Krampfanfälle. Deshalb spielt die Zahl der Metastasen eine zentrale Rolle bei der Therapieplanung. Bisher ging man davon aus, dass jeder sichtbare Herd direkt auf die ursprüngliche Streuung des Primärtumors zurückgeht. Die neuen Beobachtungen erweitern dieses Verständnis. Wenn Metastasen selbst erneut Krebszellen aussenden, wird der Krankheitsverlauf komplexer.

Professor Tobias Pukrop betont jedoch Zurückhaltung: „So weit sind wir in der klinischen Anwendung aber noch nicht.“ Gleichzeitig sagt er: „Unsere Ergebnisse liefern jedoch die Grundlage für völlig neue Denkansätze und möglicherweise auch für innovative Therapiestrategien, die bislang nicht berücksichtigt wurden.“

Auch Dr. Raquel Blazquez äußert sich zur Deutlichkeit der Befunde: „So klare Resultate erhält man selten, besonders dann nicht, wenn man wissenschaftliches Neuland betritt.“

Prof. Dr. Tobias Pukrop und Dr. Raquel Blazquez
Prof. Dr. Tobias Pukrop und Dr. Raquel Blazquez zeigen in ihrer Studie, dass Metastasen nicht nur wachsen, sondern sich innerhalb eines Organs erneut ausbreiten können. © Tobias Pukrop

Neue Ansätze in der Krebsbehandlung

Noch verändern diese Erkenntnisse keine Therapierichtlinien. Doch sie werfen wichtige Fragen auf. Wenn Metastasen früh neue Krebszellen freisetzen, reicht es womöglich nicht aus, nur sichtbare Herde zu behandeln. Mögliche Konsequenzen könnten künftig sein:

  • engmaschigere Kontrolle bereits kleiner Metastasen
  • frühzeitiger Einsatz systemischer Therapien
  • angepasste Bestrahlungskonzepte bei Hirnmetastasen

Die Forschenden planen nun klinische Studien, um zu klären, welche Bedeutung das neue Wissen für Patienten hat. „Wie so oft in der Wissenschaft stehen wir wieder am Anfang“, so Pukrop. Ziel sei es, die Erkenntnisse sorgfältig zu prüfen und ihren Nutzen im klinischen Alltag zu bewerten.

Dr. Blazquez formuliert das langfristige Ziel klar: „Unser Ziel ist es, die neuen Erkenntnisse so schnell wie möglich in konkrete Vorteile für Betroffene zu übersetzen, um neue Therapieoptionen, basierend auf unseren Erkenntnissen, zu entwickeln.“

Kurz zusammengefasst:

  • Metastasen wachsen nicht immer nur lokal, sondern können erneut streuen, indem sie früh einzelne Krebszellen freisetzen, die im selben Organ neue Herde bilden – teils noch bevor sie im MRT sichtbar sind.
  • Bei Hirnmetastasen zeigt sich ein deutlich unterschiedliches Verhalten: Manche bleiben begrenzt, andere setzen früh Zellen frei, die sich neu ansiedeln und schneller wachsen als der ursprüngliche Tumor.
  • Für Diagnostik und Therapie ergibt sich daraus ein komplexeres Krankheitsbild, das künftig eine engmaschigere Überwachung und angepasste Behandlungsstrategien notwendig machen könnte.

Übrigens: Während Metastasen selbst weiter streuen können, beginnt die Weichenstellung für besonders aggressiven Krebs oft schon viel früher – noch bevor ein Tumor überhaupt sichtbar ist. Eine Studie aus Köln zeigt, dass eine stille Entzündung beim kleinzelligen Lungenkrebs die spätere Ausbreitung und Rückfälle entscheidend prägt. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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