Neue Liebe im Alter: Warum Zusammenziehen glücklicher macht als Heiraten
Eine neue Studie mit 2.840 Personen zeigt: Eine Ehe im späteren Leben macht nicht automatisch glücklicher – entscheidend ist etwas anderes.
Wer im späteren Leben zusammenzieht, steigert laut Studie seine Lebenszufriedenheit – unabhängig vom Trauschein. © Pexels
Eine neue Partnerschaft mit über 50 ist keine Seltenheit. Dabei steht die Frage im Raum, was im späteren Leben wirklich glücklich macht. Geht es beim Glück im Alter vor allem um Sicherheit durch Ehe – oder zählt im Alltag etwas anderes?
Eine aktuelle Studie gibt darauf eine klare Antwort. Ein Forschungsteam um die Psychologin Dr. Iris Wahring von der Universität Wien hat untersucht, wie sich neue Beziehungen im späteren Leben auf das Wohlbefinden auswirken.
Zusammenziehen macht im Alltag spürbar glücklicher
Für die Untersuchung werteten die Forscher Daten von 2.840 Personen aus. Die Teilnehmer waren zwischen 30 und 95 Jahre alt, im Schnitt 62. Grundlage war die große US-Studie „Health and Retirement Study“, die Menschen ab 50 regelmäßig zu ihrem Leben befragt.
Entscheidend war nicht, wer frisch verliebt war, sondern, was danach passierte. Zogen zwei Menschen zusammen? Heirateten sie? Oder trennten sie sich? Die Wissenschaftler beobachteten Veränderungen über jeweils zwei Jahre und verglichen die Ergebnisse mit ähnlichen Personen ohne Beziehungswechsel.
Das Ergebnis ist eindeutig. „Der Übergang in einen gemeinsamen Haushalt mit einer neuen Partnerin oder einem neuen Partner ging mit einem deutlichen Anstieg der Lebenszufriedenheit einher“, sagt Wahring. Wer also einen gemeinsamen Alltag teilt, fühlt sich zufriedener.
Heiraten bringt keinen Extra-Schub
Überraschend ist dagegen, was nicht passiert. Paare, die bereits zusammenwohnten und später heirateten, wurden nicht zusätzlich glücklicher. In der Studie heißt es: „Die Ehe unter bereits zusammenlebenden Paaren hatte keinen messbaren zusätzlichen Effekt auf das Wohlbefinden.“
Der Ring am Finger allein verändert offenbar wenig. Der Alltag zählt mehr als das Standesamt. Das dürfte viele beruhigen. Nicht jede neue Beziehung im späteren Leben mündet in einer Hochzeit. Und das muss sie offenbar auch nicht, wenn es um Zufriedenheit geht.
Trennung ist nicht automatisch ein Absturz
Auch beim Thema Trennung räumt die Studie mit einem Vorurteil auf. Oft heißt es, Männer würden besonders stark unter einer Trennung leiden. Doch die Forscher fanden keinen klaren Rückgang der Lebenszufriedenheit – weder bei Männern noch bei Frauen.
Wörtlich heißt es: „Eine Trennung war bei keinem der Geschlechter mit einem Rückgang des Wohlbefindens verbunden.“ Natürlich kann eine Trennung schmerzen. Doch viele ältere Erwachsene scheinen emotional stabiler zu sein, als man denkt. Lebenserfahrung hilft offenbar, Veränderungen besser einzuordnen.
Männer und Frauen reagieren ähnlich
Ein weiteres Ergebnis stellt ein verbreitetes Klischee infrage. Oft heißt es, Männer seien im Alter stärker auf eine Partnerin angewiesen, weil sie weniger enge soziale Kontakte pflegen. Tatsächlich berichteten Männer in der Studie im Durchschnitt über geringere emotionale Unterstützung durch Freunde und Familie.
Trotzdem zeigte sich kein größerer „Partnerschafts-Bonus“ bei ihnen. Männer und Frauen gewannen in ähnlichem Maß an Lebenszufriedenheit, wenn sie mit einem neuen Partner zusammenzogen. Auch bei Trennungen reagierten beide Geschlechter vergleichbar stabil. Die Annahme, Männer würden emotional stärker von einer Beziehung abhängen, bestätigte sich in dieser Untersuchung nicht.
Die Autoren schreiben: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Geschlechterunterschiede weniger allgemein gültig sind als bislang angenommen.“ Das heißt: Neue Liebe tut beiden Geschlechtern gut – und Trennungen treffen beide ähnlich.
Die Forscher betrachteten in ihrer Untersuchung zwei Bereiche:
- Lebenszufriedenheit
- Depressive Symptome
Vor allem die Lebenszufriedenheit stieg, wenn Menschen zusammenzogen. Depressive Symptome veränderten sich dagegen kaum. Wichtig zu wissen: Die Befragungen fanden im Abstand von zwei Jahren statt. Sehr kurzfristige emotionale Hochs oder Tiefs direkt nach einem Umzug oder einer Trennung konnten daher nicht genau abgebildet werden.
Warum der Alltag stärker wirkt als der Trauschein
Das Zusammenziehen steigert die Lebenszufriedenheit vermutlich deshalb, weil der gemeinsame Alltag Nähe und Sicherheit schafft. Gemeinsame Routinen, Gespräche und gegenseitige Unterstützung wirken direkt auf das Wohlbefinden. Ein Trauschein verändert diese täglichen Erfahrungen kaum. Wer bereits zusammenlebt, hat den wichtigsten Schritt oft schon getan.
Zudem hat sich die Gesellschaft verändert. Unverheiratetes Zusammenleben gilt heute als normal. Der Druck zu heiraten ist deutlich geringer als früher. Damit verliert die Ehe an symbolischem Gewicht für das persönliche Glück.
Wie belastbar die Ergebnisse sind – und was sie bedeuten
Die Daten stammen aus den USA. Untersucht wurden ausschließlich Männer und Frauen in Beziehungen zwischen Mann und Frau. Andere Partnerschaftsformen wurden nicht berücksichtigt. Außerdem wurde jeweils nur eine Person pro Paar befragt. Gegenseitige Einflüsse innerhalb einer Beziehung lassen sich dadurch nur eingeschränkt beurteilen.
Trotzdem gilt die Studie als solide. Sie basiert auf 16 Erhebungswellen über rund 30 Jahre. Die Auswertungen trennen klar zwischen Ausgangslage und tatsächlicher Veränderung. Für das Glück im Alter zeigt sich damit ein klarer Trend: Eine neue Partnerschaft kann die Lebenszufriedenheit deutlich erhöhen. Entscheidend ist vor allem das gemeinsame Leben im Alltag – nicht der formale Schritt zum Standesamt.
Kurz zusammengefasst:
- Wer im späteren Leben mit einem neuen Partner zusammenzieht, steigert seine Lebenszufriedenheit deutlich – eine Heirat bringt dagegen keinen zusätzlichen messbaren Vorteil.
- Eine Trennung führt im Durchschnitt weder bei Männern noch bei Frauen automatisch zu einem Einbruch des Wohlbefindens, viele reagieren stabiler als häufig angenommen.
- Für das Glück im Alter zählt in einer Partnerschaft vor allem der gemeinsam gelebte Alltag – Nähe, Routinen und Verlässlichkeit wirken stärker als ein formaler Trauschein.
Übrigens: Während eine neue Partnerschaft im Alter die Lebenszufriedenheit steigern kann, deutet eine große US-Studie darauf hin, dass die Ehe selbst mit einem höheren Demenzrisiko verbunden sein könnte. Warum Unverheiratete offenbar geistig länger fit bleiben und welche Rolle soziale Aktivität dabei spielt, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Pexels
