Der härteste Teil kommt nach Feierabend: Warum viele Mütter am eigenen Anspruch zerbrechen

Mütter stehen heute zwischen Beruf und Familie unter großem Druck. Eine Studie aus Hannover zeigt, wie stark die Elternrolle ihre psychische Gesundheit beeinflusst.

Mutter geht mit Kind am Strand spazieren

Die psychische Gesundheit von Müttern leidet laut Studie vor allem unter innerem Druck und dem Anspruch, alles perfekt zu machen. © Pexels

Viele Mütter in Deutschland laufen im Dauerbetrieb. Job, Kinder, Haushalt, Partnerschaft – am Ende des Tages bleibt oft nur das Gefühl, wieder nicht gereicht zu haben. Eine neue Untersuchung hat nun ergeben: Der härteste Druck kommt häufig nicht von außen, sondern aus dem eigenen Anspruch, alles richtig zu machen. Dieses Idealbild entscheidet mit, wie stabil sich Mütter fühlen.

Die Studie stammt von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Vier Forscherinnen des Forschungsverbunds Familiengesundheit analysierten Daten von rund 1.450 Müttern aus der bundesweiten Langzeitstudie „Pairfam“, die seit 2008 Partnerschaften, Elternschaft und Familienleben in Deutschland untersucht. Ziel war es, zu verstehen, welche Faktoren die mentale Stabilität von Müttern am meisten beeinflussen – die Partnerschaft, die Arbeit oder die Elternrolle selbst.

Wenn Selbstzweifel zur Dauerbelastung werden

Etwa jede zehnte Mutter gilt laut der Analyse als psychisch stark belastet. Viele berichten von Erschöpfung, Überforderung und dem ständigen Gefühl, zu versagen. Besonders betroffen sind Frauen, die sich in ihrer Elternrolle unsicher fühlen.
„Mütter, die sich in ihrer Elternrolle weniger sicher fühlen, empfinden einen höheren mentalen Stresslevel“, sagt Claudia Kirsch, wissenschaftliche Leiterin des Forschungsverbunds Familiengesundheit an der MHH.

Der Druck entsteht laut den Forscherinnen weniger durch äußere Anforderungen als durch das eigene Selbstbild. Wer glaubt, immer perfekt, geduldig und liebevoll handeln zu müssen, baut sich selbst den größten Stress auf. Schon kleine Abweichungen vom eigenen Ideal führen zu Schuldgefühlen – etwa, wenn Beruf und Familie nicht gleichzeitig funktionieren.

Drei Baustellen, die im Alltag am meisten Kraft kosten

Die Studie bündelt die wichtigsten Einflussfaktoren in drei Bereichen: Partnerschaft, Elternrolle und die Aufteilung von Arbeit und Privatleben.

  • Partnerschaft: Häufige Streitigkeiten oder destruktives Konfliktverhalten gehen mit schlechterer psychischer Gesundheit einher.
  • Elternrolle: Fehlende Autonomie, Überforderung und überhöhte Ansprüche erhöhen den Stress.
  • Work-Life-Balance: Unzufriedenheit mit der Aufteilung von Arbeit und Privatleben führt zu Erschöpfung und Gereiztheit.

Am wichtigsten ist der Blick auf sich selbst. Wer sich in der Mutterrolle sicher fühlt und den eigenen Entscheidungen vertraut, bleibt psychisch eher stabil. Fehlt dieses Vertrauen, treten Gereiztheit, Müdigkeit und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, deutlich häufiger auf.

„Das eigene Selbstbild als Mutter beeinflusst die mentale Gesundheit maßgeblich“, erklärt Kirsch. „Unerfüllte Idealvorstellungen führen oft zu Schuld- und Schamgefühlen.“ Viele Befragte berichteten von Stress, Zerrissenheit und fehlender Autonomie – Symptome, die zum sogenannten Parental Burnout führen können.

Stabilität in der Partnerschaft stärkt die psychische Gesundheit

Ein stabiles Beziehungsumfeld wirkt wie ein Schutzfaktor, doch laut Studie spielt nicht nur die Unterstützung eine Rolle, sondern vor allem die Qualität der Partnerschaft. Konflikte, ständige Diskussionen oder destruktive Muster wie Rückzug und Kritik schwächen die mentale Widerstandskraft deutlich.

„Der Einfluss von Konflikten auf die mentale Gesundheit ist größer als der von bloßer Unterstützung“, heißt es in der Auswertung. Harmonie und gegenseitiger Respekt in der Beziehung seien entscheidend, um langfristig psychisch stabil zu bleiben – unabhängig vom Alter der Kinder.

Mutter-Kind-Kuren lindern Erschöpfung nachhaltig

Viele Frauen gehen in eine Mutter-Kind-Kur, sobald sie merken, dass die Kraft nicht mehr reicht. Meist dauert die Maßnahme drei Wochen. Ein Arzt verordnet sie, die Krankenkassen übernehmen die Kosten. Vor Ort werden die Kinder betreut, damit die Mütter Zeit für Therapieangebote, Bewegung und Beratung haben.

„Vor allem Mütter mit einer eingeschränkten psychischen Funktionsfähigkeit berichten auch ein halbes Jahr nach der Maßnahme von einer Linderung ihrer Beschwerden und einer gesteigerten Lebensqualität“, sagt Kirsch. Auch frühere Untersuchungen des Forschungsverbunds zeigen diesen Effekt: Schon wenige Monate nach der Kur verbesserten sich Stimmung, Belastbarkeit und Selbstvertrauen spürbar.

Die Studie beweist also: Viele Mütter kämpfen weniger mit der reinen Aufgabenlast als mit dem eigenen Maßstab. Entscheidend bleibt, wie streng das Idealbild ist – und wie konfliktfest Partnerschaft und Alltag organisiert sind.

Kurz zusammengefasst:

  • Mütter erleben laut einer neuen Studie, dass ihre psychische Gesundheit stark vom eigenen Rollenbild abhängt – nicht von Arbeit oder Aufgaben, sondern vom inneren Druck, perfekt zu sein.
  • Besonders belastend wirken Selbstzweifel, Partnerschaftskonflikte und eine schlechte Work-Life-Balance, während Selbstvertrauen und familiäre Zufriedenheit die mentale Stabilität fördern.
  • Mutter-Kind-Kuren verbessern nachweislich das Wohlbefinden: Viele Teilnehmerinnen berichten Monate später von weniger Erschöpfung und mehr Lebensqualität.

Übrigens: In vielen Ländern bleibt eine sichere Geburt noch immer keine Selbstverständlichkeit. Warum die weltweite Müttersterblichkeit wieder ansteigt, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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