Europas digitale Abhängigkeit ist größer als gedacht – und sie kostet Milliarden

Die digitale Abhängigkeit in Europa ist laut Analyse höher als gedacht. Irland und China prägen das Problem stark.

Die digitale Abhängigkeit in Europa ist laut Analyse höher als gedacht. Irland und China prägen das Problem stark.

CASSIS der Universität Bonn erweitert den Digital Dependence Index mit Unterstützung des Vodafone Instituts. Der Index soll Europas digitale Schwächen genauer erfassen. © Gregor Hübl/Uni Bonn

Europa will bei KI, Cloud, Chips und Software unabhängiger werden. Das Ziel klingt plausibel. Doch die digitale Abhängigkeit in Europa ist größer, als viele Handelszahlen vermuten lassen. Wirtschaft, Verwaltung, Forschung und Industrie hängen längst an Infrastruktur, die oft von ausländischen Konzernen oder Lieferketten geprägt wird.

Ein Policy Brief der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, erarbeitet mit dem Vodafone Institute, beschreibt dieses Problem. Die Analyse kommt zu einem unangenehmen Befund: Europas digitaler Handel wirkt robust, weil Irland als Standort großer US-Techkonzerne die Bilanz stark verzerrt. Doch der Kontinent bleibt bei vielen digitalen Gütern eng an China gebunden. Im Klartext heißt das: Europas scheinbare Stärke im Digitalhandel beruht zum Teil auf einem Sondereffekt.

Warum Europas Digitalbilanz trügerisch wirkt

Auf dem Papier sah es zuletzt ordentlich aus. Für 2024 nennt die Analyse einen Überschuss von 145 Milliarden US-Dollar im Handel mit digitalen Gütern und Dienstleistungen. Das entspreche knapp 1 Prozent der Wirtschaftsleistung der EU. Zudem habe der Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie zwischen 2023 und 2024 rund ein Viertel der gesamten EU-Handelsbilanz ausgemacht. Seit 2018 verkaufte die EU in diesem Feld insgesamt mehr, als sie einkaufte.

Bei genauerem Blick kippt dieses Bild. Der Grund liegt in Irland. Zwischen 2020 und 2024 entfielen laut Analyse 23 Prozent der weltweiten Exporte digitaler Dienstleistungen auf das Land. Indien kam im selben Zeitraum auf 10 Prozent, China auf 9 Prozent und die USA auf 7 Prozent. Noch markanter ist eine zweite Zahl. 87,2 Prozent des kumulierten EU-Überschusses bei digitalen Dienstleistungen entfielen in diesen Jahren auf Irland.

Das hat einen einfachen Hintergrund. Viele große US-Konzerne steuern ihre Europageschäfte von dort aus. Hohe Exportwerte tauchen dadurch in der europäischen Statistik auf, obwohl die wirtschaftliche Kontrolle oft außerhalb Europas liegt. Deshalb erscheint der Kontinent digital unabhängiger, als er in Wahrheit ist.

Der Irland-Effekt kostet Europa viel Geld

Besonders deutlich wird das, sobald Irland aus der Rechnung herausgenommen wird. Dann schrumpft das europäische Plus nicht nur, es dreht ins Minus. Für die Jahre 2022 bis 2024 summiert sich das Defizit bei digitalen Gütern und Dienstleistungen ohne Irland laut Policy Brief auf 350,1 Milliarden US-Dollar. „Das entspricht annähernd 40 Prozent der geplanten Verteidigungsausgaben bis 2030“, sagt Juniorprofessor Maximilian Mayer von der Universität Bonn. Es geht nicht um eine abstrakte Rechengröße, sondern um einen wirtschaftlichen Nachteil von enormem Ausmaß.

Dazu passt ein weiterer Befund aus dem irischen Markt. Für 2021 nennt die Analyse zwei Zahlen, die den Sonderfall Irland besonders klar machen. 94 Prozent der Gewinne des dortigen ICT-Sektors stammten von ausländisch kontrollierten Firmen. Bei der Bruttowertschöpfung lag der Anteil sogar bei 97 Prozent. Als Beispiele nennt der Policy Brief Konzerne wie Google, Apple und Microsoft. Die guten Digitalzahlen stehen also nur begrenzt für eigene europäische Stärke.

China verschärft Europas digitale Abhängigkeit

Die zweite Schwachstelle liegt bei digitalen Gütern. Europa kauft hier deutlich mehr ein, als es selbst verkauft. Besonders groß ist das Minus bei Computern, Peripheriegeräten, Kommunikationstechnik und elektronischen Komponenten. 76 Prozent des Defizits im Handel mit ICT-Gütern entfielen zwischen 2020 und 2023 allein auf China.

Auch die Summe ist erheblich. Europäische Kunden gaben in dieser Zeit rund 529 Milliarden US-Dollar mehr für chinesische Produkte aus, als über Verkäufe nach China zurückkam. Für 2024 nennt der Brief noch einen Rekordwert. Das Defizit der EU mit China bei ICT-Gütern habe 143,4 Milliarden US-Dollar erreicht.

Auf der einen Seite bündeln US-Konzerne ihr Europageschäft über Irland. Auf der anderen Seite bleibt Europa bei zentraler Hardware stark von China abhängig. Der Policy Brief bringt das in eine knappe Formel. Europa sei „zwischen zwei digitalen Giganten eingezwängt“.

Digitale Abhängigkeit schwächt Europa spürbar

Diese Abhängigkeit ist kein reines Fachthema für Brüssel. Sie betrifft Lieferketten, Investitionen, Preise und die Frage, wie handlungsfähig Europa in Krisen bleibt. Wenn wichtige Software, Cloud-Dienste, Chips oder Netztechnik aus dem Ausland kommen, wächst die Verwundbarkeit. Politische Spannungen treffen dann schneller die Wirtschaft. Gleichzeitig wird Industriepolitik komplizierter, weil moderne Produktion oft genau jene Importe braucht, von denen man sich eigentlich unabhängiger machen will.

Michael Jungwirth vom Vodafone Institute erklärt: „Die Analyse zeigt: Europas digitale Abhängigkeiten sind größer, als es die Statistik vermuten lässt.“ Und weiter: „Wir brauchen jetzt eine kohärente Industrie- und Handelspolitik, die die digitale Resilienz wirklich stärkt – für ein wirtschaftlich und geopolitisch souveränes Europa.“

Der Policy Brief nennt dafür mehrere Ansatzpunkte. Die EU solle ihre Fertigungsindustrie und ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken. Sie solle Abhängigkeiten von China bei digitalen Gütern weiter verringern. Zudem empfehlen die Autoren eine politische Sprache, die Autonomie und Souveränität nicht als nationalen Alleingang versteht, sondern als gemeinsames Ziel mit neuen Technologiepartnerschaften.

Index macht digitale Abhängigkeit sichtbar

Wie anfällig einzelne Länder tatsächlich sind, soll auch der Digital Dependence Index des CASSIS der Universität Bonn zeigen. Diese Kennzahl erfasst unter anderem, wie stark ein Staat auf elektronische Komponenten, Kommunikationsausrüstung, Software, Betriebssysteme oder Patente aus dem Ausland angewiesen ist. „Basierend auf einer Vielzahl von Indikatoren veranschaulicht der DDI die Herausforderungen und die Potenziale, technologische Abhängigkeiten in einer global vernetzten und hochgradig arbeitsteiligen Wirtschaft zu reduzieren“, so Mayer.

Bislang blickte der Index vor allem auf die G20-Staaten. Künftig soll er auf mehr als 50 Länder erweitert werden. Das dürfte die Lage in Europa, aber auch in Afrika und Asien deutlich besser vergleichbar machen.

Kurz zusammengefasst:

  • Die digitale Abhängigkeit in Europa ist größer, als es viele Handelszahlen vermuten lassen, weil Irland als Standort großer US-Techkonzerne die Bilanz stark verzerrt.
  • Besonders heikel ist die Lage bei Chips, Software, Cloud und elektronischen Bauteilen. 76 Prozent des EU-Defizits bei digitalen Gütern entfielen zwischen 2020 und 2023 auf China.
  • Für Wirtschaft und Politik ist das riskant, weil Europa bei zentraler Technik verwundbar bleibt und dadurch Spielraum, Versorgungssicherheit und Souveränität verliert.

Übrigens: Europas digitale Abhängigkeit zeigt sich nicht nur bei Chips, Cloud und Software, sondern auch im Arbeitsalltag, denn viele Firmen lassen das Potenzial von KI ungenutzt, während die USA ihren Vorsprung ausbauen. Neue Daten zeigen, dass in Europa vor allem klare Vorgaben im Unternehmen fehlen. Das kostet Zeit, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Gregor Hübl/Uni Bonn

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