Rhein auf Platz 1 in Europa – hier bleibt laut Studie besonders viel Mikroplastik zurück

Eine Analyse von 8.671 europäischen Flusssystemen zeigt, wie viel Plastik an Land und in Gewässern verbleibt.

Der Rhein zählt zu Europas am stärksten mit Plastik belasteten Flusssystemen. © Pexels

Der Rhein zählt zu Europas am stärksten mit Plastik belasteten Flusssystemen. © Pexels

Der Rhein transportiert jedes Jahr gewaltige Wassermengen Richtung Nordsee. Mit der Strömung gelangen auch winzige Kunststoffteilchen flussabwärts. Doch ein erheblicher Teil des Mikroplastiks bleibt unterwegs zurück: an Ufern, in Sedimenten oder hinter Staudämmen. Laut einer neuen Modellrechnung hält kein anderes untersuchtes Flusssystem Europas so viel Mikroplastik zurück wie der Rhein. Das ergab eine Untersuchung von 8.671 europäischen Flusssystemen.

Ein internationales Forschungsteam um Miranda Stibora von der Wageningen University & Research (WUR) hat die Ergebnisse im Fachjournal Environmental Science & Technology veröffentlicht. Die Berechnungen liefern einen überraschenden Befund: Von den rund 3,55 Millionen Tonnen Plastik, die 2015 in die europäische Umwelt gelangten, erreichten lediglich 0,6 Prozent die Flussmündungen. Mehr als 93 Prozent blieben bereits an Land, weitere rund sechs Prozent innerhalb der Flusssysteme.

Auch Westoder und Weser gehören zu Europas am stärksten belasteten Flüssen

Beim Rhein bezieht sich der Spitzenplatz auf die gesamte berechnete Mikroplastikmenge, die innerhalb des Flusssystems zurückbleibt. Er sagt nichts darüber aus, wie viele Kunststoffteilchen sich in einem Liter Rheinwasser befinden. In der Gesamtwertung berücksichtigt das Forschungsteam vier Größen: den Transport und die Rückhaltung von Mikroplastik sowie von größeren Kunststoffteilen.

Neben dem Rhein finden sich zwei weitere deutsche Flusssysteme unter den ersten zehn. Die Rangliste fällt folgendermaßen aus:

  • Rhein: Platz 3 in der Gesamtwertung, Platz 1 bei der Rückhaltung von Mikroplastik.
  • Westoder: Platz 5 in der Gesamtwertung, Platz 6 bei der Rückhaltung von Mikroplastik.
  • Weser: Platz 7 in der Gesamtwertung, Platz 10 bei der Rückhaltung von Mikroplastik.

Europas Flüsse halten neunmal mehr Mikroplastik zurück

Insgesamt verbleiben laut Berechnung jährlich rund 226.400 Tonnen Plastik innerhalb der europäischen Flusssysteme. Davon entfallen 159.000 Tonnen auf Mikroplastik und 67.400 Tonnen auf größere Kunststoffteile. Die Menge des zurückgehaltenen Mikroplastiks übersteigt den Transport bis zu den Flussmündungen damit um das Neunfache. Bei größeren Plastikteilen beträgt das Verhältnis sogar 21 zu eins.

Allerdings gelangt längst nicht jeder Kunststoffabfall überhaupt in ein Gewässer. Wind und Regen können Plastik über Straßen, Felder und andere Flächen bewegen. Oft bleibt es jedoch an Pflanzen, Bodenunebenheiten oder anderen Hindernissen liegen. Für die Berechnung berücksichtigten die Wissenschaftler unter anderem folgende Plastikquellen:

  • Falsch entsorgter Kunststoffmüll: Rund 2,44 Millionen Tonnen größere Plastikteile gelangten laut den verwendeten Daten jährlich in die Umwelt.
  • Reifenabrieb: Etwa 930.000 Tonnen Kunststoffpartikel entstanden durch den Verschleiß von Autoreifen.
  • Kläranlagen: Rund 200.000 Tonnen Mikroplastik flossen als direkter Eintrag in die Berechnungen ein.

Hinzu kommen rund 20.000 Tonnen Mikroplastik aus nicht ordnungsgemäß entsorgten Kunststoffabfällen.

Ufer und Staudämme halten Plastik oft zurück

Innerhalb der Flüsse bestimmen vor allem Strömung, Uferbeschaffenheit und künstliche Hindernisse den weiteren Transport. Bei niedriger Wasserführung bewegen sich Kunststoffteile langsamer. In schmalen Gewässern kommen sie häufiger mit dem Flussbett und den Ufern in Kontakt. Staudämme können größere Mengen zurückhalten.

Auch die Entfernung zur Mündung beeinflusst, wie viel Plastik flussabwärts gelangt. Je länger der Weg durch das Gewässer, desto mehr Gelegenheiten bestehen für Ablagerungen. Große Flusssysteme wie der Rhein können deshalb erhebliche Kunststoffmengen aufnehmen, ohne sie vollständig bis zur Küste weiterzutransportieren.

Kleine Küstenflüsse transportieren überraschend viel Plastik

Anders sieht es bei manchen kleinen Küstenflüssen aus. Dort liegen Siedlungen oder andere Quellen der Plastikverschmutzung teilweise unmittelbar an der Mündung. Der Kunststoff gelangt über kurze Strecken ins Küstengebiet und passiert entsprechend weniger Hindernisse.

Nur 141 der 8.671 untersuchten Flusssysteme sind laut Modell für 80 Prozent des europäischen Mikroplastiktransports bis zu den Flussmündungen verantwortlich. Bei größeren Kunststoffteilen entfallen 80 Prozent auf 239 Flusssysteme. Kleinere Küstengewässer können damit einen erheblichen Anteil am Plastikeintrag in die Meeresregionen haben.

Hochwasser kann abgelagertes Plastik erneut fortspülen

Wie dauerhaft der Kunststoff in den Flüssen verbleibt, lässt sich aus den Berechnungen nicht ableiten. Bei Hochwasser können zuvor abgelagerte Plastikteile erneut mitgerissen werden. Auch Gezeiten beeinflussen den Transport in Mündungsgebieten. Beide Vorgänge sind im Modell bislang nicht ausreichend berücksichtigt.

Hinzu kommt eine weitere Einschränkung: Die Berechnungen erfassen nur ein einzelnes Jahr und berücksichtigen keine Anreicherung über längere Zeiträume. Wie viel Plastik sich inzwischen tatsächlich in europäischen Flüssen angesammelt hat, bleibt daher offen.

„Flüsse sind mehr als nur Verkehrswege, die Plastik ins Meer transportieren. Es ist an der Zeit, unsere Aufmerksamkeit auf das Plastik zu richten, das in unseren Flusssystemen zurückbleibt“, erklärt Studienleiterin Miranda Stibora. Besonders belastete Flussabschnitte könnten künftig gezielter von Plastikmüll befreit werden.

Kurz zusammengefasst:

  • Der Rhein hält mehr Mikroplastik zurück als jeder andere untersuchte Fluss Europas. Das ergab eine Modellrechnung für 8.671 europäische Flusssysteme auf Grundlage von Daten aus dem Jahr 2015.
  • Europas Flüsse halten neunmal mehr Mikroplastik zurück, als sie bis zu ihren Mündungen transportieren. Kunststoffteilchen sammeln sich unter anderem an Ufern, in Sedimenten und hinter Staudämmen.
  • Nur etwa 0,6 Prozent des Plastiks, das in die europäische Umwelt gelangt, erreichen die Flussmündungen. Der größte Teil bleibt bereits an Land, während Hochwasser abgelagertes Plastik später erneut fortspülen kann.

Übrigens: Forscher haben einen „lebenden Kunststoff“ entwickelt, der ohne Mikroplastik zerfallen soll. Eingebaute Bakteriensporen setzen auf ein Wärmesignal hin Enzyme frei, die das Material im Labor innerhalb weniger Tage abbauen.

Bild: © Pexels

What do you feel about this?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert