Pest in Russland – Wissenschaftler erklären, wie groß die Gefahr für Deutschland wirklich ist

Ein rätselhafter Todesfall weckt Sorgen vor der Pest in Russland. Wissenschaftliche Experten und die WHO halten das Risiko für Europa für gering, doch wichtige Fragen bleiben offen.

Ein mit dem Pestbakterium Yersinia pestis infizierter Floh unter dem Mikroskop. Flöhe können den gefährlichen Erreger von Nagetieren auf Menschen übertragen. Ob die verstorbene Forscherin in Russland tatsächlich an der Pest erkrankte, ist bislang ungeklärt. © Centers for Disease Control and Prevention (CDC) via Wikimedia Commons unter Public Domain.

Ein mit dem Pestbakterium Yersinia pestis infizierter Floh unter dem Mikroskop. Flöhe können den gefährlichen Erreger von Nagetieren auf Menschen übertragen. Ob die verstorbene Forscherin in Russland tatsächlich an der Pest erkrankte, ist bislang ungeklärt. © Centers for Disease Control and Prevention (CDC) via Wikimedia Commons unter Public Domain.

Eine 28-jährige Labormitarbeiterin stirbt in Sibirien an einer rätselhaften Lungenentzündung. Kurz darauf verbreiten sich Gerüchte über einen möglichen Ausbruch der Lungenpest. Die Frau arbeitete am Anti-Pest-Forschungsinstitut in Irkutsk, das gefährliche Krankheitserreger untersucht. Der Verdacht sorgt international für Besorgnis.

Auch gibt es mittlerweile Berichte über einen zweiten Mitarbeiter des Instituts, der ebenfalls an einer mysteriösen Lungenkrankheit erkrankt sein soll. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, schrieb auf seinem X-Account, die WHO habe von russischen Gesundheitsbehörden weitere Informationen angefordert, um die Ursache der schweren Lungenentzündung zu klären, die nun mutmaßlich einen weiteren Mitarbeiter des Labors betreffe. Ob die junge Forscherin in Russland überhaupt an der Pest starb, bleibt aktuell noch ungeklärt. Denn der Kreml spricht bisher lediglich von Fällen einer „Lungenentzündung unbekannter Ursache“.

Auch wenn die möglichen Pestfälle in Russland inzwischen auch die WHO beschäftigen, halten Wissenschaftler eine neue Pandemie für äußerst unwahrscheinlich, wie das Fachmagazin Nature in einem Interview mit einem Biosicherheitsexperten berichtet. Allerdings wirft der Umgang mit dem Vorfall Fragen zur internationalen Seuchenüberwachung auf.

Nur eine Lungenentzündung oder doch die Pest?

Nach Medienberichten könnten rund 200 Menschen am Forschungsinstitut Kontakt zur verstorbenen Mitarbeiterin gehabt haben. Sie sollen vorsorglich unter Quarantäne gestellt worden sein. Offiziell bestätigte Informationen über mögliche Ansteckungen liegen bislang jedoch nicht vor. Russlands Gesundheitsaufsicht erklärte, es habe am Institut „keinen Notfall“ gegeben. Die Wissenschaftlerin sei an einer Lungenentzündung „unbekannter Ursache“ gestorben.

Weitere Angaben folgten erst am 7. Oktober, fünf Tage nach dem Tod der Frau. Russische Behörden teilten mit, die Mitarbeiterin sei gegen die Pest geimpft gewesen. Außerdem hätten Tausende Untersuchungen weder bei ihr noch bei möglicherweise betroffenen Kontaktpersonen gefährliche Krankheitserreger nachgewiesen. Der Kreml wies Vorwürfe mangelnder Transparenz zurück. Nach eigenen Angaben informierte Russland die WHO entsprechend den üblichen Verfahren.

Warum Experten keine Pandemie erwarten

Trotz der offenen Fragen sieht Gregory Koblentz von der George Mason Universität nahe Washington kaum Anlass für weltweite Pandemieängste. Der Biosicherheitsexperte beschäftigt sich seit Jahren mit Sicherheitsrisiken in Forschungslaboren. Gegenüber Nature erklärt er, warum sich die heutige Situation grundlegend von den verheerenden Pestwellen des Mittelalters unterscheidet.

„Es gibt einen Grund, warum der Schwarze Tod vor 600 Jahren stattfand, als wir weder moderne Sanitärversorgung noch Hygiene oder moderne Medizin hatten“, sagt Koblentz. Heute seien die Voraussetzungen wesentlich besser. Der Pesterreger Yersinia pestis ist gut erforscht. Zudem stehen verschiedene Antibiotika zur Behandlung bereit. Auch existieren Impfstoffe gegen die Pest.

Pest bleibt auch heute eine schwere Erkrankung

Anders als beim Coronavirus handelt es sich bei der Pest nicht um einen neuartigen Krankheitserreger. Zu Beginn der Corona-Pandemie fehlten sowohl Kenntnisse über das neue Virus als auch geeignete Impfstoffe und antivirale Medikamente. Bei der Pest können Ärzte dagegen auf jahrzehntelange Forschung und bewährte Behandlungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Die WHO bewertete die Lage am 6. Oktober daher entsprechend zurückhaltend. Für die Bevölkerung von Irkutsk bestehe ein geringes Risiko. Im übrigen Russland falle es noch niedriger aus. Für Europa und andere Weltregionen sei die Gefahr äußerst gering. Die Lungenpest bleibt dennoch eine schwere Infektionskrankheit. Denn anders als andere Pestformen kann sie sich unter bestimmten Bedingungen durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch verbreiten.

Piero Olliaro, Infektionsmediziner an der Universität Oxford, mahnt deshalb in einer Stellungnahme des Science Media Centre mit Reaktionen wissenschaftlicher Experten zur Vorsicht. Die Informationen aus Sibirien seien weiterhin „unvollständig und in mancher Hinsicht widersprüchlich“. Typischerweise treten erste Beschwerden bereits nach ein bis zwei Tagen auf. Eine frühzeitige Antibiotikabehandlung kann Leben retten. Auch nach möglichem Kontakt mit dem Erreger können Ärzte vorsorglich Antibiotika verabreichen.

Darum wurden 200 Menschen überwacht

Für Malick Gibani vom Imperial College London wären laut Science Media Center umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen bei einem Pestverdacht daher durchaus nachvollziehbar. Bei einem möglichen Laborkontakt müssten die Behörden zunächst ermitteln, wer dem Erreger ausgesetzt gewesen sein könnte. Anschließend könnten Betroffene medizinisch überwacht, getestet oder vorübergehend isoliert werden.

Auch Zania Stamataki von der Universität Birmingham hält in derselben Stellungnahme eine sorgfältige Untersuchung für notwendig. Laborinfektionen mit Pesterregern seien selten, aber nicht ausgeschlossen. In Hochsicherheitslaboren schützen spezielle Luftfiltersysteme, Unterdruck und Sicherheitswerkbänke das Personal. Solche Einrichtungen benötigen strenge Kontrollen. Gerade deshalb müsse ein möglicher Zwischenfall gründlich aufgeklärt werden.

Warum die Pest in Sibirien erforscht wird

Das Bakterium Yersinia pestis komme in einigen Regionen der Erde in Afrika und Eurasien, darunter die westlichen Teile der USA, weiterhin natürlich vor und gelte dort als endemisch, ordnet Brendan Wren, Professor für mikrobielle Pathogenese an der London School of Hygiene & Tropical Medicine das Vorkommen des Pest-Erregers ein. Auch in Teilen Russlands zirkuliert der Erreger. Doch weil sich das Bakterium zwischen Menschen gewöhnlich nur begrenzt verbreitet, sieht auch er keinen Anlass für übermäßige Sorge.

Vor allem wild lebende Nagetiere tragen zur Verbreitung vonYersinia pestis bei. Das liefert jedoch immer noch genügend gute Gründe, ihn in spezialisierten Laboren zu untersuchen. Dort entwickeln Wissenschaftler beispielsweise Verfahren, mit denen sich Pestinfektionen früh erkennen lassen und um Impfstoffe und Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Russlands Biowaffenprogramm wirft dennoch Fragen auf

Im Zusammenhang mit dem Todesfall tauchten allerdings auch Gerüchte über mögliche Biowaffenforschung auf. Koblentz warnt davor, solche Behauptungen ohne Belege zu verbreiten. Ihm seien keine historischen Hinweise bekannt, die das Institut in Irkutsk mit dem russischen Biowaffenprogramm verbinden. Die Einrichtung diene der öffentlichen Gesundheitsvorsorge. Aus ihrer Arbeit mit gefährlichen Krankheitserregern lasse sich keine geheime Waffenforschung ableiten, erklärt der Biosicherheitsexperte im Nature-Interview.

Dennoch verweist Koblentz auf das frühere sowjetische Biowaffenprogramm, das Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion übernahm. Nach seiner Einschätzung modernisiert das Land seit etwa zehn Jahren entsprechende militärische Einrichtungen. Darin sieht der Experte einen Verstoß gegen das internationale Biowaffenübereinkommen von 1972, das die Entwicklung, Herstellung und Lagerung biologischer Waffen verbietet.

Für den Vorfall in Irkutsk bleibt dagegen vieles offen. Eine Pestinfektion der verstorbenen Forscherin ist bislang nicht bestätigt und auch ein Laborunfall gilt nicht als erwiesen. Stamataki, Professorin für Virusimmunologie und selbst Leiterin der Laboratorien der Sicherheitsstufe 3 der Universität Birmingham, erklärt, dass eine frühzeitige Meldung möglicher Infektionen eine schnelle Behandlung und die Eindämmung weiterer Fälle ermögliche. Voraussetzung dafür seien verlässliche Angaben über die Erkrankung und mögliche Kontakte.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Lungenpest bleibt trotz vorhandener Antibiotika und Impfstoffe weiterhin gefährlich: Die bakterielle Infektionskrankheit kommt noch heute in verschiedenen Teilen der Welt vor und kann unbehandelt rasch tödlich verlaufen.
  • Geringe Gefahr für Europa: Die WHO und wissenschaftliche Experten halten eine größere Ausbreitung für äußerst unwahrscheinlich, da der Pesterreger gut erforscht ist und sich die Krankheit mit Antibiotika behandeln lässt.
  • Offene Fragen zum Todesfall bleiben: Russische Behörden bestreiten einen Laborunfall und melden negative Tests. Experten fordern indessen mehr Transparenz, um mögliche Infektionsrisiken zuverlässig beurteilen zu können.

Übrigens: Gefährliche Tierseuchen wie die Vogelgrippe und die Afrikanische Schweinepest stellen Forscher vor große Herausforderungen – manche Erreger können sogar auf Menschen überspringen. Wie Wissenschaftler in elf Ländern solche Bedrohungen bekämpfen und neue Ausbrüche verhindern wollen, zeigt eine eindrucksvolle Filmreihe. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Centers for Disease Control and Prevention (CDC) via Wikimedia Commons unter Public Domain.

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