Viele Gletscher verschwinden noch zu unseren Lebzeiten – neue Karte zeigt wann

Eine neue Karte schätzt, wann einzelne Gletscher verschwinden könnten. Besonders in den Alpen läuft der Verlust bereits.

Chamonix liegt unmittelbar unter den Gletschern des Mont-Blanc-Massivs. Gerade in den Alpen könnten viele dieser Eisflächen noch in diesem Jahrhundert verschwinden.

Chamonix liegt unmittelbar unter den Gletschern des Mont-Blanc-Massivs. Gerade in den Alpen könnten viele dieser Eisflächen noch in diesem Jahrhundert verschwinden. © Pexels

Gletscher sind keine ewigen Eisberge. Sie wachsen, schrumpfen und reagieren empfindlich darauf, wie warm es über Jahre und Jahrzehnte wird. In den Alpen läuft dieser Prozess inzwischen so schnell, dass manche Gletscher noch zu Lebzeiten heutiger Wanderer verschwinden könnten.

Wie viel Zeit ihnen bleibt, lässt sich jetzt für einzelne Gletscher nachsehen. Wissenschaftler der ETH Zürich und der Vrije Universiteit Brussel haben den Global Glacier Extinction Explorer veröffentlicht. Die interaktive Karte enthält Projektionen für Gletscher auf der ganzen Welt und zeigt, ungefähr wann sie unter unterschiedlichen Erwärmungsszenarien verschwinden könnten.

Die Grundlage dafür bilden Berechnungen aus einer Studie in Nature Climate Change. Die Forscher modellierten die Entwicklung von mehr als 200.000 Gletschern mit drei unterschiedlichen globalen Gletschermodellen. Als verschwunden gilt ein Gletscher dabei, wenn seine Fläche unter 0,01 Quadratkilometer fällt oder weniger als ein Prozent seines ursprünglichen Volumens übrig bleibt.

Bei einigen Gletschern wird aus der Prognose bereits Realität

Wie nah diese Zukunft teilweise ist, lässt sich derzeit in der Schweiz beobachten. Der Bella-Tola-Gletscher bei Saint-Luc wurde im August 2026 offiziell für verschwunden erklärt. Auch der Urirotstock-Gletscher gilt inzwischen als verloren.

Besonders bemerkenswert ist Bella Tola: Die Modelle hatten sein Verschwinden auf den Zeitraum 2026 bis 2029 datiert. Damit fiel das reale Ende direkt in das errechnete Zeitfenster.

„Unsere Projektionen zeigten, dass viele kleine Alpengletscher sich dem Ende ihres Lebens nähern – und nun beobachten wir diesen Prozess in Echtzeit“, sagt Studienleiter Lander Van Tricht von ETH Zürich.

Ein einzelner heißer Sommer lässt einen Gletscher allerdings nicht plötzlich verschwinden. Dahinter stehen meist Jahrzehnte, in denen im Winter zu wenig neues Eis aufgebaut wird und im Sommer mehr Masse abschmilzt, als hinzukommt. Extremjahre können lediglich den letzten Schritt beschleunigen.

In den Alpen könnte mehr als die Hälfte bald verschwunden sein

Besonders schnell trifft es Regionen mit vielen kleinen Gletschern. Dazu gehören die europäischen Alpen. Nach den Modellrechnungen könnten dort mehr als 50 Prozent der heutigen Gletscher innerhalb von rund zwei Jahrzehnten verschwinden.

Weltweit hängt das Tempo stark davon ab, wie weit sich die Erde erwärmt:

  • Bei 1,5 Grad Erwärmung könnten um 2041 etwa 2.000 Gletscher pro Jahr verschwinden.
  • Bei vier Grad Erwärmung verschiebt sich der Höhepunkt in die 2050er-Jahre. Dann könnten zeitweise fast 4.000 Gletscher jährlich verloren gehen.
  • Das wären drei- bis fünfmal so viele wie heute modelliert.

Danach sinkt die Zahl der jährlich verschwindenden Gletscher wieder. Das wäre jedoch kein Zeichen einer Erholung: Viele kleine und empfindliche Gletscher wären dann bereits verschwunden.

Selbst mittelgroße Gletscher wie der Rhônegletscher könnten stark schrumpfen. Im Extremfall bleiben bis 2100 nur noch rund 20 Gletscher in den Alpen übrig. © ETH Zurich / Chair of Glaciology
© ETH Zurich / Chair of Glaciology Selbst mittelgroße Gletscher wie der Rhônegletscher könnten stark schrumpfen. Im Extremfall bleiben bis 2100 nur noch rund 20 Gletscher in den Alpen übrig. © ETH Zurich / Chair of Glaciology

Wie viele Gletscher 2100 noch existieren könnten

Entscheidend ist, wie stark sich die Erde weiter erwärmt. Bei 1,5 Grad könnten bis 2100 noch annähernd 50 Prozent der heutigen Gletscher existieren. Bei etwa 2,7 Grad bleiben nach den Berechnungen nur rund 20 Prozent übrig. Bei vier Grad wären es weniger als zehn Prozent.

Für Mitteleuropa sind die Aussichten noch drastischer. Ausgangspunkt der Modelle sind dort knapp 3.200 Gletscher. Bei 1,5 Grad blieben bis 2100 rund 426 erhalten, bei 2,7 Grad noch etwa 110 und bei vier Grad lediglich rund 20.

Die auf der neuen Karte angegebenen Jahreszahlen sind dennoch keine Termine im Kalender. Größe, Höhenlage, Geländeform und lokales Klima beeinflussen jeden Gletscher unterschiedlich. Auch die künftige Erwärmung ist nicht exakt vorhersehbar.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine neue interaktive Karte schätzt für einzelne Gletscher weltweit, wann sie verschwinden könnten.
  • In den Alpen könnten mehr als die Hälfte der Gletscher bereits innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte verloren gehen.
  • Die Jahreszahlen sind Modellprojektionen; wie viele Gletscher überleben, hängt stark von der weiteren Erderwärmung ab.

Übrigens: Gletscher können ihre Umgebung mit kalter Luft selbst kühlen – doch dieser Schutzmechanismus verliert mit schrumpfender Eismasse an Wirkung. Warum das den Gletscherschwund zusätzlich beschleunigen kann, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

What do you feel about this?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert