Oktopus gegen Blaukrabbe: Italien setzt hunderttausende Tiere in der Adria aus

Italien setzt bis zu 150.000 junge Oktopusse aus. Sie sollen helfen, die invasive Blaukrabbe in der Adria einzudämmen.

Die invasive Blaukrabbe breitet sich in der Adria rasant aus. Mit kräftigen Scheren knackt sie Muscheln und setzt Fischerei und Aquakultur unter Druck.

Die invasive Blaukrabbe breitet sich in der Adria rasant aus. Mit kräftigen Scheren knackt sie Muscheln und setzt Fischerei und Aquakultur unter Druck. © James St. John via Wikimedia unter CC BY-SA 2.0

Die Blaukrabbe frisst Muschelbänke leer, vermehrt sich rasant und setzt Fischerei und Aquakultur an der Adria unter Druck. Italien testet deshalb einen ungewöhnlichen biologischen Gegenspieler: junge Oktopusse. Oktopus gegen Blaukrabbe heißt die Idee hinter dem Experiment in Emilia-Romagna – ein heimischer Räuber soll helfen, die invasive Art zurückzudrängen.

Das Projekt „Octo-Blu“ läuft seit 2024 und wird von der Region Emilia-Romagna gemeinsam mit der Università di Bologna getragen. Die Wissenschaftler züchteten dafür Gemeine Oktopusse (Octopus vulgaris) unter kontrollierten Bedingungen und bereiteten ihre Aussetzung im Meer vor. Erste Jungtiere kamen im Juni 2026 nahe künstlicher Unterwasserbarrieren vor Riccione ins Wasser, weitere folgten im August vor Cesenatico. Jetzt soll sich im offenen Meer zeigen, ob genügend Oktopusse überleben und tatsächlich so viele Blaukrabben erbeuten, dass sich deren Bestand messbar verändert.

Oktopus gegen Blaukrabbe wird jetzt im Meer erprobt

Dem Freilandversuch gingen fast zwei Jahre Arbeit voraus. Die Wissenschaftler untersuchten die Blaukrabben und entwickelten zugleich Verfahren, um Oktopusse unter kontrollierten Bedingungen zu halten und zu vermehren. Nach erfolgreichen Eiablagen und dem Schlüpfen der Jungtiere konnte das Experiment vom Labor in die Adria wechseln. Nach Angaben von Projektforscher Antonio Casalini sollen bis Ende August insgesamt 100.000 bis 150.000 junge Oktopusse ausgesetzt werden.

Projektleiter Oliviero Mordenti sieht im Oktopus einen möglichen natürlichen Gegenspieler. „Der Oktopus ist ein Räuber, der zur Kontrolle besonders zahlreicher Arten beitragen kann“, erklärt der Professor der Università di Bologna. Er habe deshalb eine wichtige ökologische Funktion bei der Regulierung mariner Nahrungsketten. Noch handelt es sich jedoch um einen Versuch. Ob genügend Jungtiere überleben und später tatsächlich ausreichend Blaukrabben fressen, ist nicht geklärt.

Die Blaukrabbe frisst sich durch Muschelbestände

Wie schwierig dieser Gegner zu kontrollieren ist, belegt die aktuelle Arbeit von Casalini, Mordenti und weiteren Kollegen der Uni Bologna. Die Blaukrabbe stammt ursprünglich von der Westküste des Atlantiks, wo ihr natürliches Verbreitungsgebiet von Kanada bis nach Südamerika reicht. In der nördlichen Adria wurde sie 1949 erstmals bei Grado im Golf von Venedig dokumentiert; vermutlich gelangte sie mehrfach mit dem Ballastwasser von Schiffen ins Mittelmeer. Lange blieb sie dort vergleichsweise unauffällig, bevor sich ihre Bestände vor allem seit den 2000er-Jahren deutlich ausbreiteten. Die invasive Art hat sich inzwischen in weiten Teilen des Mittelmeers etabliert. In der nördlichen Adria bedroht sie vor allem wirtschaftlich wichtige Muschelbestände.

Für die Untersuchung sammelte das Team Blaukrabben unter anderem im Bevano-Delta südlich von Ravenna und bei Cesenatico. Insgesamt gelangten 250 Tiere für die Versuche in die Anlagen der Universität. Dort bekamen sie unter kontrollierten Bedingungen unter anderem Manila-Muscheln und Mittelmeer-Miesmuscheln als Nahrung.

Im Bevano-Delta und bei Cesenatico fingen die Forscher die Blaukrabben für ihre Versuche. Die Karte zeigt die beiden Fangorte an der nördlichen Adriaküste. © Studie
© Casalini et al., 2026 / Animals / CC BY 4.0 Im Bevano-Delta und bei Cesenatico fingen die Forscher die Blaukrabben für ihre Versuche. Die Karte zeigt die beiden Fangorte an der nördlichen Adriaküste. © Casalini et al., 2026 / Animals / CC BY 4.0

Bei 25 bis 28 Grad fressen die Krabben besonders viel

Die Krabben kamen mit beiden Muschelarten gut zurecht. Besonders viel verwertbare Nahrung erhielten sie aus Miesmuscheln. Bei gemischter Kost unterschieden sich die Stückzahlen der gefressenen Muscheln kaum. Die aufgenommene essbare Biomasse war bei Miesmuscheln jedoch deutlich höher.

Auch die Wassertemperatur beeinflusste den Appetit. Die höchste Nahrungsaufnahme registrierten die Wissenschaftler bei 25 bis 28 Grad Celsius. Bei niedrigeren Temperaturen sank sie. Oberhalb dieses Bereichs ging sie ebenfalls zurück. Die Blaukrabbe kann dadurch gerade in warmen Küstengewässern einen erheblichen Fraßdruck auf Muschelbestände ausüben. Die Laborwerte lassen sich allerdings nicht eins zu eins auf die Adria übertragen. Sediment, Verstecke und die Erreichbarkeit der Muscheln verändern das Verhalten im offenen Wasser.

Ein Weibchen produziert im Mittel 1,6 Millionen Eier

Noch schwieriger macht die Bekämpfung die enorme Fortpflanzungsfähigkeit. Bei 20 Weibchen mit Eiern ermittelten die Forscher im Mittel rund 1,6 Millionen Eier pro Tier. Einzelne Weibchen kamen auf bis zu 2,7 Millionen Eier. Größere Tiere produzierten tendenziell besonders viele. Zusammen mit der flexiblen Ernährung schafft diese hohe Fruchtbarkeit gute Voraussetzungen dafür, dass sich die invasive Art in neu besiedelten Gebieten festsetzt und weiter ausbreitet.

Gegen diese Ausbreitung der Blaukrabbe sollen die Oktopusse nun antreten. Die Forscher stärken dabei keine fremde Art, sondern einen Räuber, der natürlicherweise in der Adria vorkommt. Allerdings beginnt ein junger Oktopus sein Leben besonders verwundbar. Die winzigen Tiere treiben zunächst frei im Wasser und stehen selbst auf dem Speiseplan vieler Fische.

Jetzt entscheidet das Überleben der jungen Oktopusse

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Oktopusse finden besonders auf strukturiertem Meeresboden Schutz. Große Bereiche der Adriaküste vor Emilia-Romagna bestehen dagegen aus sandigem Untergrund. Künstliche Unterwasserstrukturen sollen ihnen deshalb Rückzugsmöglichkeiten bieten. Die ersten Freisetzungen im Juni fanden bewusst in der Nähe solcher Barrieren statt.

In den kommenden Monaten wollen die Wissenschaftler gemeinsam mit Fischern beobachten, wie sich die Oktopusbestände entwickeln. Erst dann lässt sich beurteilen, ob Oktopus gegen Blaukrabbe mehr ist als eine biologisch plausible Idee. Entscheidend ist nicht allein, wie viele Jungtiere ins Meer gelangen. Genügend von ihnen müssen überleben, heranwachsen und dort auf Blaukrabben treffen. Die invasive Art bringt dabei einen erheblichen Vorsprung mit: Sie frisst flexibel, verträgt unterschiedliche Umweltbedingungen und kann mit jeder Brut Millionen Nachkommen produzieren.

Kurz zusammengefasst:

  • Italien testet in der Adria, ob heimische Oktopusse als natürliche Fressfeinde helfen können, die invasive Blaukrabbe einzudämmen.
  • Die Blaukrabbe frisst Muscheln, ist bei 25 bis 28 Grad besonders aktiv und produziert im Mittel rund 1,6 Millionen Eier pro Weibchen.
  • Ob die Aussetzung wirkt, ist noch offen: Entscheidend ist, wie viele junge Oktopusse überleben, heranwachsen und tatsächlich genügend Blaukrabben erbeuten.

Übrigens: Die Ausbreitung invasiver Arten wie der Blaukrabbe ist nur eine von mehreren Veränderungen, die das Mittelmeer derzeit unter Druck setzen. Steigende Temperaturen, schwindende Seegraswiesen und Küstenerosion kommen hinzu – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © James St. John via Wikimedia unter CC BY-SA 2.0

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