Wissenschaftler „entrollen“ und lesen eine Papyrusrolle, die vor fast 2.000 Jahren bei einem Vulkanausbruch verbrannte
KI macht verbrannte Schriftrollen von Herculaneum lesbar: Darin stehen neue antike Texte über Philosophie und Götter.
Eine der verkohlten Herculaneum-Schriftrollen wird gescannt: Röntgenbilder und KI machen die antiken Texte sichtbar, ohne den brüchigen Papyrus zu öffnen. © EduceLabs
Ein verkohlter Papyrus, kaum acht Zentimeter hoch, liegt seit Jahrhunderten wie ein schwarzer Klumpen in einer Sammlung in Neapel. Öffnen lässt er sich nicht mehr. Jeder Griff könnte zerstören, was der Vesuv im Jahr 79 nach Christus zwar verbrannte, aber zugleich konservierte. Nun haben Forscher eine Schriftrolle aus Herculaneum virtuell entrollt und große Teile ihres Inhalts wieder lesbar gemacht.
Die University of Kentucky spricht von einem historischen Schritt für die Erforschung der Herculaneum-Schriftrollen. Das Team um Brent Seales nutzte hochauflösende Röntgenbilder, künstliche Intelligenz und digitale Rekonstruktionen. So gelang es, die erhaltenen Teile der Rolle PHerc. 1667 sichtbar zu machen. Auf der Oberfläche kamen fast 1,5 Meter Text zum Vorschein, verteilt auf rund 20 Spalten.
KI legt uralte Schrift frei
Die Rolle stammt aus Herculaneum, einer antiken Stadt am Golf von Neapel. Der Vesuvausbruch begrub sie zusammen mit Pompeji unter Asche und Gestein. In einer Villa wurden im 18. Jahrhundert Hunderte Papyrusrollen gefunden. Viele von ihnen sind so stark verkohlt, dass sie äußerlich eher an Holzkohle erinnern als an Bücher.
Frühere Versuche, solche Rollen mechanisch zu öffnen, richteten oft schwere Schäden an. Auch PHerc. 1667 galt lange als praktisch unlesbar. In den 1980er-Jahren sahen Fachleute nur einzelne Buchstaben. Überlagerte Schichten verdeckten den Text. Die Lesbarkeit wurde damals mit null bewertet. „Jetzt können wir zusammenhängende Gedankengänge über mehrere Spalten hinweg verfolgen“, sagt Federica Nicolardi von der Universität Neapel Federico II.

Herculaneum-Schriftrollen sprechen wieder
Die Wissenschaftler öffneten die Rolle nicht mit Werkzeugen. Sie scannten das Innere mit intensiver Röntgenstrahlung. Dafür kamen internationale Großanlagen zum Einsatz, darunter Diamond Light Source in Großbritannien und die European Synchrotron Radiation Facility im französischen Grenoble. Die Scans lieferten dreidimensionale Ansichten der verkohlten Papyruslagen.
Aus diesen Daten berechneten Spezialisten die verschlungenen Schichten der Rolle. Künstliche Intelligenz half anschließend, Spuren von Tinte zu erkennen. Das ist besonders schwierig, weil die Tinte und der verkohlte Papyrus chemisch ähnlich wirken können. Die University of Kentucky hatte über Jahre an solchen Verfahren gearbeitet. Daraus entstand später die Vesuvius Challenge: ein weltweiter Wettbewerb, bei dem Fachleute und Freiwillige gemeinsam versuchen, die verkohlten Rollen digital lesbar zu machen.
Verlorene Philosophie wird greifbar
Der Inhalt von PHerc. 1667 führt offenbar in die Welt der hellenistischen Philosophie. Die Schrift könnte aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stammen, vielleicht sogar aus dem späten 3. Jahrhundert vor Christus. Damit gehört sie zu den ältesten Rollen der Sammlung. Titel und Autor sind noch nicht sicher bekannt.
Die Textstellen behandeln Ethik, Kunst und menschliches Verhalten. Nach Einschätzung des papyrologischen Teams erinnert vieles an stoisches Denken. Eine mögliche Spur führt zu Chrysippus, einem wichtigen Vertreter der Stoa. Von seinen eigenen Werken ist heute nur wenig erhalten. Ein neuer Text aus seinem Umfeld wäre für die Altertumsforschung deshalb besonders wertvoll.
Ein Satz führt mitten in die Antike
In einer Passage heißt es übersetzt: „Wir werden etwas untersuchen, aber wir werden es nicht erfassen, wenn wir uns in irgendeiner Weise von uns selbst und unserer eigenen Natur entfernen.“ Die Fachleute deuten diese Stelle im Zusammenhang mit Vernunft, menschlicher Natur und moralischer Orientierung. Solche Begriffe waren für die stoische Philosophie zentral.
Auch andere Begriffe tauchen auf. Der Text spricht von „Impuls“, also dem inneren Antrieb zum Handeln, und von „praktischer Weisheit“. Gemeint ist die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen und Tugenden von Lastern zu unterscheiden. Damit liefert die Rolle nicht nur einzelne Wörter, sondern längere Argumente. So werden wieder zusammenhängende Gedankengänge sichtbar, statt nur einzelne Bruchstücke.
Philodemus taucht erneut auf
Neben PHerc. 1667 meldete das Team weitere Funde. In einer anderen virtuell entrollten Rolle, PHerc. 139, konnten Papyrologen einen Titel lesen: Philodemus, „Über die Götter“, Buch 8. Philodemus war ein griechischer Philosoph, dessen Texte in der Herculaneum-Bibliothek besonders häufig vertreten sind.
Dieser Fund verändert den Blick auf sein Werk. Bislang war von „Über die Götter“ nur das erste Buch bekannt. Die neue Lesung belegt, dass die Reihe mindestens acht Bücher umfasste. In den neu sichtbaren Abschnitten erscheinen Begriffe wie Vorsehung, Gott, unsichtbare Wesen, Natur, Lebewesen und Zukunft. Daraus entsteht ein genaueres Bild davon, wie Philodemus über Götter, Weltordnung und epikureische Theologie schrieb.
Mehr als 600 Rollen bleiben verschlossen
Die Datenmengen hinter dem Projekt sind enorm. Einzelne Scans erreichten bis zu 300 Terabyte pro Rolle. Daraus entstanden besonders genaue dreidimensionale Karten der verkohlten Papyrusobjekte. Für die Fachleute beginnt danach die nächste Arbeit: Sie müssen Buchstaben prüfen, Wörter ergänzen, Lesarten vergleichen und die Texte historisch einordnen.
Mehr als 600 Herculaneum-Schriftrollen sind weiterhin ungeöffnet. Jede von ihnen könnte unbekannte Werke enthalten. Seales beschreibt die Lage mit einem Satz, der den Kern des Projekts trifft: „Heute hören wir Stimmen, die 2000 Jahre lang verstummt waren.“ Aus schwarzen, zerbrechlichen Rollen werden wieder Texte. Und aus technischen Bildern entstehen Sätze, die seit der Antike niemand mehr gelesen hat.
Kurz zusammengefasst:
- Die Schriftrollen von Herculaneum wurden beim Vesuvausbruch vor fast 2000 Jahren verkohlt und blieben lange unlesbar, weil sie beim Öffnen zerfallen könnten.
- Forscher machten Teile der Rollen mit Röntgenscans, KI und virtueller Entrollung lesbar, ohne die empfindlichen Papyrusrollen mechanisch zu öffnen.
- In den Texten finden sich antike philosophische Inhalte über Ethik, menschliches Verhalten und Götter; bei einer Rolle sind Autor und Titel aber noch nicht sicher bekannt.
Übrigens: Während verbrannte Herculaneum-Schriftrollen wieder lesbar werden, hat auch ein verkohlter Fund in der Schweiz die Zeit überdauert – ein römisches Brot, das nach fast 2000 Jahren noch immer seine Form erkennen lässt. Was der seltene Fund über Soldaten, Lagerküchen und den Alltag im antiken Vindonissa verrät, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © EduceLabs
