Sultan Kösen ist der größte Mensch der Welt – warum ihm jeder Schritt schwerfällt
Mit 2,51 Metern ist Sultan Kösen der größte Mensch der Welt – eine Analyse zeigt jetzt, warum ihm Gehen so große Probleme bereitet.
Prof. Dr. Kiros Karamanidis untersucht den Gang von Sultan Kösen, dem größten Menschen der Welt, um die Ursache seiner Gehprobleme besser zu verstehen. © London South Bank University
Mit 2,51 Metern gilt Sultan Kösen laut Guinness World Records als größter lebender Mensch. Seine außergewöhnliche Körpergröße belastet ihn im Alltag allerdings stark, besonders beim Gehen. Seit Jahren leidet er unter chronischen Kniebeschwerden, einem erhöhten Sturzrisiko und schmerzhaften Bewegungen.
Lange schien die Erklärung einfach: Wer so groß ist, belastet Knie und Gelenke automatisch stärker. Eine biomechanische Analyse zeigt nun jedoch, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Die eigentliche Ursache liegt oft tiefer – im Fuß, im Sprunggelenk und in einer geschwächten Wadenmuskulatur.
Warum der größte Mensch der Welt leichter stolpert
Für eine umfassende klinische und biomechanische Untersuchung reiste Sultan Kösen nach London. Dort analysierte ein Forschungsteam der Universität Koblenz gemeinsam mit der London South Bank University seinen Gang bis ins Detail. Die Untersuchung war Teil der Channel-4-Dokumentation „The World’s Tallest Man: The Next Chapter“.
Geleitet wurde das Team von Prof. Dr. Kiros Karamanidis vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Koblenz. Mit dabei waren außerdem Dr. Gaspar Epro und Mateus Albuquerque Placido von der London South Bank University. Unterstützt wurden sie von Studierenden der Sport- und Bewegungswissenschaften.
Die Forscher arbeiteten mit optischem Motion-Capture, Kraftmessungen und Ultraschall. Untersucht wurden vor allem Füße, Sprunggelenke, Waden, Knie und Hüfte. Dabei zeigte sich: Nicht allein die außergewöhnliche Körpergröße erschwert das Gehen. Vor allem das Sprunggelenk arbeitet eingeschränkt.
Seine Füße sind etwa 36,5 Zentimeter lang. Das entspricht ungefähr Schuhgröße 61. Diese Länge verändert die Hebelkräfte bei jedem Schritt. Der Fuß rollt anders ab, der Körper braucht deutlich mehr Kraft für dieselbe Bewegung.
Die Wade liefert zu wenig Schub
Beim normalen Gehen entsteht ein großer Teil des Vortriebs im Sprunggelenk. Der Fuß drückt sich vom Boden ab, die Wade liefert Kraft und der Körper bewegt sich nach vorn. Dieser Ablauf funktioniert bei Sultan Kösen schlechter.
Die Wadenmuskulatur ist geschwächt. Fachleute sprechen von Muskelatrophie. Gemeint ist: Der Muskel liefert weniger Kraft als nötig. Der sogenannte Push-off, also der Abstoß vom Boden, fällt schwächer aus. Das hat direkte Folgen:
- Der Körper kommt schwerer nach vorn
- Der andere Fuß hebt sich schlechter an
- Das Risiko zu stolpern steigt deutlich
Bei einem Menschen mit 2,51 Metern Körpergröße kann schon ein kleiner Stolperer gefährlich werden. Wenn Sultan Kösen ein Bein nach vorn setzt, muss der andere Fuß kurz vom Boden abheben und nach vorn schwingen. Gelingt dieses Anheben nicht hoch genug, kann die Fußspitze am Boden hängen bleiben. Dadurch steigt das Risiko, ins Stolpern zu geraten oder zu stürzen.
Knie und Hüfte müssen ausgleichen
Wenn das Sprunggelenk zu wenig Kraft liefert, übernehmen Knie und Hüfte mehr Arbeit. Sie helfen, den Körper weiter nach vorn zu bewegen. Das entlastet den Fuß zunächst, erhöht aber den Druck auf andere Gelenke.
Besonders das Knie kann darunter leiden. Laut Prof. Karamanidis und seinem Team steht vor allem der innere Bereich des Kniegelenks stärker unter Belastung. Das könnte ein Grund für Kösens chronische Kniebeschwerden sein.
Auch wenn der Fall des größten Menschen der Welt außergewöhnlich ist, betrifft das Grundprinzip viele andere mit normaler Größe: Schmerzen entstehen nicht immer dort, wo das eigentliche Problem beginnt. Wer häufig stolpert, unsicher läuft oder immer wieder Knieschmerzen hat, sollte deshalb auch auf Fuß, Sprunggelenk und Wadenmuskulatur schauen.
Dabei sind drei Fragen besonders hilfreich:
- Rollt der Fuß beim Gehen sauber ab?
- Ist das Sprunggelenk beweglich genug?
- Hat die Wade genug Kraft für den Abstoß?
Schon kleine Einschränkungen können den gesamten Gang verändern. Der Körper gleicht das oft lange aus. Beschwerden treten dann später auf, häufig im Knie oder in der Hüfte.
Größter Mensch der Welt liefert wichtige Erkenntnisse zum Gehen
Für Sultan Kösen haben die Ergebnisse einen direkten medizinischen Nutzen. Sein Behandlungsteam kann nun genauer erkennen, warum ihm das Gehen schwerfällt und welche Muskeln und Gelenke besonders belastet werden. Das kann helfen, seine Rehabilitation gezielter zu planen und seine Beweglichkeit langfristig zu verbessern.
Auch wissenschaftlich ist die Untersuchung ungewöhnlich. Sie war eine der detailliertesten kombinierten Muskel-Sehnen- und Ganganalysen bei einem Menschen mit solch außergewöhnlichen Körpermaßen. Mit den Ergebnissen wird besser verständlich, wie sich Kraft, Gleichgewicht und Bewegungssteuerung verändern, wenn der Körper weit außerhalb üblicher Proportionen liegt.
Kurz zusammengefasst:
- Der größte Mensch der Welt hat Gehprobleme nicht nur wegen seiner Körpergröße, sondern vor allem durch ein schwächeres Sprunggelenk, lange Fußhebel und eine geschwächte Wadenmuskulatur.
- Weil der Abstoß beim Gehen schlechter funktioniert, müssen Knie und Hüfte mehr Arbeit übernehmen, was das Sturzrisiko erhöht und das Knie dauerhaft stärker belastet.
- Der Fall von Sultan Kösen zeigt: Knieschmerzen beginnen oft nicht im Knie selbst, sondern können ihre Ursache im Fuß, im Sprunggelenk oder in der Wadenmuskulatur haben.
Übrigens: Auch ein knackendes Knie bedeutet nicht automatisch Arthrose oder Verschleiß – oft steckt dahinter ein harmloses Alltagsgeräusch statt ein ernstes Gelenkproblem. Wann Knacken normal ist und bei welchen Warnzeichen Ärzte genauer hinschauen sollten, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © London South Bank University
