CEO wird man nicht mehr unter 50 – warum künftige Topmanager einen langen Atem brauchen
CEOs werden immer älter, bevor sie die Spitze erreichen, weil Unternehmen stärker auf Erfahrung und breite Führungskompetenz setzen.
Wer heute CEO wird, hat oft bereits viele Stationen in verschiedenen Unternehmen und Branchen durchlaufen, bevor der Schritt an die Spitze gelingt. © Pexels
Eine steile Karriere verläuft offenbar langsamer, als es früher der Fall war. Beförderungen brauchen Zeit, Führungsrollen werden vorsichtiger vergeben und Unternehmen prüfen genauer, wem sie große Verantwortung übertragen. Besonders deutlich zeigt sich das ganz oben in der Chefetage der Wirtschaft, bei den Chief Executives, den Geschäftsführern großer Unternehmen: CEOs werden im Durchschnitt immer älter, weil der Weg an die Spitze länger dauert.
Der klassische Aufstieg mit Ende 40 wird zunehmend seltener. Stattdessen übernehmen viele erst mit Mitte 50 den Chefsessel. Der Grund liegt nicht einfach daran, dass Menschen heute länger arbeiten oder später in Rente gehen. Unternehmen suchen heutzutage mehr Erfahrung, breiteres Branchenwissen und einen sicheren Umgang mit Krisen und Unsicherheit.
Das ergab eine Untersuchung der Ökonomen Valentin Kecht und Professor Farzad Saidi von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, die diesen Wandel gemeinsam mit Alessandro Lizzeri von der Princeton University analysierten.
Europa folgt dem Trend zu mehr Erfahrung
Zwischen 2000 und 2023 stieg das Alter zum Zeitpunkt der Ernennung zum CEO in den USA deutlich an. Früher lag es bei etwa 48 Jahren, heute sind es rund 55 Jahre. Das Durchschnittsalter aller CEOs liegt inzwischen sogar bei etwa 61 Jahren.
Ein ähnlicher Trend zeigt sich auch in Europa. In einer Stichprobe aus 19 Ländern, darunter Deutschland, war das Alter von CEOs ebenfalls gestiegen. Das Phänomen beschränkt sich also nicht auf die USA.
Besonders auffällig: Dieser Altersanstieg ist den Forschungsergebnissen nach etwa fünfmal stärker als bei akademisch ausgebildeten Beschäftigten insgesamt. Es ist also kein demografischer Effekt, weil alle Arbeitnehmer älter werden. Die Forscher beziffern den Einfluss durch den demografischen Wandel nur auf rund 1,9 Jahre. Den größeren Ausschlag in der Entwicklung geben neue Erwartungen an Führungskräfte. Professor Saidi sagt dazu:
Die Rolle von CEOs ist komplexer geworden und damit auch die Anforderungen an ihre Erfahrung.
Firmen suchen heute Generalisten
Früher reichte oft ein klarer Aufstieg im Unternehmen. Wer intern schnell Karriere machte, galt als ideal für die Spitze. Heute zählt häufiger etwas anderes: breite Erfahrung. Künftige CEOs arbeiten im Laufe ihrer Karriere in mehreren Unternehmen, übernehmen verschiedene Aufgaben und wechseln häufiger sogar die Branche. Vor ihrer Ernennung sammeln sie heute rund zehn Jahre mehr externe Berufserfahrung als noch im Jahr 2000. Das macht den Weg an die Spitze länger, die Führungskräfte dafür aber auch wertvoller.
Die Zeit, die künftige CEOs in dem Unternehmen verbringen, an dessen Spitze sie später stehen, bleibt dagegen fast gleich. Entscheidend ist also nicht nur Loyalität, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und unter Unsicherheit gute Entscheidungen zu treffen.
Für ihre Analyse wertete das Team Daten von mehr als 50.000 CEOs aus. Dazu kamen Informationen aus BoardEx, LinkedIn und Unternehmensdaten aus Compustat. So konnten die Forscher Karrierewege und Auswahlprozesse genauer nachvollziehen.
Kleine Firmen treiben den Trend besonders stark
Vor allem kleinere Unternehmen sorgen dafür, dass CEOs heute älter sind. Große Konzerne fördern ihre Führungskräfte häufiger intern. Dort wechseln Manager durch verschiedene Abteilungen und entwickeln sich Schritt für Schritt. Kleinere Firmen haben dafür oft weniger Möglichkeiten. Sie holen sich ihre Chefs deshalb häufiger von außen. Gesucht werden Kandidaten, die bereits viele Stationen hinter sich haben und schnell Verantwortung übernehmen können.
Deshalb steigt dort das Durchschnittsalter der Topmanager besonders stark an. Die Forscher beschreiben, dass dieser Trend vor allem außerhalb der größten börsennotierten Unternehmen sichtbar ist. Der junge Senkrechtstarter wird seltener.
Der Karriereweg wird länger – und teurer
Wer heute an die Spitze will, plant oft anders als früher. Ein schneller Aufstieg ist nicht mehr automatisch der beste Weg. Viele Manager wechseln bewusst häufiger den Job, selbst wenn das kurzfristig weniger Gehalt bedeutet.
Ein Schritt zurück kann später einen großen Sprung nach vorne bedeuten. Wer mehr Verantwortung übernimmt oder international Erfahrung sammelt, verbessert oft seine Chancen auf eine Spitzenposition. Typisch sind zum Beispiel:
- Wechsel in eine andere Branche
- ein neuer Job mit weniger Titel, aber mehr Verantwortung
- Erfahrungen in internationalen Teams
- Führungsrollen in kleineren Firmen vor dem nächsten Karriereschritt
Viele Beschäftigte orientieren sich dabei auch an erfolgreichen Karrierewegen ehemaliger Kollegen. Besonders häufig passiert das in kleineren Unternehmen.
Ältere CEOs entscheiden oft vorsichtiger
Das höhere Alter an der Spitze hat auch Folgen für Unternehmen. Ältere CEOs führen statistisch oft vorsichtiger. Sie gehen seltener große Risiken ein und setzen weniger auf radikale Veränderungen. Das betrifft zum Beispiel:
- Forschung und Entwicklung
- neue Technologien wie künstliche Intelligenz
- große Übernahmen
- schnelle strategische Umbauten
Jüngere Chefs handeln oft offensiver. Ältere setzen eher auf Stabilität und Kontrolle. Das muss nicht schlecht sein. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wünschen sich viele Unternehmen genau diese Ruhe. Wer durch schwierige Märkte steuern muss, sucht oft keinen schnellen Entscheider, sondern einen verlässlichen.
Saidi erklärt: „Langfristig spiegelt sich darin eine Verschiebung hin zu generalistischen Kompetenzen wider, also Fähigkeiten, die zur Koordination, Anpassung und Entscheidungsfindung unter Unsicherheit genutzt werden können.“ Er ergänzt: „Diese sind schwer zu automatisieren und gewinnen daher an Bedeutung.“
Unternehmen achten heute stärker darauf, wie breit jemand denkt, führt und Probleme löst. Für angehende Spitzenmanager bedeutet das: Karriere entsteht weniger durch Tempo, wichtiger werden unterschiedliche Erfahrungen, gute Entscheidungen und der Umgang mit Unsicherheit.
Kurz zusammengefasst:
- CEOs werden immer älter: Statt mit Ende 40 übernehmen viele die Unternehmensspitze erst mit Mitte 50, weil Firmen mehr Erfahrung und breiteres Wissen erwarten.
- Unternehmen suchen Generalisten statt schneller Aufsteiger: Verschiedene Branchen, Führungsrollen und externe Stationen zählen mehr als ein schneller interner Karriereweg.
- Ältere CEOs führen vorsichtiger und stabiler: Sie setzen seltener auf große Risiken und radikale Veränderungen, was besonders in unsicheren Zeiten für viele Unternehmen attraktiv ist.
Übrigens: Auch die Möglichkeit zum Homeoffice ist ein entscheidender Faktor für moderne Karrieren – allerdings längst nicht für alle. Besonders in gut bezahlten und männerdominierten Berufen ist flexibles Arbeiten Standard, während viele Beschäftigte in Pflege oder Erziehung weiter darauf verzichten müssen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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