Gletscher schmelzen rasant – Alpen verlieren ihr 6.000 Jahre altes Gedächtnis
Gletscher in den Alpen verlieren schnell an Masse – damit verschwindet ein 6.000 Jahre altes Klimaarchiv Stück für Stück und wichtige Umweltdaten gehen verloren.
Die Weißseespitze, der Gepatschferner und die Weißkugel zeigen die Gletscherlandschaft der Alpen – doch das Eis schwindet rasant und mit ihm ein 6.000 Jahre altes Klimaarchiv. © Earth Science and Remote Sensing Unit, Lyndon B. Johnson Space Center
In den Alpen schmelzen die Gletscher sichtbar und mit ihnen verschwindet ein einzigartiges Klimaarchiv. Dieses Eis speichert seit Jahrtausenden Spuren von Umwelt, Klima und menschlicher Aktivität. Diese Informationen gehen nun unwiederbringlich verloren.
Neue Messungen von der Weißseespitze zeigen, wie schnell dieser Prozess abläuft. Der Gletscher liegt auf rund 3.500 Metern Höhe an der Grenze zwischen Tirol und Südtirol. Dort hat sich die Eisdicke innerhalb weniger Jahre fast halbiert. Was bleibt, ist nur ein Rest eines Archivs, das über 6.000 Jahre zurückreicht.
Alpen-Gletscher schmelzen – wertvolle Eisdaten gehen verloren
2019 entnahm ein Forschungsteam einen rund zehn Meter langen Bohrkern aus dem Eis. Heute sind an dieser Stelle nur noch etwas über fünf Meter übrig. Rund die Hälfte des Eises ist bereits verschwunden. Besonders auffällig: Die jüngsten rund 370 Jahre fehlen komplett. Diese Schichten sind schon vor der Bohrung abgeschmolzen.
Die Arbeiten laufen unter hohem Zeitdruck. Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beschreibt die Situation als eine Art Rettungsgrabung. „Die Gletscherreste, und damit das Klimaarchiv darin, werden bald weg sein – viel rascher als kürzlich gedacht.“

Forscher kämpfen um letzte Daten aus dem Eis
Das Eis auf der Weißseespitze gehört zu einem besonderen Typ. Es handelt sich um sogenanntes „kaltes Eis“. Dieses bewegt sich kaum und speichert deshalb Umweltinformationen besonders gut. Solche Archive sind selten. Deshalb versuchen Forschende, so viele Daten wie möglich zu sichern.
Früher war der Eiskörper deutlich mächtiger. Während der Kleinen Eiszeit erreichte er eine Dicke von etwa 30 Metern. Heute sind nur noch rund fünf Meter übrig. Die Entwicklung verläuft deutlich schneller als frühere Modelle erwartet hatten.
Eis speichert Spuren aus Römerzeit und Mittelalter
Im Inneren des Gletschers lagern winzige Teilchen aus der Luft. Dazu gehören:
- Pollen aus Pflanzen und Wäldern
- Ruß aus Bränden
- Metalle aus Bergbau und Verarbeitung
- chemische Rückstände aus der Atmosphäre
Diese Stoffe geben Einblick in vergangene Lebensräume. Sie zeigen, wie sich Natur und menschliche Aktivitäten über Jahrtausende entwickelt haben. „Das Eis ist eine gute Falle für alles, was in der Luft transportiert wird“, so Fischer.
Deutliche Spuren menschlicher Aktivitäten im Eis
Die Analyse zeigt klare Hinweise auf frühe Eingriffe des Menschen. Ab etwa 950 nach Christus steigen die Werte von Metallen wie Blei, Kupfer und Silber deutlich an. Diese Phasen passen zu intensiven Bergbau- und Schmelzprozessen im Mittelalter.
Auch die sogenannte „Kolonialisierung der Alpen“ lässt sich nachvollziehen. Pollen zeigen, wann Wälder gerodet wurden und sich die Landschaft veränderte. Die Daten stimmen gut mit Untersuchungen aus Mooren überein. Selbst Ereignisse aus der Römerzeit hinterließen messbare Spuren im Eis.
Wärmephase ohne Vergleich in der jüngeren Erdgeschichte
Die aktuellen Daten liefern noch eine weitere wichtige Erkenntnis. Die Temperaturen in den Alpen liegen heute auf einem Niveau, das es seit sehr langer Zeit nicht gegeben hat. „Diese Nähe zum Kipppunkt spürt man hier“, sagt die Forscherin.
Hinweise aus verschiedenen Klimadaten deuten darauf hin, dass eine vergleichbare Wärmephase seit mindestens 800.000 Jahren nicht aufgetreten ist. Das verändert die Bedingungen in den Alpen grundlegend.
Neue Risiken durch tauenden Untergrund entstehen
Mit dem Verschwinden des Eises entstehen neue Herausforderungen. Viele Flächen waren über Jahrtausende gefroren. Nun tauen sie auf. Das betrifft auch den Permafrost im Gebirge. Die Folgen sind noch schwer abzuschätzen. Forschende stellen sich unter anderem diese Fragen:
- Wie stabil bleiben Hänge ohne gefrorenen Untergrund?
- Wo steigt das Risiko für Steinschläge oder Rutschungen?
- Wie verändern sich Pflanzen und Tiere auf freigelegten Flächen?
Fischer warnt: „Die Gletscher sieht man, aber die Permafrostverteilung in Österreich ist weitgehend unbekannt.“
Ein einzigartiges Archiv verschwindet unwiederbringlich
Mit jedem Meter Eis geht mehr verloren als nur gefrorenes Wasser. Es verschwinden Daten aus Zeiten ohne Messgeräte. Diese Informationen lassen sich später nicht rekonstruieren.
Die Entwicklung verläuft schneller als erwartet. Gleichzeitig wächst der Druck, die letzten Archive zu sichern. Denn was jetzt schmilzt, ist nicht nur ein Teil der Landschaft – es ist ein Stück Geschichte, das sich nicht zurückholen lässt.
Kurz zusammengefasst:
- In den Alpen schmelzen Gletscher schnell – dabei geht ein einzigartiges Klimaarchiv verloren, das rund 6.000 Jahre Umwelt- und Menschheitsgeschichte gespeichert hat.
- Das Eis enthält messbare Spuren von Bränden, Bergbau und Luftverschmutzung bis zurück in die Römerzeit – selbst frühe menschliche Einflüsse lassen sich klar nachweisen.
- Mit jedem Meter Eis verschwinden unwiederbringliche Daten, die helfen, Klimawandel, Naturgefahren und Umweltveränderungen besser zu verstehen.
Übrigens: Während in den Alpen ein Klimaarchiv aus Eis verschwindet, zeigt die Antarktis, wie stark der Ozean CO₂ speichern kann. Neue Daten deuten darauf hin, dass Veränderungen in der Tiefsee schon am Ende der letzten Eiszeit das Klima mit beeinflussten. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Earth Science and Remote Sensing Unit, Lyndon B. Johnson Space Center via Wikimedia unter Public Domain
